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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Das ABC der Solidarität oder die Geschichte eines Desasters

Was unter dem Titel „Das ABC der Solidarität“ am vergangenen Sonntag in der Brechtbühne im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals als Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung angekündigt war, geriet zu einem Desaster, das in seiner Absurdität den Tiefpunkt des Festivals markieren könnte, stünde selbiges zu diesem Zeitpunkt nicht erst am Anfang. Belastend für den Fortgang des Festivals kam ein Nachtreten von Festivalleiter Wengenroth hinzu.

Von Bernhard Schiller

Kathrin Röggla, Vizepräsidentin der Berliner Akademie der Künste, der emeritierte Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung, Bazon Brock sowie die Bloggerin Stefanie Sargnagel waren geladen, um ausgehend von Brechts Text „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ über das „Verhältnis von Egoismus und Solidarität heute“ zu diskutieren. Moderiert werden sollte das Ganze von Knut Cordsen, Moderator der „Kulturwelt“ bei Bayern2. Aber Cordsen moderierte nicht.

Womit das Hauptproblem umrissen wäre. Wenn man einen intellektuellen Riesen wie Brock neben eine Internetberühmtheit (Sargnagel) setzt und wünscht, dass beide auf Augenhöhe diskutieren, dann ist das ein kühnes Vorhaben. Gesellt man denjenigen mit Kathrin Röggla zudem ein zwar kluges, aber ebenso leises Stimmchen bei und lässt die Moderation ausfallen, entsteht wenig, außer Unheil, das dann auch seinen Lauf nahm. So breitete zunächst Bazon Brock seine Argumente aus, nicht nur zutiefst überzeugt davon, sondern augenscheinlich auch von seiner Rolle als „Polemosoph“, einem mit Überzeugung Streitenden. Bis er durch eine Intervention aus dem Publikum unterbrochen wurde.

Seine Thesen vom freien Spiel der kapitalistischen Kräfte und der kompetitiven Gegnerschaft als Werkzeug, um den sozialen Frieden zu gewährleisten, blieben unerhört. Brock formulierte beinahe christlich: „Fördere Deinen Konkurrenten“. Die  neurechte „Identitäre Bewegung“ und alle, die in identitätspolitischen Zusammenhängen denken, bezeichnete er wörtlich als „Deppen“, weil sie in ihrer Feindseligkeit nicht verstünden, dass Identität erst durch die Absetzung vom Anderen entstehe. Wer eine Identität haben wolle, brauche den Anderen, die andere Identität. Brocks stärkste These war aber die zur Wahrheit. Kurz gesagt: Das menschliche Verlangen nach Wahrheit sei zwar eine Denknotwendigkeit, aber es sei ebenso gefährlich. Aufgabe unserer Zeit sei es, „die Kritik der Wahrheit durchzusetzen“. Nur so könne der „Profibürger“ entstehen, wie Brock den Menschen nennt, der sich nicht von Ärzten, Religionen, der Industrie mit fragwürdigen Wahrheiten füttern lasse. „Niemand“, so Brock, „kann aus der Wahrheit leben.“ Ein dialektisches Vergnügen.

Offensichtlich war aber nicht einmal Festivalleiter Wengenroth im Bilde darüber, wer die Protagonisten seiner Veranstaltung waren. Wie sonst lässt sich seine Einlassung im Interview mit dem Deutschlandradio nachvollziehen, in welchem er Brock als Hauptverantwortlichen am kollektiven Desaster ausmacht, ihm „monolithische Diskussionsverweigerung“ und „Wissenschauvinismus“ vorwirft? Wengenroth verteidigt weiter die aus seiner Sicht „defensive Gesprächskultur“ der beiden Frauen.

Ein interessanter Standpunkt nach einer Veranstaltung, die Objektivität und fake news zum Gegenstand hatte. Man kann natürlich auch zu einer anderen Einschätzung gelangen. Sargnagel konnte Brocks scholastischen Argumente zum Verhältnis von Identität und Menschenwürde nicht folgen. Das im Nachhinein als „Wissenschauvinismus“ und „theoretisches Schwanzrauspacken“ (Sargnagel ebenfalls gegenüber Deutschlandradio) zu bezeichnen, verrät lediglich eigene Bildungsdefizite. Zudem war es Kathrin Röggla, die Sargnagels Replik an Brock kassierte, indem sie ihr ins Wort fiel.

Von Röggla mehr zu hören, wäre wiederum schön gewesen. Als sie die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt des Widerstandes stellte, einem „Problem, dem wir alle unterworfen“ seien, hätte die Diskussion auch in Richtung Publikum geöffnet werden können. Doch wo der Moderator schweigt, kann sich nichts entwickeln. Brock beschwerte sich über zu wenig Redezeit. Sicher eine subjektive Einschätzung, die man ihm aber kaum anlasten kann. Es wäre die Aufgabe der Moderation gewesen, das Gespräch gemeinsam ihm anhand eines roten Fadens und in Richtung der Anderen zu entwickeln. Kathrin Röggla hätte ihm argumentativ Kontra bieten können, was in wenigen raren Momenten deutlich wurde. Doch Röggla suchte lieber die Nähe zum Publikum, dass längst Brock zum Sündebock erkoren hatte und auf diese Weise die „Moderation“ übernahm.

Sargnagel wirkte in dem Ganzen etwas deplaziert mit ihrer zunächst humoristischen, zunehmend eher obsessiven Analyse der Neuen Rechten, die in erster Linie Brocks Thesen zur Identität zu bestätigen schienen. Brock unterbrach Sargnagels Vortrag barsch, indem er ihn zu einem „Vorlesewettbewerb“ deklassierte. Völlig Unrecht hatte er damit nicht. Das Publikum wartete da längst auf Erlösung. Am Schluß spottete Sargnagel noch in dem ihr eigenen Pöbeljargon gegen den 82-jährigen Brock: „Das machen wir dann draußen vor der Tür aus.“ Ein intellektuelle und zivilisatorische Kapitulation. Der alte, weiße Mann scheint vogelfrei zu sein. Das hatte Sargnagels Schwester im Geiste, die letztjährige Brechtfestivalkatastrophe Laurie Penny, ja schon am selben Ort gefordert.

Trotz der Gefahr eines „extremen Wissenschauvinismus“ verdächtigt zu werden, soll an dieser Stelle festgehalten werden, dass das Wort „Moderation“ lateinischen Ursprungs ist und nicht nur „Lenkung“ bedeutet, sondern auch „Mäßigung“. Die moderierende Instanz sorgt für ein moderates Miteinander. Das ist das kleine Einmaleins der Solidarität.



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