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Donnerstag, 23.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Auf einem Baum gefallen“

Von Siegfried Zagler

Boden über dem Boden – Raum füllende Holzplatte im H2

„Für seine Ausstellung „Auf einem Baum gefallen“ hat Benjamin Appel eine neue, monumentale Raumarbeit entworfen. Appels systematischer Ausgangspunkt, die Analyse der Idee von Raum als einer philosophischen, künstlerischen und anthropologischen Größe, hat in seiner Arbeit im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast zu seiner bislang radikalsten und reduziertesten Skulptur geführt.“

Der Autor dieser Textperle aus dem scheinbar unerschöpflichen Fundus städtischer Pressemitteilungen ist nicht explizit angeführt, was allerdings auch überflüssig ist, denn es kann sich nur um Dr. Thomas Elsen handeln. Elsen ist Leiter des städtischen Zentrums für Gegenwartkunst (namens „H2“), eine Einrichtung, deren Miet- und Heizkosten um ein Vielfaches höher sind als das Budget für Ausstellungen. Das H2 ist eine ehemalige Industriehalle im Glaspalast.

„In die Halle ist eine den Raum als einziges Objekt füllende Holzplatte installiert, die auf achtzig ausrangierten Schultischen aufliegt. Dieser quasi schwebende Boden über dem Boden, der trotz seiner Ausmaße eher grazil als wuchtig wirkt, nicht auftrumpfend dominiert, sondern ästhetisch präzise interveniert, relativiert und befragt die Vorstellung des Monumentalen in der Kunst wie im Leben zugunsten einer ästhetischen Form, deren äußere Abmessungen durch die innere Stimmigkeit ihres Ausdrucks bestimmt werden.“

Dr. Elsen schwadroniert über Kunst. Dies war und ist das eigentliche Programm des H2. So war es auch am vergangenen Freitag. Nicht der Künstler und nicht die Kunst stehen zur Debatte, sondern das scheinbare Erkenntnis- oder Sprachvermögen der Betrachter. In der Moderne eine Selbstverständlichkeit: Durch das gesprochene Wort wird die Welt zur Welt, die Kunst zur Kunst und das Banale zum Programm. Das erklärende Hinzufügen des Kurators ist Bestandteil einer Kunst, die sich zum Beispiel als „Conceptart“ ausgibt. Also Kunst aus Konzepten, die entschlüsselt werden wollen. Das Museum der Moderne wird somit zu einem Ort der Selbstvergewisserung. Weltaneignung heißt das Zauberwort. Weltaneignung mittels eines Vorgangs, den man als Appell an den Verstand begreifen soll. „Verstehe das Gezeigte und du öffnest eine weitere Tür zur Welt“, so könnte man die Sprachspiele einer Kunst-Szene beschreiben, die sich durch nichts anderes als Selbstreferenz zu einer gesellschaftlich erstaunlich akzeptierten wie sektenartigen Gruppe herausgebildet hat.

Wie lange ist es her, dass Kunst-Konzepte irritierten und Diskurse in Gang setzen konnten? Der Angriff der Kunst auf die übrige Welt war als Subversion intendiert – verbunden mit der Hoffnung auf eine andere (möglicherweise bessere) Zukunft und eine freiere Kunst. Übrig geblieben ist davon das Design und eine Art Lebensform, deren Kunst darin zu bestehen scheint, Attitüden der Talentlosigkeit als abgesicherten Gegenentwurf für das Nützliche und Notwendige zu erhalten.

Ebenso geht Appel in den drei Innenräumen der Box vor. Architekonisch-skulpturale Einbauten aus Holz, Beton, Gips, Erde und Eisen sind „klassischen“ Bildern und abstrakten Bildobjekten – Öl auf Leinwand – gegenübergestellt, die als Reflex und Spiegel der dreidimensionalen Raumobjekte auftreten. Beide Momente treten so quasi als zwei Seiten eines künstlerischen Gesamtentwurfs auf, dessen Disposition die Autonomie des einzelnen Kunstwerks zur Autonomie ihrer Verknüpfung als räumliches Koordinatensystem erweitert.“ – So Elsen in der städtischen Pressemitteilung zur Ausstellungseröffnung im H2. Eine tödliche und im Kunstbetrieb als Ewigkeitsschleife abgenudelte wie nichtssagende Sprache, in der sich die Belanglosigkeit des Ausgestellten zwar nicht abbildet, aber vorstellen lässt. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, sollte sich von der DAZ nicht abhalten lassen. Die Ausstellung ist geöffnet vom 10. März bis 6. Mai 2012 von Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.