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Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ballett: Nussknacker stimmig gegen den Strich gebürstet

Mit einer originellen Choreografie von Mauro de Candia erhält der beliebte Weihnachtsklassiker des Ballettrepertoires ein ganz neues Gesicht

Von Halrun Reinholz

“Spielort Schwabenhalle” klingt nicht sehr romantisch, doch gegen alle Erwartungen hat das Theater Augsburg seine Ausweichspielstätte ganz heimelig eingerichtet. Eröffnet wurde die Spielzeit des Ballettensembles diesmal mit einem Tschaikowski-Klassiker, der auch alljährlich von Tourneetheatern aus Russland oder Frankreich in die Städte kommt. Was kann das doch recht kleine Ballettensemble des Theaters Augsburg dem entgegensetzen? Nun, eine ganz neue Choreografie, die den Ablauf der Geschichte ganz schön durchrüttelt. Nicht gegen den ursprünglichen Sinn, sondern indem die Originalgeschichte von E. T. A. Hoffmann wieder hervorgeholt wird und ursprüngliche Zusammenhänge freigelegt werden.

So wird Marie, das Mädchen, das den Nußknacker geschenkt bekommt, in ihrer Entwicklung vom Kind zur jungen Frau dargestellt – konsequenterweise wird nicht Weihnachten gefeiert, sondern der 15. Geburtstag Maries. Einige Geburtstage waren dem schon im Zeitraffer vorausgegangen, um die Metamorphose vom verwöhnten Einzelkind zur zornigen Pubertistin und dann eben zur verliebten jungen Frau nachvollziehbar zu machen. Ensembleneuling Michela Paolacci zeigt dies hinreißend – von den Zornesausbrüchen der verwöhnten Tochter zur Grazie der jungen Geliebten. Als Nussknacker brilliert Tamás Darai, ebenfalls neu im Ensemble. Der Fäden ziehende Drosselmeier wird von dem hinreichend bekannten Ricardo De Nigris in gewohnter Perfektion verkörpert. Eingeführt wird die bei Hoffmann vorkommende Prinzessin Pirlipat, eine Art „alter Ego“ von Marie. Sie ist vom Mäusekönig in ein hässliches und ungelenkes Wesen verzaubert, die Besetzung der Rolle mit einem Mann (Ruan Martins) hebt diese Ungelenkigkeit hervor und bietet dem Darsteller die Möglichkeit, sein komisches Talent zu entfalten.

Durch die „neue“ Geschichte ändert sich natürlich auch einiges an den Tänzen. Bekannte Melodien wie der Tanz der Zuckerfee, oder die den Gesandten der Nationen gewidmeten Tänze (russisch, arabisch, chinesisch) werden umgewidmet. Es marschieren stattdessen Muffins, Lakritze, Marshmallows und Waffeln auf. (Bühne und Kostüme: Margrit Flagner zusammen mit Mauro de Candia). Herrlich komisch auch der Tanz der frierenden Schneeflocken. Mauro de Candia ist es gelungen, das Märchen vom Nussknacker zeitgemäß und mit Augenzwinkern aufzubürsten, ohne die Magie der Traumwelt zu zerstören. Tschaikowskis Musik  wirkt auch bei dieser Choreografie zauberhaft. Vielleicht vermissen Puristen die Sprung-Shows der Petipa-Vorgabe, doch das Augsburger Publikum hat nun die Gelegenheit, den Nussknacker mal ganz anders zu erleben – als stimmig erzählte Geschichte, wo durch Tanz die Gefühlswelt der Akteure in den Vordergrund gerückt wird.

Foto: Tanz der Süßigkeiten, in der Mitte Pirlipat (Ruan Martins). Foto von Nik Schölzel