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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Amore in Bella Italia

Stimmiger „Liebestrank“ als letzte Premiere im Großen Haus

Kurz vor der abrupten Schließung des Großen Hauses kam nun die letzte Opernpremiere dieser Spielzeit auf die Bühne: Donizettis „Liebestrank“. Ein „melodramma giocoso“ mit mehr komischem als tragischem Potenzial. Unter dieser Prämisse stand jedenfalls die Inszenierung von Aron Stiehl, der dem Augsburger Publikum schon in der letzten Spielzeit mit seiner Interpretation von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ viel Vergnügen bereitet hat.

Von Halrun Reinholz



Doch diese letzte Premiere stand auch ganz unter dem Schock der Ereignisse, der Sanierungsdiskussion wie der Brandschutz-Schließung. Als der Vorhang sich hob, sah man zunächst Juliane Votteler in Begleitung des Domkapellmeisters Reinhard Kammler, der unter heftig zustimmendem Applaus des Publikums eine flammende Solidaritätsbekundung für die umgehende Sanierung des Theaters hielt. Eine Gruppe seiner Domsingknaben unterstützte dieses Anliegen mit einer a capella-Version der Zauberflöte-Ouvertüre auf einen Text, der der hohen Kunst der Musik huldigte und die „guten Geister“ der Stadt beschwor.

Für den „Liebestrank“ hatte Aron Stiehl sein schon bei Hänsel und Gretel erfolgreiches Team wieder dabei: Simon Holdsworth für das Bühnenbild und Dietlind Konold für die Kostüme. Die ideenreiche Ausstattung versetzt die Handlung ins Italien der 50er Jahre – mit Petticoats, Vespa und Swimmingpool. Aber auch die Neigung der Italiener zu schicken Uniformen wird im eigentlichen wie im übertragenen Sinn augenzwinkernd persifliert – herrlich der Chor der Damen im uniformen Strand-Look in rot-weiß-grün. Motto und Aufhänger der Ausstattung ist der italienische Film – Fellini und Konsorten grüßten deutlich. Statt Vorhang gab es auch eine „Film-Leinwand“, die ein Liebespaar vor dem Kolosseum zeigt und der Trevi-Brunnen bildet ein markantes Element des Bühnenbilds.



Gut gelaunte Ferienstimmung verbreiten auch die Darsteller. Armin Frauenschuh sorgt als Choreograph dafür, dass die Auftritte der Chormitglieder und Statisten nicht dem Zufall überlassen bleiben – jede Bewegung zu den Klängen der Musik ist inszeniert und die sehr italienische Vorliebe für Massentänze à la „Macarena“ wird lustvoll zelebriert. Dies alles umrahmt die Haupthandlung um den etwas linkischen Nemorino (in der Premiere hervorragend Ji-Woon Kim, alternativ Christopher Busietta), der unsterblich in Adina (Mária Celeng als Gast, alternativ Cathrin Lange) verliebt ist. Diese zeigt ihm die kalte Schulter. In seiner Verzweiflung gerät Nemorino an den Scharlatan Dulcamara – souverän im Glitzerlook, ständig am Buffet schnorrend von Young Kwon dargestellt, der selbst mit vollem Mund eine erstaunliche Singqualität beweist. Da er keinen Liebestrank im Angebot hat, gibt er Nemorino eine Flasche Bordeaux, die diesen Zweck erstaunlicherweise erfüllt: Die Hochzeit Adinas mit dem schnittigen Offizier Belcore (Giulio Alvise Caselli, alternativ Alexander York) platzt kurz vor dem Ja-Wort und alles löst sich in fröhlichem Wohlgefallen auf.



Die Stärke der Inszenierung liegt in dem stimmigen Gesamtkonzept, das mit den hervorragenden Darstellern korreliert. Das opulente Bühnenbild ist zwar aufwendig, aber nicht aufgesetzt. Dass die Sänger teilweise durch den Swimmingpool „schwimmend“ singen, dient der ironischen Brechung des sonst leicht in den Kitsch abrutschenden Bühnengeschehens genauso wie die Glitzer-„Spritzer“. Pyrotechnische Effekte mussten aufgrund der verschärften Brandschutzregeln ohnehin gestrichen werden.

Das Premierenpublikum applaudierte die frische Darstellung von Donizettis Oper frenetisch. Selbst das Regie-Team erschien zweimal zum Applaus. Daran ist nicht nur die Trotz- und Abschiedsstimmung schuld. Es scheint fast, als hätten sich zum Schwanengesang im Großen Haus besonders hochkarätige Produktionen eingefunden. Neben „Lady Macbeth von Mzensk“ und „Platonow“ ist der „Liebestrank“ ein weiterer Höhepunkt der Inszenierungen dieser Spielzeit. Ob es eine Wiederaufnahme im Herbst gibt, steht, wie so vieles, in den Sternen.

Fotos: A.T. Schaefer