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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Als Kind aus Kriegshaber vertrieben

Liese Fischer floh vor den Nazis und kommt am Sonntag noch einmal nach Augsburg zurück

Liese Fischer, die als Kind aus Augsburg fliehen musste, kommt als 87-Jährige am Sonntag zu einer Veranstaltung in der Reihe „Lebenslinien“ ins Sensemble Theater (Foto: privat).

Liese Fischer, die als Kind aus Augsburg fliehen musste, kommt als 87-Jährige zu einer Veranstaltung in der Reihe „Lebenslinien“ ins Sensemble Theater (Foto: privat).


1925 wurde Liese Einstein in Augsburg-Kriegshaber geboren. Ihr Vater Moritz war zusammen mit fünf seiner sieben Brüder Inhaber der Viehhandlung „Gebrüder Einstein“ – die Firma zählte bis zur NS-Zeit zu den führenden Viehhandelsunternehmen Schwabens. Liese besuchten die Grundschule in Kriegshaber, später die Maria-Theresia-Schule. Es hätte das ganz normale Leben einer ganz normalen Augsburgerin werden können – wenn die Einsteins nicht Juden gewesen wären und wenn die Nazis nicht 1933 die Macht ergriffen hätten.

Am kommenden Sonntag, 4. November um 11 Uhr widmen das Jüdische Kulturmuseum und das Sensemble Theater Liese Einstein die zehnte ihrer jährlichen „Lebenslinien“- Veranstaltungen. Die überlebenden Zeitzeugen der Nazizeit werden immer weniger – Liese Einstein wird am Sonntag anwesend sein.

Ihre allem Anschein nach gesicherte Existenz und der Zuspruch aus den Reihen der Kunden und Handelspartner machten es der Familie Einstein leicht, sich lange Zeit in Sicherheit zu wähnen. Erst 1938, nach der Pogromnacht, wurde ihr die Bedrohung bewusst. Liese und ihr Bruder Siegbert wurden vom Schulbesuch ausgeschlossen, die Brüder mussten die Viehhandlung aufgeben – damit war ihre Existenz bedroht, die Familie beschloss, Deutschland zu verlassen. Doch es war bereits zu spät – trotz aller Anstrengungen fand sich kein Auswanderungsland, das bereit gewesen wäre, die ganze Familie aufzunehmen. Nur Liese und Siegbert als Kinder konnten 1939 mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gelangen. Die Eltern wurden im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Lieses Bruder Siegbert starb völlig unerwartet wenige Monate nach der Ankunft in Großbritannien – Liese war nun völlig auf sich allein gestellt, vom Tod ihrer Eltern erfuhr sie allerdings erst nach dem Krieg.

1947 emigrierte Liese Einstein zu Verwandten in die USA, wo sie später Harry Fischer heiratete, der ebenfalls die Shoah überlebt hatte. Heute wohnt sie als Liese Fischer in Silver Spring, Maryland, wo auch ihre Tochter und ihr Enkel zuhause sind – von beiden wird sie nach Augsburg begleitet.

Neben der Veranstaltung im Sensemble Theater wird Liese Fischer auch in drei Workshops im Jüdischen Kulturmuseum mit Schülern und Schülerinnen über ihr Leben sprechen.