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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Augsburger Geierwally: wild, stolz und konzeptlos

Unbestechlicher Stolz, ein endloser Kampf um individuelle Freiheit sowie absolute Willensstärke sind Eigenschaften, die abschreckend und anziehend sind. Das verkörpert „Geierwally“ als Romanfigur der Autorin Wilhelmine von Hillern (1836-1916) und wurde somit Symbol- und ironisierte Klischeefigur für die Fahnenträgerinnen der Emanzipationsbewegungen. Geierwally verschaffte sich Ruhm in zahlreichen Theaterinszenierungen, Verfilmungen, einer Oper und einem Musical. Jetzt will das Theater Augsburg ihrer Geschichte unter der Regie von Gregor Turecek einen neuen Aspekt abgewinnen, ein neues Leben einhauchen.

Von Sophia Winiger



Von Hillerns „Geierwally“ ist keines ihrer philosophischen Spätwerke. Es ist eine Heimatromanze aus den Tiroler Alpen, die die Urkraft der Bergwelt mit einfachen Motiven abbildet: Die unbändige junge Walburga wird durch die eiserne Hand ihres reichen Bauernvaters Stromminger erzogen. Die Brutalität des Landlebens im 19. Jahrhundert formt ihren mannhaften Charakter: Sie ist wild, schön und mutig: Als Dreizehnjährige wagt sie sich als Einzige an ein Geier-Nest, das zum Viehschutz geräumt werden muss. Sie trotzt dem Angriff des Raubvogels, vollendet ihre Mission und kehrt mit einem Küken und dem ruhmvollen Namen „Geierwally“, ins Tal zurück. Bald stemmt sie sich gegen den Willen des despotischen Vaters. Weil sie insgeheim den feschen, starken „Bären-Joseph“ liebt, weigert sie sich, den für sie auserwählten, Vinzenz zu heiraten. Der Widerspenstigkeit der scheinbar Unzähmbaren wird eine harte Probe abverlangt: Sie wird ins Hochgebirge verbannt und kommt, den rohen Naturgewalten ausgesetzt, dem Hungertod immer näher. Hier erst setzt Tureceks Inszenierung ein. In der Schuhkarton-Atmosphäre der Brechtbühne wird die düstere Felslandschaft durch einen rundum laufenden, glitzernden Lametta-Vorhang dargestellt.

Wally (Kerstin König) tritt durch den Vorhang, für eine ausgezehrte Bettlerin erstaunlich exquisit gekleidet – sie trägt ein schwarzes Dirndl im Gothic-Stil – und tritt auf einen Wohnwagen zu. Dort wohnen die „Klötze von Rofen“, drei abgedrehte Fremdenführer (Thomas Prazak,

Gregor Trakis, Helene Blechinger), die verdummt sind durch fehlende Außenkontakte, und gewähren Wally Asyl, indem sie ihr ein triefendes Schlagerständchen singen. Sie versuchen ihr Halt zu bieten, als der kauzige alte Stromminger (Klaus Müller) mitsamt Freier Vinzenz (Sebastian Baumgart) auftaucht und die Alpen-, oder eher Schlageridylle, stört. Der folgende Auftritt des „Bären-Joseph“ (Patrick Nellessen) und sein Stockkampf mit dem Alten (gekonnt inszeniert von Armin Frauenschuh), drängen Wally in die Enge: Zwar wehrt sie Vater und Vinzenz ab, doch in ihrem Stolz vermag sie sich nicht zur Liebe zu Joseph zu bekennen. Auch als er verletzt durch ihren Geier und mit einem schwächlichen Mädchen an seiner Seite (Afra; Blechingers zweite Rolle) aufkreuzt, fährt sie ihn nur wütend an und lässt ihn verdutzt zurück. Die schnulzige Tragikomödie, die immer mehr an „Dahoam is dahoam“ oder einen Plärrer-Umzug erinnert, nimmt ihren Lauf: Der Vater stirbt, Wally als alleinige Hoferbin heuchelt keine Trauer, muss sich aber mit der erzkatholischen Dorfgesellschaft auseinandersetzen und gewinnt dadurch an Unnahbarkeit und Härte. Beim Dorftanz zerschlägt sich ihre Hoffnung, den Bären-Joseph für sich zu gewinnen. Nach einem Kuss lässt er sie vor den Augen der Dorfgemeinschaft stehen. Wie Schneewittchens Stiefmutter trachtet sie in blinder Rachsucht nach seinem Tod. Sie verliert den Halt, den Bezug zu sich und ihren Werten. Die Katastrophe scheint perfekt, als Vinzenz sich in der Hoffnung auf ihre Gunst als Josephs Mörder präsentiert. Die Einsicht ihres Wahns führt zu einem noch tieferen Zerwürfnis mit der äußeren Realität. Zwar rettet Wally den Bären-Joseph, der, wie sich herausstellt, lebend am Rand eines Abgrundes hängt. Doch Schuldgefühle treiben Wally in eine tödliche Einsamkeit. Sogar Josephs finales Liebesbekenntnis nimmt sie nur noch beiläufig wahr. Vertieft in ihre narzisstische Verstrickung und als schwarzer Trauervogel verkleidet, bleibt sie verschlossen. Im Gegensatz zur Geierwally der Orginalvorlage gibt es für die „Augsburger Geierwally“ kein Happyend.

