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Donnerstag, 22.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Bollwerke gegen die Widrigkeiten der Welt

Premiere im Großen Haus: „Maria Magdalena“ im klaustrophoben Wohnzimmer-Ambiente

Von Frank Heindl

Seine rigiden Ge- und Verbote halten den Lauf der Dinge nicht auf – wenn seine Tochter Klara (Judith Bohle) tot ist, wird Meister Anton (Martin Herrmann) erkennen, dass er die Welt nicht mehr versteht.

Seine rigiden Ge- und Verbote halten den Lauf der Dinge nicht auf – wenn seine Tochter Klara (Judith Bohle) tot ist, wird Meister Anton (Martin Herrmann) erkennen, dass er die Welt nicht mehr versteht.


An diesen Vater erinnert man sich, obwohl Friedrich Hebbel ihn vor fast 170 Jahren erfunden hat: Diese eiserne Prinzipientreue; dieses Herumreiten auf zur absoluten Wahrheit stilisierten Lebensmaximen; dieses gefühllose Bestehen auf überkommenen Moralvorstellungen – man muss nicht mal bis in die 50er-Jahre zurückdenken, um die nahe Gegenwärtigkeit solcher Lebensentwürfe zu fühlen. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hat bei der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeneration jene Gefühlskälte diagnostiziert, von der man, Hebbels „Maria Magdalena“ vor Augen, annehmen muss, sie sei nicht nur als Nachgeburt verlorener Kriege und verdrängter Grausamkeiten denkbar, sondern auch als Folge gesellschaftlicher Umbrüche.

Denn Hebbels Tischlermeister Anton geht es gut, er steht einem Haushalt vor, in dem alle funktionieren. Sohn Karl (Ulrich Rechenbach) schlägt zwar über die Stränge – doch noch ist alles im Lot. Muss er ihn gleich verdammen, als dieser des Diebstahls verdächtigt wird? Er muss wohl, denn da der Sohn lieber kegeln geht als zur Kirche, verstößt er schon gegen die Fundamente der kleinbürgerlichen Lebenswelt. Wer gegen auch nur eines der „zweimal zehn Gebote“ im Haus von Meister Anton frevelt, muss verdächtig sein. Denn diese Gebote dienen nur vordergründig dem gottesfürchtigen und obrigkeitsfrommen Leben – in Wahrheit sind sie ein Bollwerk gegen neue Zeit, gegen Unsicherheit, gegen Veränderung. Dass die Jungen allesamt lesen können, erscheint Antons Frau so absurd, als würde man erwarten, jedermann müsse auf dem Seil tanzen können. Doch die Alten, denen diese Fertigkeit fehlt, geraten nicht nur ihren Kindern, sondern der Gesellschaft gegenüber ins Hintertreffen. Ein (es wird sich herausstellen: zu Unrecht) verdächtigter Sohn, die unehelich schwangere Tochter Klara (für Anton eine dumpfe, aber lebensbedrohliche Ahnung) – das könnte diese ohnehin schon wankende Welt schnell zum Einsturz bringen.

Weggesperrt wird, was nicht ins Konzept passt



Eingesperrt in enges Kästchendenken: Leonhard (Nicholas Reinke) versucht dem Leben mit kühler Berechnung zu begegnen. Klara stört da eher.

Eingesperrt in enges Kästchendenken: Leonhard (Nicholas Reinke) versucht dem Leben mit kühler Berechnung zu begegnen. Klara stört da eher.


