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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Brecht im Dickicht der Einsamkeit

Auf Einladung des Kulturbüros Königsbrunn versuchte der Augsburger Literaturwissenschaftler Helmut Koopmann mit einem Vortrag unter dem Titel „Brecht – der unbekümmerte Fatalist“ dem seelischen Erleben Brechts näher zu kommen. Dabei skizzierte er den Dichter als heimatlosen und zeitlebens verunsicherten Zweifler.

Von Bernhard Schiller

Brecht um 1918 (c) Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

Brecht um 1918 (c) Staats- und Stadtbibliothek Augsburg


Der ehemalige Professor für Neuere Deutsche Literatur gilt als ausgewiesener Brecht-Kenner und präsentierte im voll besetzten Vortragssaal der Königsbrunner Rathauses seinen Versuch einer Psychographie Brechts. Für die musikalische Rahmung sorgten Rita Marx am Klavier und die Sängerin Iris Marie Kozian mit überzeugendem Vortrag. Koopmann geleitete seine Zuhörer unterhaltsam durch verschiedene Stationen aus dem Leben des Stückeschreibers.

Angefangen beim jungen Brecht, der von seinen Zeitgenossen als ordinärer, schmutziger Weiberheld beschrieben wurde, über den Zigarren qualmenden „Lederjackenbrecht“ der 20er Jahre, dessen Leidenschaften das Boxen und die Frauen waren, bis hin zum unglücklichen Exilanten und Rückkehrer, der sich mit dem Regime der DDR arrangierte.

Dabei verließ Koopmann oberflächliche Beschreibungen Brechts und versuchte hineinzuleuchten in die Tiefendimension seiner Psyche. War Brecht wirklich nur dieser ichsüchtige Draufgänger und Frauenheld, als den ihn viele seiner Zeitgenossen erlebten? Weshalb sprechen seine Liebesgedichte dann häufig eine andere Sprache? Was trieb ihn wirklich an? Koopmann kritisiert die Forschungsliteratur, welche den Menschen Bertolt Brecht allzu gerne „stromlinienförmig und einförmig“ zeichnen würde, weil dieser so „fassbar und durchgängig erklärbar“ sei.

Brechts Fatalismus seit dagegen weitgehend unbekannt. Anhand zahlreicher Zitate, vor allem aus der Lyrik Brechts, schildert Koopmann eine zutiefst einsame, misstrauische, an der Welt – aber auch an sich selbst – zweifelnde Seele. Schwarz sei der lyrische Leitfaden eines Menschen gewesen, der auf dieser Erde keine Heimstatt hatte, auch keine finden konnte. Als junger Mann in Augsburg habe sich Brecht gerne in die Wälder begeben, wo er allein sein konnte und ihm die Natur das Gegenüber war. Im Laufe der Zeit habe er sich regelrecht ins Theater zurückgezogen von der Welt.

In den späteren Jahren in Ostberlin haderte Brecht nicht nur mit dem Regime, zog sich immer wieder aufs Land zurück. Nur noch vage Vorstellungen vom Frieden und vom Kommunismus seien ihm geblieben, das lebenslange Mißtrauen noch gewachsen. Der gleichsam kurzweilige wie bedrückende Abend schloß mit dem Lied „Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“. Den Königsbrunnern hat es sehr gut gefallen.



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