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Freitag, 03.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Bibliothek der ungeschriebenen Bücher: „Die Bademeister“ von Helmut Meyer

Von Siegfried Zagler

Georg Klein ist ein bemerkenswerter Mann, dem mit Fleiß, großer Beharrlichkeit und wenig Talent eine bemerkenswerte Karriere als Schriftsteller gelungen ist. Zwanzig Jahre hat Klein Lektoren der deutschen Verlagslandschaft mit seinen Manuskripten genervt, ohne dass daraus ein Buch entstanden wäre. Mit „Barbar Rosa“ hat sich das schlagartig geändert. „Barbar Rosa“ wurde in allen großen Feuilletons hin und her besprochen und besiegelte Vielschreiber Kleins Durchbruch. Dies liegt zirka 10 Jahre zurück und ist deshalb interessant, weil sich dafür in Augsburg kaum jemand interessierte – wie Blei lagen damals die Barbar Rosa-Bände in den Augsburger Buchhandlungen, was unter Umständen damit zu tun hatte, dass Kleins Erstlingserfolg von durchschlagender Langweile gekennzeichnet war. Daran hat sich im Lauf der Zeit wenig geändert. Es gibt kaum einen anderen anerkannten Autor im deutschsprachigen Raum, der dergestalt fließend gehobene Langeweile verbreiten kann, wie eben der in Augsburg geborene Georg Klein, dessen fünfter Roman „Roman unserer Kindheit“ in der vergangenen Woche mit dem 45.000 Euro dotierten Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Für Oberbürgermeister Kurt Gribl und Kulturbürgermeister Peter Grab war das eine Glückwunschkarte wert. „Dass Georg Klein gerade mit einem Augsburg-Roman einen solchen Triumph feiern kann, erfüllt uns mit Freude und auch ein wenig Stolz“. Wir gratulieren ihm sehr herzlich dazu und hoffen, dass er sich seiner Geburtstadt Augsburg auch weiterhin verbunden fühlen wird“, so Gribl in einer Pressemitteilung der Stadt Augsburg. Das darf man hoffen, auch wenn jede Grundlage dazu fehlt. Klein ist bereits in den Achtzigern nach Berlin „emigriert“. Er hat nicht alle Brücken abgerissen, aber es sind nur noch dünne Fäden, die ihn mit seiner Heimatstadt verbinden. Doch darum geht es natürlich nicht. Schließlich hat die Entscheidung der Leipziger Jury dafür gesorgt, dass die Stadt Augsburg als Hintergrundfolie im deutschen Feuilletonbetrieb auftauchen könnte. Überregionale Aufmerksamkeit in Sachen Kultur ist ein Fetisch, der von allen Kleinstädten in ihrem Ringen um öffentliche Wahrnehmung gepflegt wird. Kleins autobiographischer Roman handelt zwar in Bärenkeller, aber das ist unwesentlich. Sein Roman ist „das Ergebnis des Wucherns von Angst und von Lust, von Freiheit und Abenteuer, vom Kampf gegen das Böse – und nebenbei, ganz leise, wird in diesem surrealistisch überbordenden virtuosen Kinderschauerroman für Erwachsene, den Müttern und nie geborenen Schwestern ein Denkmal gesetzt“, so die Jury in ihrer Begründung.

Die Welt als Schwimmbad

Die Bademeister - Einsicht entsteht nur dort, wo gedankenloses Dahintreiben auf unüberwindbare Grenzen stößt

Die Bademeister - "Einsicht entsteht nur dort, wo gedankenloses Dahintreiben auf unüberwindbare Grenzen stößt"


Ein anderer hochdekorierter Autor, dem die Langeweile-Attitüde ein wenig nachgesagt wird, Martin Walser, hat sich als Siegfried Unseld noch Chef bei Suhrkamp war, dafür eingesetzt, dass die Gedichte des Augsburger Autors Helmut Meyer ins Verlagsprogramm aufgenommen werden sollen. Walser konnte Unseld nicht gänzlich davon überzeugen, dass Meyers Lyrik das ganz große Format habe, das Walser darin entdeckt haben wollte. Diese Anekdote aus vergangener Zeit wäre ebenfalls nicht bemerkenswert, wenn eben jener wilde ungezügelte Lyriker Helmut Meyer nicht seit mehr als 20 Jahren von einem Roman mit dem Titel „Die Bademeister“ träumen würde. „Bademeister“, so Meyers kategorische Allegorie in Sachen Provinzialität, sind dort von gesellschaftlicher Bedeutung, wo man innerhalb eines Ortes mit kerniger Dominanz agieren müsse, weil die vorhandenen Regeln nicht universal Sinn stiften, sondern von der aktuellen Situation abhängen. Die Welt als Schwimmbad: Nicht von der Seite springen, leuchtet als Regel nicht ein, wenn sich niemand außer dem Bademeister daran stört. Meyer, der mit einer spärlichen Rente auskommt und selten mehr besitzt als er auf der Haut trägt, hat nie wirklich konzeptionell verfolgt, was er tatsächlich hervorragend kann, nämlich schreiben. Meyer ist ein Schriftsteller der nicht schreibt, aber dennoch wirkt, nicht unbedingt mit der Nachhaltigkeit eines Max Brod, aber eben auch mit Format. Kürzlich tauchte Meyer beim Neujahrsempfang von Pro Augsburg auf, hörte Jan Knopfs Ausführungen zu Brecht zu und erzählte anschließend dem Verfasser dieser Zeilen, worin sich Knopf bei Brecht fundamental täusche.

Meyers Romanfragment „Die Bademeister“ wird ein ungeschriebenes Buch bleiben. Ehemalige „Provinzfürsten“ und Szenegänger, die darin persifliert werden sollten, dürfen sorglos davon ausgehen, dass Meyer seine Fragmente nie in Buchdeckel bringen wird. Hinter jedem geschriebenen Buch steht eine Bibliothek geschriebener Bücher, hinter ungeschriebenen Büchern steht womöglich ein gelebtes Leben. Im Gegensatz zu Georg Klein ist Meyer ein Autor, dessen Texte mitreißen. Eruptiv und widersprüchlich treibt er seine Figuren in Balanceakte zwischen inszenierter Selbstdarstellung und Wirklichkeit. Die Handelnden in seinen Textminiaturen entwickeln keine stillen Pläne und Lebensziele, alles geschieht durch Begegnung und unmittelbare Wandlung. Einsicht entsteht bei Meyer nur dort, wo gedankenloses Dahintreiben auf unüberwindbare Grenzen stößt. Helmut Meyers Lyrikbändchen „Lichtflossen“ ist übers Internet bestellbar.

Meyer, Helmut

Lichtflossen

Gedichte

Verlag: Rauner, Erwin

ISBN: 978-3-9804409-6-7