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Samstag, 24.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brecht hoch drei, Brecht mal zwei

Bluespots Productions zeigten im Brechtfestival zwei Inszenierungen mit unterschiedlichem Niveau

Von Frank Heindl



Ausgezogen, die Augsburger Theaterwelt zu revolutionieren, sind die in der Szene stadtbekannten Pichler-Zwillinge, ihres Zeichens Regisseurinnen und Gründer des Ensembles „Bluespots Productions“, beim einstmals revolutionären Brecht angekommen – und damit auf den Brettern und Bühnen, die etabliertes Theater machen. Wobei sich die Produktionsbedingungen für „Bluespots“ natürlich noch nicht so darstellen wie für die Großen. Immerhin: Man ist auf dem Weg zu den Fleischtöpfen, sprich: städtischen Subventionen schon ein gutes Stück vorangekommen. Mal sehen also, ob sich das auch fürs Publikum lohnt.

Osaka, Chicago, Augsburg: dreimal Ja + dreimal Nein = Brecht³

Schon vor gut einer Woche zeigte die eine Hälfte des Zwillingspaars, Leonie Pichler, ihre Produktion in der Brechtbühne, ein ambitioniertes Projekt unter dem Titel „Brecht³“. Der organisatorische Aufwand war beträchtlich: Ensembles aus Japan (Osaka), den USA (Chicago) und Deutschland (Augsburg) spielten die Brechtschen Lehrstücke vom Jasager und vom Neinsager. Die Aufführung fand dreimal statt – in Augsburg mittags um zwölf, abends um acht und morgens um drei Uhr, in jedem Land gab’s demzufolge eine Abendvorstellung um 20h Ortszeit. Und die jeweils zwei parallelen Aufführungen von den anderen Enden der Welt wurden per Internet und Video-Livestream übertragen.

So konnte man in der Augsburger Mittagsvorstellung zunächst auf der Leinwand erleben, wie das japanische Ensemble um 20 Uhr Ortszeit die Brecht-Adaption eines Stückes aus der japanischen No-Theater-Tradition wieder auf dessen Ursprung zurückführte. Schüler und Meister wollen zusammen eine von der Tradition vorgeschriebene Bergtour machen – wegen der Krankheit seiner Mutter soll der Schüler zurück bleiben, erkämpft sich aber das Recht, doch teilnehmen zu dürfen, um die Götter zur Heilung seiner Mutter zu veranlassen. Unterwegs erkrankt er und wird, einem weiteren Brauch folgend, lebend in eine Schlucht geworfen. Dieser Brauch erfordert zwar die Zustimmung des Schülers, doch gehört auch dessen Einverständnis zum Ritus und steht somit außerfrage – in der Version des „Jasagers“ stimmt der Schüler zu. Die Japaner nun ließen auf diese Inszenierung nicht die des Brechtschen „Neinsagers“ folgen, sondern zeigten, wie die altjapanische Fabel ausging, bevor Brecht sich ihrer annahm: Die plötzlich reumütig-mitfühlenden Wanderer bitten die Götter, den Schüler wieder lebendig zu machen, damit dieser seiner Mutter weiter beistehen kann – und so geschieht es.

Japan inszeniert im traditionellen Gewand

Gespielt wurde in Osaka auf einer winzigen Bühne in traditionellen (und unglaublich wertvollen) Gewändern und im ebenso traditionellen japanischen Sprechgesang, dessen Erlernen eine jahrelange Ausbildung erfordert. Die Gespräche zwischen Schüler und Meister fanden jeweils als Schattenspiel hinter einem Paravent statt – die Musik allerdings wurde von Mitspielern in Alltagskleidung auf modernen Instrumenten gespielt. Einerseits also eine Rückführung Brechts auf die alte Tradition, andererseits deren partielle Modernisierung – und insgesamt der Eindruck, dass der Brechtsche Lehrspielcharakter gar nicht weit weg war von der klassisch japanischen Spiel- und Inszenierungsweise.

