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Samstag, 25.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Bombenentschärfung: Die Macht eines höchst unwahrscheinlichen Ereignisses

Am heutigen Sonntag wird am frühen Nachmittag höchstwahrscheinlich alles vorbei sein. „Bombenentschärfen ist sicherer als Fliegen“, so Augsburgs Feuerwehrchef Frank Habermaier im Vorfeld eines Ereignisses, das die Stadt Augsburg in den Ausnahmezustand versetzt.

Von Siegfried Zagler

Der Count down läuft: Die "Augsburger Luftmine" wird an der Fundstelle entschärft

Der Count down läuft: Die "Augsburger Luftmine" wird an der Fundstelle entschärft


Der Fund einer sogenannten „Luftmine“ ist nichts Seltenes. Von 1943 bis 1945 wurden von den Alliierten schwere Luftangriffe gegen Nazideutschland geflogen und dabei Millionen von Bomben abgeworfen. Allein in Bayern wurden 1,2 Millionen Tonnen Bomben gestreut, davon sind geschätzt zwischen 120.000 und 240.000 als sogenannte „Blindgänger“ gelandet. „Luftmine“ mag harmlos klingen, doch sie ist das Gegenteil davon: 1,8 Tonnen wiegt die in der Augsburger Innenstadt gefundene Luftmine. Sie hat das gleiche Gewicht und die gleiche Sprengkraft wie der im Jahre 2011 in Koblenz gefundene „Blockbuster“. Es handelt sich dabei um eine Brachialwaffe, die meist mit einem Aufschlagzünder versehene ist. Eine Bombe, die mit ihrer Sprengkraft Häuser abdecken sollte, damit die folgenden Phosphorbomben ihre Hitze entfalten konnten. Dieser Bombentypus wurde dafür entwickelt, weiträumig Häuser aufzureißen, damit die folgenden Brandbomben ihr tödliches Handwerk besser verrichten können. 60 Jahre mussten vergehen, bis diese Form der Menschenvernichtung als Kriegsverbrechen klassifiziert wurde.

Zirka 5.500 gefährliche Bomben werden jährlich im gesamten Bundesgebiet gefunden und entschärft. Im Durchschnitt 15 am Tag. Dennoch ist bei diesem explosiven Handwerk verhältnismäßig wenig passiert. Die Zahl der fehlgeschlagenen Entschärfungen ist unterhalb der statistischen Ermittlung, die Zahl der unkontrollierten Explosionen kann man mit einer Hand abzählen. Sie geschehen meistens, wenn ein Bagger auf einen ehemaligen Blindgänger stößt. 336 Luftminen sorgten allein in Augsburg im Winter 1944 für Tod und Zerstörung. Würde die Entschärfung, die am Fundort (Nähe Jakobertor) vorgenommen wird, fehlschlagen und die Bombe detonieren, bestünde in der Stadt Augsburg der Notstand: Im Umkreis von 150 Metern wären Überlebenschancen wegen der starken Druckwelle kaum gegeben. Da die Augsburger Bombe von Häusern umstellt ist, darf man davon ausgehen, dass die Splitter nicht so weit fliegen, wie es in Koblenz angenommen wurde. Dennoch hat der Augsburger Krisenstab für die Schutzzone den gleichen Radius gezogen, der seinerzeit in Koblenz für die Evakuierung von 45.000 Menschen gesorgt hat. In Koblenz gaben sich die Behörden in Sachen „Worst Case“ nicht so bedeckt wie das aktuell in Augsburg der Fall ist. Damals ging man im Vorfeld der Entschärfung davon aus, dass Gebäude in einem Radius von mindestens 1400 Metern um die Bombe beschädigt werden.

Die Stadt Augsburg muss bis heute Vormittag 10 Uhr dafür sorgen, dass 54.000 Menschen die Schutzzone verlassen haben. Eine größeres Präventiv-Szenario hat es bisher in der Nachkriegsgeschichte nicht gegeben. Insgesamt 4.000 Einsatzkräfte stehen dafür zur Verfügungen. Darunter 900 Polizeibeamte, die erstens dafür sorgen sollen, dass die Menschen auch tatsächlich ihre Häuser verlassen und zweitens dafür sorgen sollen, dass Plünderer und Diebe fernbleiben. Bisher verbreitet die Stadt den Eindruck, dass sie der logistischen Aufgabe gewachsen ist. Für den höchst unwahrscheinlichen GAU allerdings sind noch keine detaillierten Pläne bekannt.

„Bombenentschärfen ist sicherer als Fliegen“, so Augsburgs Feuerwehrchef, der das Amt für Katastrophenschutz leitet. Wäre das Undenkbare aber der Fall, bestünde in der Stadt ein Ausnahmezustand. Immerhin kämen die Versicherungen für die Schäden an den Häusern auf, wie heute der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen war.

Die Bürger der Stadt Augsburg nehmen die unvermeidliche Störung ihrer Weihnachtsfeierlichkeiten jedenfalls sehr gelassen zur Kenntnis. Zahlreiche Einladungen an Bekannte und Unbekannte wurden über soziale Netzwerke ausgesprochen, viele sind ohnehin verreist, andere kündigten an, ihre Verwandten außerhalb der Schutzzone bereits zum Frühstück „heimzusuchen“ und nur wenige Bürger wollten sich der Macht des höchst unwahrscheinlichen Ereignisses nicht beugen und ließen mit schwäbischem Starrsinn verlauten, der Anordnung der Stadt nicht zu folgen. 1.000 Euro Bußgeld würden sie dafür in Kauf nehmen.

Zahlreiche Journalisten und überregionale Fernsehteams werden berichten. Im Kongress am Park ist ein Pressezentrum eingerichtet. Die BBC hat sich angemeldet. Schließlich könnte nach dem Brexit die zweite große Explosion made in Great Britain folgen.