Gastbeitrag zum Tag der Muttersprache
Augsburgs vielstimmiges Herz: Möge der Raum hörbar bleiben
Heute, am 21. Februar 2026, dem Internationalen Tag der Muttersprache, möchte ich in Augsburg innehalten – und über etwas schreiben, das uns alle trägt: Sprache. Sie formt uns, sie nährt uns, sie kann verbinden, verletzen oder heilen.
Ein Plädoyer zum Tag der Muttersprache von Sait İçboyun
Die UNESCO begeht diesen Tag seit dem Jahr 2000, erinnert an den mutigen Kampf um die Anerkennung der Muttersprache Bengali 1952 in Bangladesch und mahnt uns, die Vielfalt zu bewahren, bevor Sprachen für immer verstummen. In einer Welt mit etwa 7.170 lebenden Sprachen ist das kein trockenes Datum, sondern ein Fest des Lebens: Hört zu, sprecht, bewahrt.
In Augsburg fühlt sich das besonders lebendig an. Zum Jahresende 2025 lebten hier rund 308.400 Menschen – erstmals hatte mehr als die Hälfte einen Migrationshintergrund. In Stadtteilen wie Links der Wertach-Nord oder Oberhausen-Nord ist diese Vielfalt fast greifbar. Doch Augsburg ist eine Stadt der Kontraste: Während in manchen Vierteln Dutzende Zungen pulsierten, bleibt das Deutsche in den eher dörflich geprägten Randlagen wie Inningen, Bergheim oder Göggingen ein ruhiger, beständiger Taktgeber – tief verwurzelt im heimischen Schwäbisch. Auch dort leben Menschen mit vielfältigen Biografien, nur klingt die Mischung anders.

Der Info-Pavillon am Perlach
Hier plätschert der Lech, hier steht der Perlachturm gerade in Gerüsten. Während seine Sanierung voranschreitet, ruht die patinierte Zwiebel als kleiner Info-Pavillon daneben auf einem Stahlgerüst – ein Wahrzeichen im Zwischenzustand. In seinem Schatten erklingt ein Chor, der nie still ist: Bayerisch-Schwäbisch mit seinem weichen, gemütlichen „le“, Türkisch aus den Kahves von Oberhausen und Lechhausen, Arabisch, Aramäisch in den Kirchen der Suryoye, Kurmandschi und Sorani in Familienrunden. Slawische Melodien ziehen durch die Straßen: Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Rumänisch, Polnisch. Seit 2022 mischt sich Ukrainisch darunter – eine Sprache, die mit Menschen kam, die vor dem Krieg Schutz suchten. Es folgen Russisch, Persisch (Dari/Farsi), Paschtu, Tigrinya, Amharisch, Somali, Albanisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Französisch und Hebräisch.
Das Deutsche steht nicht dagegen. Es steht dazwischen. Als Brücke.
Diese Vielfalt ist ein lebendiges Archiv aus Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte, das sich hier in einer bayerischen Stadt versammelt hat. Menschen wechseln zwischen den Sprachen wie zwischen Räumen eines Hauses: Jede Sprache öffnet Türen – zu Erinnerung, Kindheit, Geschichte, Seele.
Doch jede gewonnene Sprache hinterlässt auch feine Bruchlinien. Ich kenne viele Menschen, die weder das Deutsche noch ihre Herkunftssprache vollständig beherrschen. In solchen Fällen wirkt Sprache halb, flach, ohne Nuancen. Geschichten entstehen nicht, nur schnelle Verständigung – ohne Bilder, ohne Tiefe.
Dieser Bruch setzt sich fort: An mein Kind, das kein Kurdisch spricht, gebe ich die Sprache weiter, die hier nützlich ist, die seine Zukunft öffnet. Zugleich wünsche ich mir, dass Kinder viele Sprachen lernen und sprechen dürfen – nicht nur die, die im Alltag praktisch sind, sondern alle, die ihre Herkunft, ihre Kultur, ihre Träume spiegeln. Ich sehe viele Familien, die zwischen Sprachen wechseln, manchmal brüchig, doch immer mit Liebe. Sprache ist Spielraum, Ausdruck, eine Schatzkammer voller Möglichkeiten. Wer mehrere Sprachen kennt, öffnet neue Türen, zu Gedanken, Erinnerungen, zur Welt.
