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Mittwoch, 30.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater

Abschied auf goldenen Flügeln

Mit einem Konzert am Roten Tor verabschieden sich die Augsburger Philharmoniker nach einer zerrupften Spielzeit

Von Halrun Reinholz

© Jan Pieter Fuhr

Die Spielzeitbilanz des Theaters, so wurde zu deren Abschluss verkündet, fällt erwartungsgemäß desaströs aus. Niemand wundert sich darüber, dennoch schmeckt der dicke Wermutstropfen bitter. Gerade angesichts der anstehenden Theatersanierung, zu der es mit Sicherheit noch die eine oder andere Diskussion geben wird.
Doch es gab auch Lichtblicke – engagierte Künstler, die aus der Situation das Bestmögliche herausholten. Vor allem die Philharmoniker erwiesen sich da als besonders kreativ. Etliche stellten sich einzeln im Netz mit ihren Instrumenten dem Publikum vor. Die Musiker spielten in Höfen und vor Balkonen. Und schließlich brachte GMD Domonkos Héja mit seinen Orchestermusikern (oder zumindest einem Teil davon) den vierten Satz aus Dvoraks „Sinfonie aus der neuen Welt“ ins Netz – eine Gemeinschaftsaktion aus Einzelaufnahmen in den eigenen Wohnzimmern. Das vielfach wiederholte Konzert mit Linus Roth als Solisten erreichte trotz Corona-Bedingungen zahlreiche musikhungrige Augsburger.

Unter Freiluftbedingungen konnte das Wunschkonzert im Martinipark gespielt werden und zweimal wurde die Freilichtbühne „corona-maximal“ ausgelastet:  „Auf goldenen Flügeln“ kam das Programm daher. Das Zitat aus dem Gefangenenchor in Verdis Nabucco „Va pensiero“ umreißt bewusst pathetisch die schwierige Situation, in der sich die Kultur in den letzten Monaten befand und die mit dem Ende der Spielzeit noch nicht endgültig gelöst ist.

Das Abschiedskonzert auf der Freilichtbühne war schon lange ausverkauft. Trotz der freien Zwischenreihen und der Lücken in den besetzten Reihen waren die Zuschauer gut verteilt und machte sich auch deutlich applaudierend bemerkbar. Drohende dunkle Wolken ließen Musiker und Zuschauer kurz vor Beginn noch bangen, doch das Wetter hatte ein Einsehen und zog vorbei. „Wir freuen uns, dass Sie da sind, freuen Sie sich auch?“ fragte Domonkos Héja rhetorisch und erntete erwartungsgemäß lautstarke Zustimmung. 

Auf dem Programm standen nur sieben Nummern, denn es musste ohne Pause ablaufen. Drei Opern-Ouvertüren machten den Anfang – zu Wagners „Holländer“ sowie Verdis Aida und Nabucco. Alle diese Opern wurden wohl schon mal auf der Freilichtbühne aufgeführt, wie Héja betonte. Dabei schwang ein leichtes Bedauern mit, dass diese großartige und für Operninszenierungen sehr geeignete Bühne seit Jahren nur noch für Musicals genutzt wird. 

Doch das weitere Programm umfasste eine kurzweilige Zusammenstellung unterschiedlichster Musikstücke. Im „Danse macabre“ von Camille Saint-Saens brillierte Katja Lämmermann mit den Geigensoli. Die Konzertmeisterin des Gärtnerplatztheaters nahm diese Stelle für dieses Konzert als Gast bei den Augsburger Philharmonikern ein. Nach drei „Lachischen Tänzen“ von Leos Janacek folgte die bekannteste Operettenouvertüre der Welt, nämlich die zur „Fledermaus“. 

Der GMD wies in der Moderation verschmitzt darauf hin, dass man beim Blick in den Himmel durchaus eine leibhaftige Fledermaus sehen kann. Schließlich summten noch die „Wespen“ aus der Ouvertüre zur Bühnenmusik von Ralph Vaughan Williams in den Nachthimmel. Bevor das Orchester dem dankbaren Publikum dann doch noch eine Zugabe gönnte (die Farandole aus Bizets „Arlésienne“), wurde es emotional. Die Verabschiedung ausscheidender Orchestermitglieder bei deren letztem Konzert hat bei den Philharmonikern Tradition, doch diesmal verabschiedete Domonkos Héja eine Institution, die aus dem Orchester kaum wegzudenken ist: Ludwig Hornung, den langjährigen stellvertretenden Konzertmeister, den Augsburgern auch als Musikpädagoge und Kammermusiker bekannt. Und nicht zuletzt auch als Vater des Cellisten Maximilian Hornung, einst auch mal „artist in residence“ bei den Augsburger Philharmonikern.
Ein Abschied auf goldenen Flügeln, dem hoffentlich im Herbst ein neuer Schwung folgt. 

Dass wir, um es mit Héjas Worten auszudrücken, uns dann wieder „normal“ im Konzertsaal begegnen können. Mit vollem Programm, der Pause dazwischen und all den Ritualen, die einfach dazugehören. Doch am wichtigsten ist die Musik und die kam an dem wunderbaren Sommerabend voll zur Geltung.