Die Augsburger Zeitung

DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur

Freitag, 17.11.2017 • Nr. 321 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Kommentar zum Friedensfest: Von der Stadtchronik über die Kulturpalette ins Fußballstadion

Warum es peinlich ist, wenn sich die Stadt Augsburg eine neue Geschichte konstruiert

Kommentar von Siegfried Zagler

“Jede Revolution beginnt auf der Straße”, so lautete in den 90ern ein Werbeslogan für ein neues Luxusmodell von Mercedes Benz. Und wie so oft, wenn sich Werbeagenturen etwas ausdenken, liegt der Fehler nicht in der Verkürzung, sondern in schlichten Fehlinterpretationen des Weltgeschehens. Jede Revolution beginnt nämlich im Kopf, also im Denken von Menschen, die an der aktuellen Wirklichkeit leiden, weil sie eine Vorstellung davon haben, wie eine bessere Welt aussehen könnte und was dafür geschehen müsste. Martin Luther war so ein Mensch. Luther kritisierte und prangerte an, ohne eine Revolution anzetteln zu wollen. Luther war ein Rebell, der Reformen wollte und dafür eine blutige Revolution in Kauf nahm, weil er spürte, dass seine Macht auf der Straße lag - und er wusste, wie und wann man sie aufheben muss, um ein Wort von Hannha Arendt ins Feld zu führen.

Nicht Luthers 95 Thesen veränderten den Lauf der Geschichte, sondern die entstandenen Missstände in Adel und Klerus, die zu Schmerz und zu Aufständen führten. Luther führte keine Kriege, gab jedoch in seinen Schriften geistig “Feuer frei”, wie es später die französischen Revolutionäre taten, in deren Spuren Schlächter wie Mao und Stalin wandelten.

Könnte man den 500-jährigen Lauf der Geschichte der Zivilisation zurück zu Luther gehen, wäre dieser Weg von Blut getränkt. Musste es so kommen, wenn man die “Philosophie vom Kopf auf die Beine stellt”, wie Karl Marx es formulierte? Wenn sich die Struktur der Barbarei und des Unrechts nicht von innen heraus zerstört, weil sie noch zu stark ist und länger anhält als ein Menschenleben, dann erhält das historische Narrativ der Revolutionen meist eine romantische und humanistische Prägung, die nicht immer eindeutig haltbar ist - und somit einer Forschung bedarf.

Allerdings muss man Forschungsauslegungen gegenüber wachsam sein, wie zum Beispiel DAZ-Autor Bernhard Schiller, der in seinem Essay “Die Legende von der Friedensstadt” nachweist, dass in Augsburg politisch motivierte Verklärungskampagnen Geschichtsaneigungsprozesse betrieben haben und betreiben, die nicht haltbar sind, wenn man sie mit den Erkenntnismöglichkeiten der wissenschaftlichen Geschichtsforschung überprüft.

Auf schwer erträgliche Weise erkennbar wurde das kürzlich beim städtischen Festakt “650 Jahre Fugger” oder vor wenigen Tagen bei der Verleihung des Augsburger Friedenspreises. Es scheint fast so, als würden städtische Schreibstuben oder von der Stadt beauftragte Agenturen austesten, wie weit man Geschichtsfälschung treiben kann, um die bloße Historizität der Stadt in ein Label fügen zu können, das sich ökonomisch verwerten lässt und obendrein die Stadt in einen Kontext stellt, der sich bestenfalls für gruselige Märchenbücher eignet, wie man bei der Ausstellung “Wehrhaftes Augsburg” beim Wasserwerk am Roten Tor verwundert zur Kenntnis nehmen muss.

“Es wird derzeit in Augsburg offenbar zur schlechten Übung, dass ein paar PR-Fuzzis via Oberbürgermeister in völliger Unbedarftheit eine neue Stadtgeschichte konstruieren wollen. Dazu gehört wohl auch, dass das Augsburger Friedensfest immaterielles Kulturerbe werden soll. Das wäre ja grundsätzlich keine schlechte Idee, verhöhnt allerdings in der aktuellen Konstruktion die zahllosen Opfer des konfessonellen Zeitalters und der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Diese Idee basiert auf einem fauligen Fundament, solange man sich der Klarstellung der Unfriedlichkeit Augsburgs in diesen Jahrhunderten (und auch danach) entzieht.” So ein DAZ-Leser von vielen, die sich mit zahlreichen Zuschriften an den Herausgeber für Schillers Text bedankten. Zuschriften, die fast alle mit dem hoffnungsvollen Schluss endeten, dass man um himmelswillen nicht aufhören solle, auf diese dreisten Geschichtskonstruktionen hinzuweisen.

Nach der gescheiterten Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt im Jahr 2004 setzte die Stadt Augsburg unter der damaligen Regenbogenregierung mit dem zuständigen Kampagnen-Intendanten Thomas Höft zur kulturellen Profilierung Augsburgs alles auf die kulturelle Verwertung einer Friedensstadt-Behauptung. Mit Hilfe des Mottos „Pax 2005“ wurde der Augsburger Religionsfrieden groß gefeiert, der sich damals zum 450. Male jährte. Sechs Jahre später fanden im Stadionneubau an der B17 drei Vorrundenpartien und ein Viertelfinale der Frauenfußball-Weltmeisterschaft statt. Und um aus der kurzfristigen medialen Aufmerksamkeit größtmöglichen Image-Profit schlagen zu können, wurde hierfür von den Kommunikationsexperten der nun von CSU/Pro Augsburg geführten Stadtregierung das Label „City of Peace“ erfunden und mit einem religiösen Motto (”Geh hin und du wirst ein besserer Mensch!”) aufgeladen.

Der Weg des Friedensnarrativs aus der Stadtchronik über die Kulturpalette ins Fußballstadion untermauert die These, dass kleinstädtische Corporate Identity-Kampagnen Ausdrucksformen von Identitätsschwund sind. Werden diese Selbstzuschreibungsmuster ernstgenommen, legen sie das Gegenteil von jener kultureller Signatur frei, die die Kampagnenmacher entdeckt haben wollen und eben mit den Mitteln der Werbung verstärkt hervorheben wollen. Ähnliches lässt sich bei der städtischen Label-Behauptung in Sachen Brecht sagen. Kampagnen-Intendant Joachim Lang wurde von der Stadt mit zahlreichen Festivalleitungen belohnt, weil er Bertolt Brecht auf einen antihistorischen Sockel stellte, der touristisch verwertbarer schien, als die bekannten historischen Realien zu Augsburgs Dichtersohn. Die Stadt Augsburg macht sich selbst kleiner als sie ist mit ihren Selbstzuschreibungskampagnen, und zwar unabhängig davon, was gerade angesagt ist. (”Fuggerstadt”, “Friedensstadt”, “Renaissance-Stadt”, “Mozartstadt”, “Brechtstadt” etc.).

Geschichtsschreibung, schrieb der Philosoph Theodor Lessing (1872-1933), sei das Bedürfnis, „lebensnotwendige Illusionen zu schaffen“ und sei deshalb eine produktive Leistung der Phantasie, worin sich Wünsche und Sehnsüchte reflektieren würden. “Dort, wo aus dem Chaos der historischen Abfolgen und Zufälle nachträglich Sinn konstruiert wird, ist das Interesse an der Wahrheit gering oder doch zumindest sehr pragmatisch”, schreibt Bernhard Schiller in seinem DAZ-Essay, der, so die Hoffnung vieler DAZ-Leser am Tag des großen Reformationsjubiläums, den munteren Märchenerzählern in den städtischen Schreibstuben den Federkiel aus der Hand schlägt.


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