Danach folgte der Beitrag aus den USA – mit allereinfachsten Mitteln und in Alltagskleidung zeigten dort um sechs Uhr früh Ortszeit Studenten extrem reduzierte Fassungen der beiden Stücke. Ein paar Stühle stellen den zu überquerenden Gebirgszug dar, das Tuch, das die Stühle zunächst verhüllt hat, dient erst als Umhang, später als Kletterseil. Und als der junge Schüler in die Schlucht gestürzt worden ist, kehrt man an den Anfangspunkt der Geschichte zurück, spielt sie ganz genau so nochmal bis zum Punkt des Widerstandes – diesmal verweigert sich der Schüler der Tradition und überlebt das Lehrstück. Mag sein, dass die Inszenierung auch deshalb sehr trist wirkte, weil die Tonqualität der Übertragung erbärmlich war und das Bild nicht viel besser – mag auch sein, dass ein Brechtsches Lehrstück heute so wirken muss, wenn man die Regieanweisungen des Autors genau nimmt – immerhin waren die beiden Stücke als Übung für Schauspieler gedacht und nie für die Aufführung bestimmt.

Gewissensstreit gegen Manipulation

Ja- und Neinsager bei Gebirgswanderung in der Inszenierung von Bluespots Productions (Foto: Christian Krinninger).

Ja- und Neinsager bei Gebirgswanderung in der Inszenierung von Bluespots Productions (Foto: Christian Krinninger).


Dass auch mehr geht, durften anschließend die Augsburger zeigen. Wie ernst sie ihre Interpretation nahmen, wie tief sie sich ins Thema knieten, darf man aus ihrer intensiven Vorbereitung schließen: Leonie Pichler hatte ihr Ensemble in Dänemark in jenem Haus in Svendborg einquartiert, in dem Brecht sein dänisches Exil verbrachte. Dort disku­tierte man Inszenierungs­entwürfe, einigte sich auf ein Konzept, probte. Auf der Brechtbühne zeigt das Ensemble dann die professionellste Inszenierung von „Brecht³“: Ein Teil des Publikums, mit weißen Gesichtsmasken ausstaffiert, darf einen Chor darstellen, während der nun schon bekannte Plot ein weiteres Mal abläuft. Sechs große Leitern stehen für das zu überquerende Gebirge, die Darsteller betreten die Bühne mit nacktem Oberkörper, zwei Kameras filmen das Geschehen und übertragen es in die fernen Länder. Pichlers sehenswerter Regieeinfall: Sie hat die beiden Stücke zu einem gemacht, lässt in derselben Aufführung den Ja- wie den Neinsager zu Wort kommen, so dass sich deren widersprüchliche Argumente und Schlussfolgerungen zu einem „zwei Seelen in einer Brust“ vereinigen, zu einer Art innerem Monolog, zum Gewissensstreit zwischen, beispielsweise, Traditionalismus und Autoritätshörigkeit auf der einen, Aufbegehren und Mutterliebe auf der anderen Seite. Pichler gestaltet auch die Rolle der anderen Schüler aktiver: Nach dem vernehmlichen Nein des Schülers versuchen diese das Publikum zu beeinflussen, behaupten nachdrücklich, ein Ja gehört zu haben, verteidigen die Tradition ihres Meisters mit Manipulation und Lügen.

Das war eine erfrischende Herangehensweise – die Freude darüber gesellte sich zu der ebenfalls nicht alltäglichen Erfahrung, wie Kunst und Technik in der Lage sind, weit entfernte Länder und Kulturen für ein Projekt sehr nahe zusammenzubringen – in Japan und Chicago sah man das deutsche Publikum, hörte man den deutschen Applaus ebenso wie umgekehrt. Ein wenn nicht in allen Belangen geglückter, so doch spannender und lohnender Vormittag vielleicht nicht Brecht hoch drei, aber Brecht mal drei allemal.

Weniger Nacktheit als erwartet, mehr Inhalt als befürchtet

Einen Samstag später lud dann Christina Pichler zu ihrem Regieprojekt: der „Brecht Nacktrevue“ im schummrig-prolligen „City Club“ – einer Kneipe am Kö, die den wenigsten Theaterbesuchern vorher schon bekannt war und aus deren Fenstern man einen leicht surreal scheinenden Blick auf den neuen Straßenbahnknoten hat. Das aber nur vor- und nachher, denn das Stück wurde ein Stockwerk höher aufgeführt, wo die Stimmung wieder mehr den Vorstellungen von den 20ern des vorigen Jahrhunderts entsprach. Von der Decke ist der Putz schon fast vollständig herunter gebröselt, den übrigen leicht halbweltmäßigen Eindruck hat das Ensemble selbst erzeugt: bestrapste Mädchen mit Zigarren und Alkohol im Angebot, neben der Garderobe leichtbekleidete Varietégirls beim Schminken und gegenüber vom Eingang ein offenes Klo, in dem sich gerade ein männlicher Strapsträger erleichtert – während vom Band na was wohl erklingt? – genau: „Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral.“

