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Freitag, 12.08.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Biedermeier contra Weltstadt: Augsburgs Stadtmarketing im Sinkflug

Von Bert Brecht überstilisiert, von Thomas Bernhard verspottet und von vielen begabten Köpfen verlassen. Die Stadt Augsburg und ihre Bewohner sind Schmähungen gewohnt, doch was sich diesbezüglich das Augsburger Stadtmarketing leistet, ist tatsächlich schwer zu nehmen.

Von Siegfried Zagler

Das Leben ist schön, aber besonders schön, wenn man in Augsburg lebt. Wer in Augsburg wohnt, weiß das, was nichts daran ändert, dass auch Augsburger in den Urlaub fahren – oder das Wochenende am Ammersee verbringen. Die Werbeexperten des Augsburger Stadtmarketing wissen das natürlich auch, was sie aber wiederum nicht davon abhält, im Stil der muffigen 60er Jahre Werbung für die arg gebeutelte Augsburger Gastronomie zu machen, indem sie vermitteln, dass man in Augsburg wie in Rom genießen könne. „Nur viel näher.“

Als Pate für die „Augsburg. Deine Welt-Kampagne“ hätte man Ex-Trainer Armin Veh anheuern können, der nicht selten von Stuttgart zu seinem Lieblingsitaliener nach Neusäß fuhr – der Pasta wegen. Neusäß ist zwar „viel näher“, aber eben nicht Augsburg, das die Grenzen der regionalen Welt definiert – im Sinne der Gewerbesteuer.

Nicht wegen der Sehenswürdigkeiten oder der historischen Bedeutung, nicht wegen des Trinkwassers oder einer geschickteren Verkehrsführung oder der angenehmen schwäbischen Ruhe und Gelassenheit und dem ohnehin vielseitigeren Sportangebot könne man sich eine Reise nach Rom sparen, sondern wegen der Gleichwertigkeit des gastronomischen Angebots. Donnerwetter! Dass sich ausgerechnet im letzten Punkt zwischen unserer schönen Stadt und dem lauten wie verdreckten, von Korruption und Kleinkriminalität durchseuchten Rom Welten auftun, ist bekannt und muss deshalb nicht tiefer erklärt werden. Nur so viel: Roms gastronomisches Angebot mit dem der Stadt Augsburg zu vergleichen, ist in etwa so weit hergeholt, als würde man die Trash-Krimis von Arno Löb für die Short-List des Literaturnobelpreises vorschlagen.

Werbung muss man nicht ernst nehmen, auch wenn sie noch so harmlos-bierernst und biedermeierisch daherkommt, wie die Augsburg-Kampagne der Stadt Augsburg. Niemand glaubte je an den weißen Riesen und die längste Wäscheleine der Welt. Werbung muss nicht wahr sein, Werbung kann Zeitgeist und konsumorientiertes Selbstverständnis in eine leichte Form, in ein fiktives Narrativ gießen, das als Subtext verführt und ankommt und im Vorbeigehen verstanden wird.

Und in diesem Sinn muss diese Kampagne gelobt werden, denn eindeutig ist sie: Sie setzt die Stadt Augsburg auf das Niveau von Kleinkleckersdorf herab. Und den Bewohnern von Kleinkleckersdorf darf man auch Ratschläge geben, indem man sie darauf hinweist, dass es besser ist, wenn sie in ihrer Welt bleiben, da es dort ja auch alles gibt, wie in der Truman-Show. Dagegen fällt der kalkulierte Spott von Thomas Bernhard angenehm freundlich aus: „Mein Mitgefühl mit den Augsburgern und allen in Europa, die sich als Augsburger verstehen, ist ungeheuer grenzenlos und absolut.“