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Freitag, 17.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Auf zu neuen Ufern

Die kommende Theatersaison bringt neue Gesichter und zeigt wieder Mut zu Ungewöhnlichem

Von Halrun Reinholz



Wie immer zur Frühlingszeit präsentierte das Theater am vergangenen Montag die Spielzeitvorschau für die kommende Saison, die personell einiges an Neuem bieten wird. Doch auch der Spielplan zeigt einen gefälligen Mix aus dem „Üblichen“ und experimentellen Ideen.

Tendenz zur Doppelspitze

Zunächst stellte Intendantin Juliane Votteler das neue Tandem der Schauspiel-Leitung vor, das den scheidenden Markus Trabusch ersetzen wird. Der bereits inoffiziell als Nachfolger Trabuschs gehandelte Oliver Brunner, zweimaliger Produktionsleiter des Brechtfestivals und seit 2012 Dramaturg am Theater Augsburg, bleibt dabei, erhält jedoch Unterstützung von Maria Viktoria Linke, derzeit noch Dramaturgin am Landestheater Tübingen. Mit dieser Entscheidung bekräftigt die Intendantin ihre erklärte Absicht, die Lasten der Leitungsebene auf mehrere Schultern zu verteilen, wie sie das bereits im Bereich des Musiktheaters getan hat: Dessen geschäftsführender Leiter Georg Heckel steht der Intendantin bereits seit Januar zur Seite und erhielt nun mit ihr die Gelegenheit, den Spielplan des Musiktheaters vorzustellen. Konstant bleibt die Leitung der Sparte Ballett in den bewährten Händen von Robert Conn, der, wie verlautet, dem Haus noch weiterhin erhalten bleiben wird. Dass seine Truppe auch international einen guten Namen hat, konnte er gleich daran festmachen, dass er noch am selben Tag zum Flug nach Belgrad aufbrechen müsse, weil die Augsburger dort gerade an einem renommierten Festival teilnehmen. Der noch nicht vorhandene GMD fehlte selbstverständlich auf dem Podium, das für die Saison vorgesehene Konzertprogramm wurde von dem GMD-Referenten Tilman Böttcher vorgestellt.

Hochkarätige Sinfoniekonzerte

Entsprechend ist beim Konzertprogramm ein gewisser Vorbehalt vorhanden – man will dem neuen GMD Gestaltungsmöglichkeiten lassen. Das Programm steht jedoch insgesamt fest und zeigt noch die Handschrift von Dirk Kaftan: Die Sinfoniekonzerte sind locker nach Themen geordnet und mit einem (mehr oder minder) „sprechenden“ Titel versehen („Olé“, „Reife“), was beim Publikum wohl gut ankommt. Die steigenden Besucherzahlen (in der letzten Saison waren einige der Konzerte komplett ausverkauft) sind jedoch selbstverständlich auch der inhaltlichen Gestaltung (Repertoire auch abseits der Routine) und den hochkarätigen dirigierenden und solistischen Gästen zu verdanken. Dieser Weg wird offenbar fortgesetzt, klingende Namen wie Janina Fialkowska, Frank Peter Zimmermann und Sabine Meyer sind in der Programmplanung präsent, aber auch das Augsburger Nachwuchstalent Teresa Schwamm. Auch in der neuen Saison wird übrigens ein Konzert im Rahmen des Brechtfestivals stattfinden („Schauspiel für die Ohren“), in dem der Schauspieler Sebastian Koch als Sprecher mitwirkt. Auf zwei Vorstellungen aufgestockt werden die Familienkonzerte, die sich offenbar, wie die Kammermusikreihe, großer Beliebtheit erfreuen. Die gute Resonanz ist sicher auch die Frucht der Öffnung für Schulklassen, die weiter fest im Programm steht.

Musical auf der Freilichtbühne

Das Musiktheater eröffnet die Spielzeit mit Janaceks Jenufa, die gerade erst in Graz unter Dirk Kaftan Premiere hatte. Das ist kein Zufall, es handelt sich um eine Kooperation – die Inszenierung von Peter Konwitschni wird von Augsburg übernommen. Auch bei anderen teuren Produktionen im Musiktheater will man durch Kooperationen Synergieeffekte nutzen: So geht Kaftans Abschiedsproduktion „Lohengrin“, die am 5. Mai Premiere hat, nach der Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit nach Oslo. Auf dem Opernprogramm stehen noch Wozzek (Inszenierung: Ludger Engels), Hänsel und Gretel (Aron Stiehl), als Mozart-Oper „La finta giardinera“ (Roland Schwab) und schließlich Verdis Macbeth unter der Regie von Lorenzo Fioroni. Ein Geheimnis bleibt die Produktion auf der Freilichtbühne: Angesichts noch laufender Verhandlungen um die Aufführungsrechte will man sich laut Juliane Votteler die Blamage einer falschen Ankündigung diesmal ersparen. Vorgesehen ist jedenfalls wieder ein Musical in Zusammenarbeit mit dem Hair-Team – aus Sicht des Hair-begeisterten Publikums sicher eine erfreuliche Nachricht.