Genau das war die Befürchtung gewesen: dass eine „Nacktrevue“ sowohl ein Übermaß an Klischees als auch eine peinliche Anbiederung mithilfe mangelhaft bekleideter nackter Frauenkörper bieten würde. Die Enttäuschungen lauerten hier aber an anderen Stellen. Der Plot war nicht eben einfallsreich, aber auch nicht allzu dumm: Unbescholtenes Mädchen will beim den „Brechtgirls“ anheuern, kommt in „erotischer“ Kleidung zum Vorsingen, wird von einem Mitarbeiter (dargestellt von SPD-Mann Linus Förster!) abgelehnt und erhält dann von erfahrener „alter Fohse“, wie das bei Brecht heißt und womit eine Hure gemeint ist, passende Ratschläge, mit deren Hilfe sie ihr weiteres Leben gestaltet.

Anbiedernde Nacktheit gab’s entgegen der Ankündigung nicht

Brecht hat zum Thema Sex einiges an Derbheiten hinterlassen – das meiste ist mittlerweile bekannt und wenig skandalträchtig, hilfreich bei der Auswahl war Jan Knopf, wissenschaftlicher Berater des Festivals. Die betreffenden Songs und Gedichte bekam man nun zu hören, zu sehen bekam man leicht bekleidete Girls in Strapsen und Korsagen und einen als Transvestit agierenden Schauspieler, bekleidet mit engem knöchellangen Latexkleid über – ja, natürlich Strapsen. Aber anbiedernde Nacktheit à la „Sex sells“ gab’s eben – der Ankündigung entgegen – gerade nicht.

Schauspielerisch geriet hier das Ensemble schnell an seine Grenzen, an den Balletteinlagen waren sehenswert vor allem – nun ja, die Strapse. Weil das nicht genügen konnte, erging beim Vortrag „Über die Verführung von Engeln“ die Anweisung ans Publikum, sich schwarze Augenbinden umzulegen und das „Kopfkino“ spielen zu lassen. Allerdings reichte die Rezitation des besagten Gedichtes als erotische Phantasievorlage nicht aus – dazu war schon bei der Sprecherin zu wenig Phantasie und zu wenig Einfühlung vorhanden. Das Gedicht, richtig gelesen, ist nämlich gar nicht so derb, und wer die letzten Zeilen („Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht / Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.“) richtig liest, kann sogar eine sehr brechtische Zärtlichkeit in ihnen entdecken – vertane Chance für eine Erotik, in der sich die Zote aufhebt.

Enttäuschendes Ende zum Mitklatschen

Einfallsreich dann aber immerhin die Weiterentwicklung des Plots: Der Transvestit singt und spielt die „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ – und plötzlich wird aus dem Revuespaß der Ernst der 30er-Jahre, windet sich Marie Sanders unter den Schlägen der Nazis, bleibt tot im Hintergrund liegen, während vor ihr das zunächst gescheiterte, mittlerweile um einige nicht erstrebenswerte Erfahrungen reichere Revuemädchen nun doch in die Arbeitskleidung des „Brechtgirls“ gesteckt wird: Sie bekommt eine Korsage auf den nackten Busen geschnallt wie eine Mischung aus Panzer und Arbeitsanzug, sie wird zurechtgebogen, -gezerrt und -geschminkt, wie „Mann“ sie haben will – da ist die „Revue“ plötzlich sehr ernst, wenn nicht sogar ein bisschen subversiv. Warum aber gibt’s dann zum Schluss eine Klampfenversion des Alabama-Songs zum Mitklatschen, und warum wird das vom Publikum dankbar angenommen? Das war dann wieder mehr Anbiederung als nötig!

Viel Applaus für eine nicht rundum gelungene Mutprobe. Und das ist ja der Aspekt, für den man Bluespots trotzdem loben muss: Das Ensemble geht inhaltliche und auch finanzielle Risiken ein (das Fundraising-Projekt zur Spendenfinanzierung der tri-nationalen Brecht³-Produktion ist sanglos untergegangen), stellt sich auf die Bühne und überfordert sich dann eben auch mal. Kann ja passieren. Missen möchte man diese Initiative in der nicht eben ereignisreichen freien Augsburger Szene deshalb trotzdem nicht.