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Samstag, 04.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival 2017: „Ändere die Welt, sie braucht es“

Die ganze Spielzeit schon bemüht sich das Theater um Schadensbegrenzung, erkundet Spielstätten, improvisiert, zaubert Möglichkeiten aus dem Nichts. Auch das Brechtfestival 2017, das vom 3. bis zum 12. März stattfindet, hatte eigentlich andere Prämissen, als der damals (zunächst für ein Jahr) designierte Leiter Patrick Wengenroth sein Programmkonzept erarbeitete. Nun ist alles anders, Kreativität ist gefordert und die wichtigste Kunst ist die der Improvisation.

Von Halrun Reinholz

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Programmvorstellung: Patrick Wengenroth, Selcuk Cara, Thomas Weitzel (v.l) (c) DAZ


„Wir müssen jonglieren“, wird  der Festivalleiter in der AZ zitiert. Auf der Pressekonferenz zur Programmvorstellung des Festivals relativiert er diese Aussage mit positiver Gelassenheit: „Wir dürfen jonglieren.“ Denn bei allen Widrigkeiten sieht ein Künstler wie Patrick Wengenroth auch immer eine Chance. „Nie hätte ich so viele Orte in Augsburg kennengelernt, wenn das Große Haus verfügbar gewesen wäre.“ Auch wieder wahr. Entspannte Atmosphäre also bei der Vorstellung des Festivalprogramms, vielleicht auch den Räumlichkeiten geschuldet: Das sensemble-Theater steht für die freie Theaterszene und stellt mit seiner Bar den passenden Ort für die erste Pressekonferenz des neuen Brechtfestivals. Festivalleiter Wengenroth liegt sichtlich daran, die Zusammenarbeit mit den Akteuren der lokalen Kulturszene in den Vordergrund zu stellen. Er betont, dass es ein Festival der Augsburger sei und erst in zweiter Linie ein Magnet für Publikum von außen – zum Beispiel aus München. Eine wichtige Funktion solcher Festivals sieht er auch für die Künstler, die sich aus diesen  Anlässen begegnen, austauschen und vernetzen können.

„Maßnahme“ mit Bezug zur Aktualität

Nun, die Brecht-Prominenz, die man unter Joachim Langs Leitung in schöner Regelmäßigkeit in Augsburg begrüßen konnte, wird diesmal nicht da sein. Die Brecht-Revue ist eine Eigenproduktion des Theaters unter der Regie von Wengenroth, der nebenbei auch noch als Bühnenbildner und Darsteller fungiert. Eine weitere Eigenproduktion wird „Die Maßnahme“ sein, Bereits zweimal vor überschaubarer Zeit beim Brechtfestival Langs aufgeführt. Doch Regisseur Selcuk Cara erläutert überzeugend, warum er ausgerechnet dieses Stück machen wollte. Drei aktuelle Ereignisse sieht er als Anlass dafür, den Konflikt zwischen individuellem und globalem Interesse an einer Sache zu thematisieren: Da wäre erstens das Reformationsjubiläum, zweitens die Flüchtlingskrise und drittens Bertolt Brecht und seine politische Haltung. Alles Ansätze für die Veranschaulichung des Gedankens, wie er in der „Maßnahme“ durchgespielt wird – nämlich, dass die „große“ Sache Opfer fordert und das „kleine“ Mitleid mit Einzelschicksalen dem entgegen steht. Der ausgebildete Opernsänger und erfahrene Film- und Musiktheaterregisseur sieht in dieser Regiearbeit eine besondere Herausforderung.  „Wenn ich hier versage, versage ich nicht nur als Regisseur,  sondern als Mensch“, verkündet er etwas pathetisch. Man darf gespannt sein.

Schwerpunkte: Walter Benjamin und der Feminismus

Eine weitere Eigenproduktion fokussiert einen der thematischen Schwerpunkte des Brechtfestivals 2017: Brechts Verhältnis zu Walter Benjamin. Unter der wissenschaftlichen Beratung von Prof. Dr. Erdmut Wizisla, Leiter des Brecht- und des Benjamin-Archivs in Berlin, entstand in Kooperation mit der Akademie der Künste Berlin die „theatralische Versuchsanordnung“ auf den Spuren der beiden herausragenden Persönlichkeiten ihrer Zeit, die 1931 die gemeinsame Herausgabe der Zeitschrift „Krise und Kritik“ planten. Entsprechend heißt die musikalisch-theatralische Produktion. „Krise ist immer.“ Zum Thema Brecht und Benjamin bietet das Festival außerdem noch eine von Prof. Wizisla betreute Werkstatt unter dem Motto „Laboratorium der Vielseitigkeit“ im sensemble Theater an. Ein weiterer Themenschwerpunkt des Festivals ist die Auseinandersetzung mit dem Feminismus. Unter dem Motto „Feminismus ist für alle da“ wird sich ein Thementag am  5. März mit Lesungen,  Gesprächen und Performances  über „Feminismus und Chauvinismus, Frauen und Männer, Gender und Gesellschaft“ auslassen.