Dabei sieht alles so stabil aus. Bühnenbildnerin Judith Oswald hat eine hohe, massiv erscheinende Wand aus übereinander getürmten Schränken auf die Bühne des großen Hauses gestellt. Viele Türen, allesamt vom Tischlermeister gefertigt, dienen, wie Antons Prinzipien, als Bollwerk gegen die Widrigkeiten der äußeren Welt – doch weil Türen immer nach zwei Richtungen zu öffnen sind, kommt auch Unerwünschtes herein. Vor allem aber sperrt Anton seine Familie hinter diesen Türen vor sich selbst weg. Oswalds Bühne ist ein starkes, psychoanalytisch gedachtes Bild nicht nur für Kästchendenken, Abschottung, Angst vorm „Anderen“ und Klaustrophobie, sondern auch dafür, wie Individualität in zu enge Behältnisse gesperrt wird, wie Menschen sich, um eingebildeten Gefahren und unbewussten Ängsten zu entgehen, selbst verkleinern. Und wie weggesperrt wird, was nicht ins Konzept passt.

Die Mutter (Eva Maria Keller) zum Beispiel, kaum vor Gram gestorben, wird in einen dieser Schränke gesteckt – ein paar Nägel, ein Kreuz obendrauf, schon ist der Todesfall „entsorgt“ – und leider doch nicht aus der Welt. Oder Klaras Ex-Verlobter Leonhard (Nicholas Reinke), der gebückten, gestauchten Bürodienst in einer Kammer verrichtet, die viel zu niedrig für seine Statur ist – alles im Dienste der materiellen Zukunftssicherung. Das sind Bilder, die im Gedächtnis haften bleiben – nicht nur, weil sie Hebbels Drama genial illustrieren, sondern  weil sie gnadenlos deutlich auch unser heutiges Leben karikieren und beleuchten. All die Schubladen, Schränke und Kästen sind ja nur nach vorne abgeschottet – dahinter und zwischen ihnen gibt es Gänge, für den Zuschauer unsichtbar, aus denen immer wieder Überraschendes bricht – sei es ein großer Vorrat leerer Bierflaschen, sei es der Gerichtsdiener mit der (falschen) Anklage.

Ein beklemmend moderner Hebbel-Text

Judith Bohle als schwangere Tochter Klara agiert im Gefängnislabyrinth der Schränke gar nicht weinerlich, nimmt die Schicksalsschläge, wie sie kommen, träumt Hoffnungsträume im Kitschkästchen und ist noch in dem Moment stark, als sie sich dem verlorenen Verlobten völlig ausliefert. Hebbels Text ist an dieser Stelle, wo er von Misshandlung und deren Verheimlichung spricht, auf beklemmend modernster Höhe der Zeit, Bohles Klara noch in der Kapitulation vor den Verhältnissen ein Monument weiblichen Kampfes um Selbstbestimmung und ums pure Überleben.

Und hinter tausend Türen keine Welt: In Meister Antons Haus (und Judith Oswalds Bühnenbild) wird eifrig weggesperrt.

Und hinter tausend Türen keine Welt: In Meister Antons Haus (und Judith Oswalds Bühnenbild) wird eifrig weggesperrt.


Martin Herrmanns Verdienst ist es, die Schwäche des rigiden Meisters Anton durch vielerlei Ritzen scheinen zu lassen. Von allen Beteiligten hat der autoritäre Haushaltsvorstand am meisten Lebensangst, denn für ihn gibt es keinen Ausweg. Sohn Karl wird zur See fahren und die Enge des Elternhauses hinter sich lassen, Frau und Tochter sind am Ende tot – Anton aber wird zurückbleiben. Wie der Gekreuzigte klammert er sich an einen seiner Schränke und schreit wütend-verzweifelt sein „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ – ein glänzend inszenierter, starker Hebbelscher Schluss, dem Anne Lenks mitreißend-makellose Regie eine unnötige Verdoppelung verpasst, um Antons Starrsinn und Uneinsichtigkeit nochmals zu verdeutlichen.

Vom Publikum gab’s am Samstagabend viel Applaus für hundert Minuten ohne Pause und ohne jede Länge – und für eine Inszenierung, die Hebbels Drama ohne Mühe und Verkrampfung brennende Aktualität und schmerzhafte Tiefe verleiht.

Fotos: Nik Schölzel