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Freitag, 17.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Naturschutz vs. Bikesport

Beim Kuhsee: Riesiger Dirtparcours im Naturschutzgebiet

In der Nähe des Augsburger Kuhsees, auf Höhe von Flusskilometer 49,2, existiert wohl seit einigen Jahren ein anspruchsvoller Dirtparcours. DAZ-Fotografin und Mitarbeiterin Lina Mann erhielt zu Beginn dieser Woche einen Leserhinweis, schwang sich auf ihr Mountainbike und fand den versteckten Dirtpark zwei Radminuten südlich des Kuhsees in Windeseile.

Von Siegfried Zagler

Manns Fotoserie kann allerdings eine Ortsbesichtigung nicht ersetzen: Das inmitten der geschützten Lechau gelegene Sportgelände ist zirka 100 Meter lang und fräst sich in der gesamten Breite durch ein Wäldchen mitten in einem sensiblen Naturschutzgebiet. Wer nun vor Ort ist und mit eigenen Augen die Anlage bestaunen kann, dem drängt sich zuerst die Frage auf, wie es sein kann, dass eine vergleichsweise kleine Rad-Rutschbahn im Gögginger Wäldchen vom Augsburger Forstamt mit Tonnen von Totholz stillgelegt wird, während keine zehn Gehminuten von der südlichen Kuhseespitze ein Dirtpark mit epischen Ausmaßen existieren darf.

Foto © Lina Mann

Die DAZ fragte beim Augsburger Forstreferenten Roland Barth nach und erhielt die Antwort, dass die Flächen nahe des Lechs Eigentum des Freistaats Bayern/Wasserwirtschaftsverwaltung seien. “Sie werden auch nicht von der städtischen Forstverwaltung bewirtschaftet. Mein Referatsbereich ist hier nicht betroffen”, so Roland Barth, der nicht nur Augsburger Finanzreferent ist, sondern auch für die städtische Forstverwaltung verantwortlich zeichnet. Ansprechpartner sei laut Barth das staatliche Wasserwirtschaftsamt in Donauwörth, dem seit Freitagvormittag eine DAZ-Anfrage vorliegt. Das Amt reagierte schnell und kündigte eine ausführliche Antwort an, die zum Beginn der kommenden Woche erfolgen soll.

Foto © Lina Mann

Inzwischen ist das Thema längst bei der Opposition im Augsburger Stadtrat aufgeschlagen. So erklärte der FW-Stadtrat und Fraktionsvorsitzende der Bürgerlichen Mitte Hans Wengenmeir auf Anfrage, dass Zuständigkeitsgerangel in diesem Fall nicht angebracht sei. “Egal wer letztlich für die Bewirtschaftung zuständig ist, handelt es sich um ein öffentlich zugängliches Gelände auf Augsburger Flur. Noch dazu im Naturschutzgebiet. Im Gögginger Wäldchen wurden von der Stadtverwaltung Haftungsgründe für die Maßnahmen vorgebracht. Wer haftet am Kuhsee? Auf einem Areal das um ein Vielfaches größer ist und nicht als “Kinderbahn” bezeichnet werden kann! Unabhängig von der rechtlichen Bewertung besteht hier für die Stadt Augsburg dringender Handlungsbedarf. Der Fall zeigt ganz klar, dass hier  große Bedarfe vorhanden sind. Auf Trends im Breitensport im öffentlichen Raum wird aber seit Jahren nicht reagiert ! Wo sollen denn Kinder und Jugendliche in Augsburg mit ihren Bikes hin? Es wird Zeit, dass hier etwas passiert – Flächen dafür gäbe es  genug, die nicht in Schutzgebieten liegen.” So das Statement von Hans Wengenmeir, der für die Freien Wähler im Augsburger Stadtrat sitzt.

Foto © Lina Mann

Keine zwei Meinungen scheint es auch bei der sozialen Fraktion, der größten Oppositionsfraktion im Stadtrat zu geben. So erklärte deren Vorsitzender Dr. Florian Freund, dass im Gögginger Wäldle das Vorgehen der Stadt kleinlich gewesen sei, rein bürokratisch und mit Kanonen auf Spatzen geschossen worden sei.

SPD-Stadtrat Gregor Lang, pensionierter Sozialpädagoge, bläst ins gleiche Horn: “Diese Anlage ist in ihrer Größe und in ihrem sportlichem Anspruch nicht mit dem Gögginger Wäldchen zu vergleichen. Sie steht im Naturschutzgebiet und kann dort nicht belassen werden, gleichwohl zeigt dieser Fall auf, wie groß der Bedarf und die Not innerhalb der Bikerszene ist. Die Stadt soll nun schnellstmöglich reagieren, sich mit den Erbauern der anspruchsvollen Anlage treffen und Angebote machen, sodass noch vor dem Sommer eine Lösung gefunden wird.”

Foto © Lina Mann

Auch der Augsburger FDP-Bundestagskandidat Alexander Meyer versucht zu vermitteln, obwohl das Vorgehen der Biker möglicherweise strafrechtliche Relevanz hat: “Ich habe mir die Stelle angeschaut und sehe natürlich die naturschutzrechtlichen Probleme. Gleichwohl ist zu erkennen, dass die Biker sich sehr bemüht haben, die natürliche Geländeform zu nutzen, die Schanzen aus Erde aufgeschüttet wurden und sich die echten Eingriffe in die Natur in Grenzen halten. Statt jetzt mit schwerem Gerät dort einzufallen und ein Werk der Zerstörung wie im Gögginger Wäldchen anzurichten, hoffe ich darauf, dass ein Weg gefunden wird, der nicht zu einer kompletten Sperrung führt.”

Seit dem 12. Mai liegt der Augsburger Verwaltung ein Prüfantrag der Regierungskoalition von CSU und Grünen vor: “Die Verwaltung (Forst-, Sport-, Grünflächenverwaltung und ggf. Liegenschaftsverwaltung) wird beauftragt zu prüfen, welche Flächen im Stadtgebiet, insbesondere im Stadtteil Göggingen, sich grundsätzlich zur Anlage eines Fahrradparcours eignen würden, und Überlegungen anzustellen, in welcher Struktur solche Anlagen unter Berücksichtigung der Verkehrssicherungspflichten sowie des Umwelt-/Baumschutzes eingerichtet werden könnten. Eine denkbare Möglichkeit ist hier die Zusammenarbeit mit einem Sport-Verein, der das Gelände betreibt und sichert.” Vorschläge seitens der Verwaltung liegen nach Informationen der DAZ noch nicht vor.

Wie es mit dem entdeckten Dirtpark südlich des Kuhsees weitergeht, ist aktuell noch nicht entschieden. Mit Spannung wird die Stellungnahme des Wasserwirtschaftsamtes erwartet.

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update: Nach der Veröffentlichung dieses Artikels hat Alexander Meyer ein beachtliches Video angefertigt: https://www.youtube.com/watch?v=dNiYCPGmwCo