Brecht kommt selbst zu Wort

Leider war es ohne die entsprechende Spielstätte nicht möglich, große Theaterproduktionen als Gastspiele einzuladen. Dennoch hat der Festivalleiter einige interessante Kooperationsprojekte ins Programm gesetzt. Hervorzuheben ist die niederländische Produktion „Gas. Plädoyer einer verurteilten Mutter“. Eine Produktion, die mit deutschen Übertiteln aufgeführt wird. Und dann ein ungewöhnliches Projekt aus Berlin mit prominenten Gästen (Eva Mattes, Cornelia Kempers, Meriam Abbas): „Der gute Mensch von Downtown“. Kinder mit Down-Syndrom agieren auf der Bühne und erzählen eine Geschichte, die inspiriert ist von „Brecht und der Bibel, von alten Quellen und neuen Katastrophen“. Brecht im Orginal kann man auch bei den „Svendborger Gedichten“ erleben. Die Produktion der bluespots productions war mit diesem deutsch-dänischen Projekt schon in Dänemark sehr erfolgreich. Die Deutschlandpremiere erfolgt nun im Rahmen des Brechtfestivals. Auch im Gastspiel von Konstantin Wecker im Rahmen der langen Brechtnacht kommt der Dichter wohl im mehr oder  weniger selbst verfremdeten Original  zu Wort.

Präsenz zeigt bei dem Festival auch wieder die Brecht-Forschung: Die entsprechende Forschungsstätte in der Staatsbibliothek integriert die Feier ihres 25jährigen Jubiläums in Form einer Tagung  ins Programm des Brechtfestivals. Namhafte internationale Brechtforscher werden sich unter der Moderation von Prof. Dr. Andrea Bartl zwei Tage lang über „Brecht zwischen Tradition und Moderne“ austauschen. Publikumswirksamer könnte der von Prof. Dr. Joachim Lucchesi präsentierte Diskurs zur Dreigroschenoper ausfallen: „Damit die Spießer etwas Kühnes lesen“. Iris Marie Kotzian (Gesang) und Stephanie Knauer (Klavier) werden die Theorie mit Liedern aus der Dreigroschenoper begleiten.

Fazit: Neu und doch vertraut

Vertrautes wie die lange Brechtnacht gibt es auch in diesem Jahr wie gehabt, mit vielen Spannung verheißenden Programmpunkten an teilweise ungewohnten Orten. Das bringt das Improvisieren so mit sich, in dem Fall aber sicher nicht zum Nachteil des Festivals. Ein ergrauter Programmpunkt ist auch der Poetry Slam „Poetry- Dead or Alive?“, der, kuratiert von Lydia Daher und Girisha Fernando, in bekannter Manier als Wettbewerb zwischen fünf Slammern und fünf Schauspielern in historischen Rollen stattfinden. Für die Zielgruppe Kinder/Jugendliche gibt es spezifische Angebote, von einer Schüler-Schreibwerkstatt bis hin zum internationalen Jugendtheaterprojekt „Das Brot des Volkes“ zum Themas „Gerechtigkeit“, das im sensemble Theater realisiert wird. Was es diesmal nicht geben wird, ist eine „Festival-Zentrale“ im klassischen Sinn, doch für die Festivalzeit wird der Hoffmannkeller zum „Brechtkeller“, wo Premierenfeiern stattfinden oder man sich nach den Veranstaltungen zu Begegnungen und Gesprächen treffen kann.

Viel Neues an der Brechtfront,  doch Patrick Wengenroth ist eher behutsam mit dem gewohnten Format von Joachim Lang umgegangen. Das war klug, denn vieles hatte sich bewährt und die prekäre Raumsituation ist für ein revolutionäres Neukonzept auch eher wenig geeignet. Was sich der Festivalleiter für sein Publikum wünscht? Es soll nach dem Festival sagen: „Es war anstrengend, aber es hat mir was gebracht.“ Per aspera ad astra. Man darf gespannt sein.

Alle Informationen zum Brechtfestival 2017 vom 3.-12.3. 2017 und das komplette Programm unter www.brechtfestival.de