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Donnerstag, 21.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Der gute Mensch von Downtown

Mit einem Stück „inspiriert von Brecht und der Bibel, von alten Quellen und neuen Katastrophen“ gastiert das Berliner Theater RamabaZamba mit großem Erfolg beim Brechtfestival

von Halrun Reinholz

Eva Matthes als Erzengel Gabriel (c) Melanie Bühnemann (brechtfestival)

Eva Matthes als Erzengel Gabriel (c) Melanie Bühnemann (brechtfestival)

In Brechts Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ suchen die Götter einen guten Menschen in der Stadt und werden nach vielen Abweisungen im Haus der Prostituierten Shen Te fündig. Auch aus dem Alten Testament ist im Zusammenhang mit Sodom und Gomorra die Geschichte von Lot überliefert, der als einziger Gerechter mit seiner Familie vom Untergang verschont werden soll. Das Theater RambaZamba aus Berlin verknüpft dieses Thema auch noch mit dem Prolog aus Goethes Faust und der Wette des Teufels: Die Erzengel Gabriel (Eva Matthes) und Michael (Hans-Harald Janke) machen sich auf die Suche nach drei guten Menschen, damit Gott die Menschheit vor der Sintflut verschont. Fündig werden sie in „Down-Town“, ein Name in Anlehnung an die Besonderheit des Theaters RambaZamba, dessen Ensemble vorwiegend aus Menschen mit dem Down-Syndrom besteht.

1991 hat Gisela Höhne, Regisseurin und Dramaturgin, dieses ungewöhnliche Projekt ins Leben gerufen und seither hat das Theater seinen festen Platz in der Berliner Szene und gastiert auch immer wieder erfolgreich in anderen Städten. Wie jetzt eben mit einem abgewandelten Brecht beim Augsburger Brechtfestival.

Ensemble RambaZamba Theater Berlin: "Der gute Mensch von Downtown" (c) Christian Menkel (brechtfestival)

Ensemble RambaZamba Theater Berlin: "Der gute Mensch von Downtown" (c) Christian Menkel (brechtfestival)

Die Stücke des Theaters sind allesamt Stückentwicklungen, auch wenn es als Grundlage oft ein konkretes Werk gibt. Der gute Mensch von Sezuan scheint auch hier immer wieder durch, doch der Verlauf der Handlung ist wesentlich bestimmt von gegenwärtigen Themen und Belangen. Thematisiert wird auch die Behinderung der Darsteller: Dass es sich in der imaginären Stadt um Bewohner mit dem Down-Syndrom handelt, die sich im Lauf der Handlung von ihrer Betreuerin emanzipieren und selbständig einen Tee-Laden eröffnen. Wie Shen Te bei Brecht scheitern sie daran, dass man als guter Mensch ausgenützt wird und nichts für seinen eigenen Lebensunterhalt verdient. Deshalb müssen Besche Ju, Besche Ne und Besche Zo sich hin und wieder als „Bacha Posch“ (hier eine Art Guerillakämpfer mit Gesichtsmaske) verkleiden und ihre Schulden eintreiben.

Die drei Frauen (Juliana Götze, Nele Winkler und Zora Schemm) agieren als Hauptdarstellerinnen differenziert und mit professionellem Anspruch. Wie das gesamte Ensemble sind sie ausgebildet und offiziell als Schauspieler/innen beim Theater angestellt. Angelika Dubufé (Bühne) und Beatrix Brandler (Kostüme) sorgen für ein frisches, märchenhaftes Ambiente. Denn da es sich bei dem Stück um eine Parabel handelt, bietet sich eine märchenhaft-fantasievolle Ausstattung an. In diesem Sinn sorgen auch die Figuren der beiden Engel und des Teufels (Aaron Smith) ebenso wie die des ausbeuterischen Herrn LimBim (Joachim Neumann) für den  Spaß am Bühnengeschehen.

Die Zusammenarbeit mit prominenten Schauspielern (wie hier Eva Mattes) ist übrigens auch ein Markenzeichen des RambaZambatheaters, dadurch wird die Arbeit mit behinderten Schauspielern automatisch aus der „Nische“ des Laientheaters gehoben. Eine wichtige Rolle spielt bei den RambaZamba Stücken immer auch Musik (hier live: Ernst Bechert, Stefan Dohanetz, Moritz Höhne) und (Tanz-)Bewegung (Choreografie: Kerstin Rünzel). Bei aller Ernsthaftigkeit verschiedener Themenbereiche (Liebe, Freundschaft, Kinder – wie auch im Brecht-Stück vorhanden) wird aus Brechts Sezuan-Vorlage ein opulentes, gut gelauntes Märchen-Spiel in dessen positivem Sinn. Eine echte Bereicherung für das Augsburger Brecht-Festival.