Ballettabend mit Romeo und Julia

Erfreuliches konnte Robert Conn auch vom Ballett vermelden: Es wird tatsächlich diesmal eines der „großen“, abendfüllenden Ballette geben. Das doch sehr kleine und daher in seinen Möglichkeiten eingeschränkte Ensemble wagt sich an Prokofievs Romeo und Julia. Die Choreografie ist hausgemacht von Young Soon Hue – dem Augsburger Publikum bekannt durch ihre ansprechende Umsetzung der Carmina Burana auf der Freilichtbühne. Unter dem Titel „Medea“ gestaltet der spanische Choreograf Angel Rodriguez ebenfalls eine abendfüllende Tanzproduktion. Drei Choreografen (Marco Goercke, Georg Reischl, Stephen Shropshire) gestalten das Programm „Dance Impulse“ und auf der Brechtbühne gibt es wieder „Destillationen“. Zum Inhalt der Ballettgala am 28. März sagte Conn nichts, er geht davon aus, dass sie wieder in wenigen Minuten ausverkauft sein wird.

Schauspiel: Vielfalt für jeden Geschmack

Das neue Schauspielteam steigt gleich mit einem Experiment ein: Frei nach Jacques Offenbach werden die „Banditen von Gerolstein“ in einem „Fuggerstadt-Remix“ neu gestaltet. Das „Offenbachiade-Projekt“ unter der Regie von Paul-Georg Dittrich verbindet Oper und Schauspiel und ist in seiner politischen Aussage (bei allem Vergnügen) hoch aktuell. Doch es gibt auch etwas aus dem klassischen Repertoire (wenn auch nichts im engeren Sinne): Kleist ist mit einer Novelle präsent (Michael Kohlhaas, inszeniert von Ramin Anaraki), Tennessee Williams lässt seine Katze auf dem heißen Blechdach tanzen (mit Vermittlung von Matthias Fontheim) und zum Brechtfestival kommt „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (Christian Weise). Das Weihnachtsmärchen „Sindbad der Seefahrer“ entführt in den Orient (Regie: Marcus Mislin) und Anne Lenk kommt wieder nach Augsburg, um Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ in Szene zu setzen. Die Produktion „Wir lieben und wir wissen nichts“ von Moritz Rinke wird die neue Chefdramaturgin Maria Viktoria Linke selbst inszenieren. Auch wird es in der nächsten Spielzeit wieder ein „Stadtprojekt“ geben: Tobias Ginsburgs Produktion „Goldland“ greift eine Episode auf, die mit der Augsburger Geschichte verbunden ist, nämlich die Herrschaft der Welser in Venezuela („Klein Venedig“) vor 500 Jahren, als man dort das sagenhafte „Goldland“ suchte. Verknüpft wird dies mit Aspekten der Gegenwart, da auch heute viele Menschen auf der Suche nach „Goldland“ sind. Zwei Produktionen im Hoffmannkeller („Playboy“, eine Uraufführung von Marijana Verhoef Cosic und „Gust“ von Herbert Achternbusch) runden das Angebot des Schauspiels ebenso ab wie Kooperationen mit dem Sensemble Theater (Dramatikerpreis), dem Jungen Theater Augsburg (Kinderproduktion „Ein Schaf fürs Leben“) und dem Projekt „MEHR MUSIK!“ (Der blaue Stuhl). Überhaupt wird den Kindern und Jugendlichen als Zielgruppe erfreulicherweise weiterhin ein hoher Stellenwert eingeräumt.

Augsburg mit den Augen der Anderen

Für den Publikumskontakt mit den erwachsenen Augsburgern soll es ab November einen „dramatischen Salon“ geben, den die neue künstlerische Betriebsleiterin Maria Viktoria Linke gemeinsam mit dem Schweizer Autor Reto Finger unter dem Wortspiel „Linke Finger“ gestalten will. Die beiden Neu-Augsburger haben sich vorgenommen, ihre Entdeckungen in dieser Stadt auch an ungewöhnlichen Orten zu kommunizieren und sich dabei mit Gästen aus Kunst, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft auszutauschen. Da können wir ja mal gespannt sein.