Die Geschichte ist überaus flach; ihre Faszination gewinnt sie einzig und allein durch die Hauptfigur: Durch Wallys Standhaftigkeit, in der sie allen Männern, auch Joseph, überlegen ist, durch ihre Sehnsucht, ihre Wahrhaftigkeit mit anderen zu teilen, durch ihre Impulsivität, ihre Unberechenbarkeit, die den Dorfbewohnern Angst einflößt, weil deren Manipulationsversuche bei Wally gegen eine Mauer fahren. Geierwally ist auch deshalb eine interessante Figur, weil sie der Gesellschaft den Spiegel ihrer Lügen vorhält.

Wer aber in Tureceks Inszenierung eine tiefere Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche sucht, sucht vergeblich: Mit der Persiflage auf die 70er Jahre ist die Inszenierung nicht weit von einer Trash-Komödie entfernt. Die Schauspieler präsentieren sich in Faschingskostümen und bringen dabei selbst die Schlichtheit der Charaktere nicht voll zur Geltung. Zu kontrolliert wirkt an vielen Stellen ihr Geplänkel; Spontaneität, emotionale Spitzen und Ausgefeiltheit fehlen. Einzig Klaus Müller als Vater und Priester weiß mit schräger Kante zu überzeugen. Kerstin König ist eine bemühte, weil zu weich gezeichnete Geierwally, die an sich selbst zerbricht und nicht an der Kälte und Grobheit ihres Umfelds.

Die Einspielung von Schlagern stilisiert vielleicht die kommerzielle Intention des Romans, vielleicht auch nicht. Ihr Sinn ist jedenfalls nicht erkennbar. Möchte der Regisseur die Suche der zeitgenössischen Frau nach einer neuen gesellschaftlichen Rolle herausarbeiten? Wie kann man das trostlose Frauenbild des 19. Jahrhunderts aber ins Heute transportieren? Die äußerst harten Lebensumstände, die Ursache vieler Charakterzüge und Konflikte Wallys, sind nicht mit den Problemgemengen unserer Komfortgesellschaft vergleichbar. Wo also wäre ein Charakter wie Wally zu suchen? In der Chefetage einer erfolgreichen Firma aufgrund ihres Durchsetzungsvermögens? Oder doch in einem Dorf im tiefsten Bayern, wegen ihrer ungehobelten Direktheit?

Zeitlos ist hingegen die Schwierigkeit der Frau, in ihrer Liebe zu einem Mann, Unabhängigkeit und Augenhöhe zu bewahren. Wallys Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Stolz und Sehnsucht wird vom Regisseur zwar sichtbar herausgearbeitet. Der politische Bezug der über 150 Jahre alten Geschichte zur heutigen Zeit ist aber zu gewollt: Geierwally wird bei ihrer Ankunft auf den Höfen von Rofen, die ein alter Wohnwagen auf der Bühne abbildet, mit einer Asylbewerberin gleichgesetzt. „Wir schaffen das“, sagt Vinzenz drei Mal. Was Deutschland als Zufluchtsort und seine davon irritierte Gesellschaft mit einer armseligen Bergalm und ihren einfältigen Wirten gemein hat, wird natürlich nicht näher beleuchtet.

Die Ankündigung des Regisseurs in einem Interview mit der Dramaturgin Barbara Bily, die Tiroler Alpen auf der Brechtbühne sichtbar zu machen, hat sich nicht bewahrheitet. Was haben schillernde Plastikfäden mit der kargen Schönheit und der menschenfeindlichen Einsamkeit eines Gebirges zu tun?

Insgesamt lässt die Inszenierung ein plausibles Konzept vermissen. Als Gesellschaftskritik kann die Aufführung nicht ernst genommen werden, als Parodie auf die historische Vorlage noch weniger. Ein Besuch der Vorstellung lohnt sich, wenn man auf der Suche nach zerstreuender Abendunterhaltung und seichtem Humor ist. Bis Ende April ist „Die Geierwally“ in insgesamt 14 Aufführungen auf der Brechtbühne zu sehen.

Foto: Nik Schölzel