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Freitag, 05.08.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Anmerkung zum Gendern: Im Labyrinth der feministischen Etikette

Warum die Stadt Augsburg das Gendern nicht ernst nimmt

Kommentar von Siegfried Zagler

Der feministische Angriff auf das unbestimmte Pronomen „man“, das durch „frau“ ersetzt werden sollte, ist eine Weile her und verlief im Sande, wie viele andere Versuche, mehr Geschlechter-Gerechtigkeit in der deutschen Sprache herzustellen. Das war in den 90er Jahren, als die bundesdeutsche Gesellschaft noch hinterm Mond lebte und am Abend weiße Socken trug. Nicht ganz unabhängig davon hatte die Resistenz der konservativen Grammatikwächter damals einen entschiedenen Grundton, der sich durchsetzte. Wie das in der heutigen Genderdebatte wohl auch zu erwarten ist.

Auch wenn es thematisch nicht ganz zum Thema passt: Das N-Wort, das M-Wort, das Z-Wort waren damals noch im Gebrauch, als wären diese rassistischen Zuschreibungen etwas Natürliches. Dort, wo diese Wörter heute noch verwendet werden, ist gestern, ist Hinterwald. Medien, Gruppen und Personen, die das anders sehen, befinden sich gesellschaftlich auf dem Rückzug und haben immer weniger zu sagen. Das ist gut so und eine Fortschrittsentwicklung. Dass es sich beim Verzicht auf bestimmte Nomen nicht um einen Eingriff in die Grammatik handelt, muss an dieser Stelle nicht hervorgehoben werden.

Anders verhält es sich beim Gendern. Wenn die kategorisierenden Substantivbildungen wie zum Beispiel „der Bürger, der Besucher, der Zuschauer, der Arbeiter, der Raucher“ usw. nicht mehr ausreichen, alle Menschen abzubilden, weil sich die bundesrepublikanische Gesellschaft in den vergangenen dreißig Jahren radikal verändert hat und mit Macht zu einer anderen Grammatik strebt, dann wäre dieser Kommentar überflüssig, wie unzählige andere Kommentare zum Gendern.

Dem ist aber nicht so. Gendern ist noch nicht viel mehr als eine politische Attitüde, eine Sprechetikette, ja eine Art anbiedernder Sprachgebrauch, der selbst von denjenigen, die ihn verwenden, nicht ernstgenommen wird. Gendern ist nach wie vor eine Kunstgrammatik, die sich im Labyrinth der feministischen Etikette verlaufen hat. Nachweisen lässt sich das ziemlich einfach mit dem schüchternen Gendern der Stadt Augsburg, die in ihren Verlautbarungen gendert, also von Bürger*innen spricht und somit festlegt, dass die „Bürger“ der Stadt nur noch Männer sind.

Dementsprechend wären dann die städtischen Bürgerbüros Ämter, die nur für Männer zugänglich sind. Das Gleiche gilt für Bürgerversammlungen oder Bürgerbeteiligungsprozesse: Würde die Stadt ihre eigene Gender-Grammatik ernst nehmen, müsste sie ihre Bürgerämter in „Bürger*innenämter“ umbenennen – oder eben den Frauen den Zutritt verwehren. Ein fehlendes Römermuseum wäre als „Römer*innenmuseum“ zu bezeichnen, ein Neubürgerempfang als Neubürger*innenempfang usw..

Schreckt die Stadt davor zurück, weil es sich um unpopuläre Maßnahmen handeln würde, die ihr die Bürger*innen um die Ohren schlagen würden? Unterlässt sie es, weil sie ihrer eigenen Courage nicht traut? Dann sollte sie das Gendern ganz bleiben lassen.

„Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war“, so Bert Brecht. Das ist Brechts Postulat zur Erkenntnisfähigkeit bezüglich der eigenen Irrtümer, die gern einer falschen Logik folgen.

Falls aber A richtig ist und B nicht gesagt wird, dann handelt die Politik nicht, weil sie mutlos ist. So gesehen, sollte man in der Brechtstadt klug sein und einsehen, dass A falsch war.