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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Belcea-Quartet: Ein Sieg gegen das Gewohnheitstier

Auf dem Augsburger Mozartfest spielt das Belcea-Quartet  gegen die „Erwartungsmacht“  an – mit überraschender Wirkung

Von Halrun Reinholz

 

 

 

 

 

Foto: Belcea-Quartet © Marco Borggreve

Zu den Konventionen eines Konzertabends gehört ein vorgegebenes Programm. Man kann sich darauf vorbereiten oder auf den Konzertbesuch verzichten, wenn das Angebot den eigenen Musikgeschmack nicht trifft. Das Motto des diesjährigen Mozartfestes – „Machtspiele“ – bekam beim Konzert des renommierten Belcea-Quartets eine eigene Note: Die „Erwartungsmacht“ wurde ins Visier genommen, die „Macht der Gewohnheit“, die aus dem Menschen, auch aus dem Konzertbesucher, ein „Gewohnheitstier“ (Thomas Bernhard) formt – mit Hörpräferenzen und eingefahrenen Reaktionen und Verhaltensweisen. 

Das Belcea-Quartet wird im Festivalprogramm mit Beethovens  Streichquartett op. 130 und mit dessen Großer Fuge op. 133 angekündigt. „In mysterious company“ lautet der Zusatz. Festivalleiter Simon Pickel lüftet das Geheimnis zu Beginn des Konzerts: Die Musiker ergänzen Beethoven mit anderen Werken, die den Zuhörern aber nicht vorab verraten werden. „Lassen Sie sich darauf ein“, rät er dem Publikum und verspricht überraschende Hörerlebnisse.

Zunächst beeindruckt das Belcea-Quartet mit seiner professionellen Präsenz. Die rumänische Geigerin Corina Belcea hat das Quartett in den 90er Jahren während ihres Studiums in London gegründet. Bratschist Krzysztof Chorzelski kommt aus Polen. Die anderen beiden, der zweite Geiger Axel Schacher sowie Cellist Antoine Lederlin, sind in Frankreich geboren. Alle sind international tätig und aktiv, doch die gemeinsame Arbeit im Belcea-Quartet nimmt einen wichtigen Raum ihrer musikalischen Aktivität ein.

Dass die vier Musiker ein eingespieltes Team sind und zudem einer hohen professionellen Liga zuzuordnen, merken die Zuschauer nach den ersten Tönen. Mit Leichtigkeit konterkarieren sie Beethoven, fügen zwischen die Sätze moderne und zeitgenössische Werke ein. Werke, die auf der Basis und unter dem Einfluss von Beethovens Kompositionen entstanden sind, wie sie finden. Damit fordern sie das Publikum heraus, das diese Zusammenhänge „hören“ muss, ohne sich an einem Hinweis oder einer Erläuterung im Programmheft festhalten zu können. Erst nach dem begeisterten Schlussapplaus im Kleinen Goldenen Saal werden Programmzettel verteilt: Schostakowitsch, György Kurtág, Samuel Barber, Anton Webern, Béla Bártók, Alban Berg, Pawel Szymanski, Thomas Adès sind die Namen, die auftauchen. 

„Wie stellt man so ein Programm zusammen?“, fragt ein Zuschauer in der abschließenden Diskussionsrunde, die keinerlei  Kontroversen zeigt. Michael Atzinger von BR Klassik hatte eigentlich vor, in einer „Daumen hoch – Daumen runter“- Runde  die Haltung des Publikums zu erfragen. Das Konzept überzeugte dafür zu eindeutig. Offenbar geben auch die Besucher des Augsburger Mozartfestes die Macht der Gewohnheit gern mal auf, um sich auf Ungewohntes einzulassen. Zumindest die, die bei der Diskussionsrunde geblieben waren. 

P.S. Konsequenterweise wurde auch die Zugabe nicht vorher verraten. Erst auf Nachfrage kam Benjamin Britten zum Vorschein.

 



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