Genau diese Vielfalt zeigt sich auch digital: Seit dem 30. Dezember 2025 ist die städtische Homepage augsburg.de in Deutsch und 15 weiteren Sprachen verfügbar, ergänzt durch den Chatbot „CiSA“ und ab 2026 durch Inhalte in Leichter Sprache. Teilhabe soll nicht an Grammatik scheitern – das Portal ist ein klares Signal: Augsburg lädt ein, aktiv zu sprechen, zu verstehen, zu leben.
Kurdisch durften wir nie lernen
Ich kenne den Preis des Schweigens. Mit sieben Jahren kam ich nach Deutschland, geboren in einem kurdischen Dorf in der Türkei. Dort begann meine erste Schulzeit – geprägt von Gewalt: Lehrer schlugen auf die Fingerspitzen, weil wir Kurdisch sprachen. Wir sollten zu Türken „umerzogen“ werden, sollten Türkisch lernen, das wir nicht beherrschten. Als dickköpfiger Siebenjähriger saß ich stundenlang im Hühnerkäfig als Strafe.
Kurdisch durften wir nie lernen – weder damals noch heute als reguläre Muttersprache in staatlichen Schulen der Türkei. Artikel 42 der türkischen Verfassung verbietet Unterricht in anderen Muttersprachen weitgehend. Zwar ist Kurdisch seit 2012 als Wahlfach erlaubt, doch Anträge scheitern oft an bürokratischen Hürden oder dem vorgeschobenen Argument fehlender Lehrkräfte. Dabei ist Kurdisch mit bis zu 50 Millionen Sprechern eine der bedeutendsten Sprachen des Nahen Ostens. Dass sie als primäre Unterrichtssprache faktisch ausgeschlossen bleibt, ist Teil einer Politik, die auf Assimilation zielt, bis Identität sprachlich unsichtbar wird.
Wenn kurdische Abgeordnete im Parlament kurdische Sätze einbringen, werden diese oft als „unbekannte Sprache“ oder mit „XX“ vermerkt – eine administrative Unsichtbarmachung. Solche Einschränkungen, ergänzt durch Zensur in Medien, Kunst und öffentlichen Räumen, haben in mir die kurdische Sprache zur Kernidentität gemacht. Weil mir das Türkische aufgezwungen wurde, regt sich bis heute ein inneres Verweigern, es perfekt und akzentfrei zu sprechen. Intellektuell weiß ich, dass das Unsinn ist – Sprachen schließen sich nicht aus. Doch Zwang hinterlässt Spuren: Zwangsassimilation erzeugt Identitätskonflikte, kulturelle Trauer, inneren Widerstand – als Schutz des eigenen Kerns.
Dieses Verbot hat Konflikte befeuert, die hunderttausenden Menschen das Leben kosteten. Sprache kann Frieden bringen oder Feindschaft säen, Wunden heilen oder Konflikte schüren. Wahrer Friede braucht die Freiheit, in der eigenen Sprache denken, sprechen, leben zu dürfen. Nur wo die Zunge frei ist, kann das Herz zur Ruhe kommen.
Vielleicht liegt ein Reichtum darin, nicht alles zu verstehen
Heute liebe ich alle Sprachen. Das Deutsche hat mich bereichert; es ist Goethe und Rilke, Hannah Arendt und Jürgen Habermas. Aber auch all jene, die es neu für sich erobern – wie Ronya Othmann, Saša Stanišić, Abbas Khider. Sprachen nebeneinander zu feiern, macht Städte reicher. Sie sind Brücken, farbige Fäden im Gewebe Augsburgs.
Ironisch gesagt: Vielleicht liegt im Zusammenleben ein Reichtum darin, nicht alles zu verstehen. Ein Lächeln, ein Blick, ein gemeinsamer Moment über den Lech trägt oft weiter als Grammatik. Die wichtigsten Dinge gehen ohnehin über Worte hinaus. Communities pflegen ihre Sprachen in Vereinen, Festen, Schulen, Cafés – ein stiller, liebevoller Reichtum.
Der Perlachturm steht im Gerüst. Auch Sprachen stehen manchmal im Gerüst der Geschichte – bedroht, reparaturbedürftig, übersehen. Doch solange Menschen sie sprechen, bleiben sie lebendig. Sie verschwinden nicht mit einem Knall, sondern leise, bis niemand mehr antwortet. So wie Tierarten sterben, wenn ihr Lebensraum schwindet, sterben Sprachen, wenn man ihnen den Raum nimmt.
Augsburg bietet diesen Raum. Es liegt an uns, dass er hörbar bleibt – in der Freiheit, die eigene Sprache zu sprechen und sich darin, ohne Angst, zu Hause zu fühlen.