Die Augsburger Zeitung

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Mittwoch, 18.10.2017 • Nr. 291 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Sinn-Suche im Sechserpack: Peer Gynt im Martini-Park

Unter der Regie des Intendanten André Bücker nimmt das Schauspiel mit einem „großen Stoff“ die Interims-Spielstätte im Martinipark in Besitz und stellt sich dem Urteil des Augsburger Publikums

Von Halrun Reinholz

Peer Gynt x 6 ... Hier verkörpert von Gerald Fiedler, Anatol Käbisch (v.l.) (c) Jan-Dieter Fuhr

Peer Gynt x 6 ... Hier verkörpert von Gerald Fiedler, Anatol Käbisch (v.l.) Foto: (c) Jan-Dieter Fuhr

Der Zugang zum Martinipark ist mit Lichtstreifen gekennzeichnet, sicherheitshalber stehen noch Theatermitarbeiterinnen mit Leucht-Schirmen da, um dem Publikum den Weg in die neue Spielstätte zu weisen. Ein deutlicher Unterschied zu dem Provisorium der vergangenen Spielzeit, wo eine Halle kurzfristig notdürftig  spielbar gemacht wurde und Fleece-Decken die fehlende Heizung kompensieren mussten. Die neue Interims-Spielstätte wuchs auch erstaunlich schnell aus dem Nichts, aber sie scheint technisch alle Voraussetzungen zu erfüllen, die für eine professionelle Aufführung in allen drei Sparten erforderlich ist. Richtig schön ist es da nicht, aber das steht hier nicht zur Debatte. Fakt ist, dass die Augsburger sich jetzt für längere Zeit auf den Theaterbesuch im Martinipark einstellen müssen. Die Erreichbarkeit ist nach wie vor nicht optimal: Parkplätze in der City-Galerie und Straßenbahn hinter dem Textilmuseum. Ob der Shuttle-Service des Theaters dieses Manko überzeugend lindert, wird sich zeigen.

Nach dem „Freischütz“ des Musiktheaters stand beim Schauspiel nichts geringeres als Ibsens „Peer Gynt“ als erste Premiere an. Mit der Inszenierung stellte sich der Intendant persönlich dem Augsburger Publikum als Regisseur vor. Das gab es hier seit Ulrich Peters nicht mehr, weshalb die Premiere mit großer Spannung erwartet wurde. Um es vorweg zu sagen: Den großen Aha-Effekt gab es nicht. Der skurrile und sperrige (und irgendwie auch sehr nordische) Stoff entzieht sich schon per se dem ungeteilten Verständnis. Doch einige Ansätze der Inszenierung, die der Sinnsuche eines notorischen (und rücksichtslosen) Lügners, Blenders und Traumtänzers auf der Spur sind, erweisen sich als ansprechend und wurden vom Publikum auch so aufgenommen.

Hauptcharakter Peer Gynt ist mit sechs Schauspielern besetzt. Das mag gerade schick sein, im Kontext des Entwicklungsgeschehens über mehrere Lebensphasen des Protagonisten ist diese Vielfachspaltung sogar durchaus plausibel. Die große Zahl der gleich gekleideten und mit blonden Langhaarperücken kenntlich gemachten Peers macht die Handlung jedoch nicht gerade übersichtlich (drei hätten es auch getan!), zumal diese wechselweise auch alle anderen Rollen im Stück übernehmen. Die Auswahl an Peers reicht von dem jungen Anatol Käbisch über Daniel Schmidt, Thomas Pratzak, Kai Windhövel, Sebastian Müller-Stahl und den „gereiften“  Gerald Fiedler. Feste Größen sind die beiden Frauenrollen: Aase (Ute Fiedler als ungewohnter Glatzkopf, die später auch den konzilianten Tod/Teufel verkörpert) und Solveig (Karoline Stegemann). Die Rolle der Ingrid wird von der Sängerin der Band Misuk, Eva Gold, mit verkörpert. Überhaupt ist Misuk (neben Eva Gold noch Girisha Fernando, Assia Chappot und Stefan Brodte), den Augsburgern als “Brecht-Band” bekannt: eine gute Wahl für den Charakter der Inszenierung.

Die technischen Möglichkeiten der neuen Spielstätte nutzt Bücker geschickt und erzeugt die nordische Atmosphäre durch Video-Einspielungen (Frank Vetter). Auch das Bühnenbild (Jan Steigert) ist bemerkenswert: Die Szenen spielen sich zu großen Teilen in, auf oder vor einer zentralen drehbaren Blockhütte ab, die auch mal aufgeklappt werden kann und mit Videoprojektionen jeweils einen anderen Charakter erhält. Der Hintergrund der Bühne zeigt Projektionen von Landschaften, die, wie der Intendant danach erläuterte, anlässlich eines Aufenthalts in Norwegen eigens aufgenommen wurden.

Was an der Inszenierung weniger überzeugt, ist die teils langatmige Geschwätzigkeit. Die Übersetzung von Christian Morgenstern besitzt eine zeitlose poetische Kraft, dennoch ergänzen Regisseur und Dramaturg die Augsburger Inszenierung immer wieder durch Versatzstücke der Alltagssprache, brechen durch aktuelle Bezüge gewollt den Textfluss.

Dieser Bezug auf die Gegenwart ist teils witzig, teils aber angesichts meist ungerechtfertigter Fäkalsprache eher abstoßend und erinnert an (damals provokative) Inszenierungen der 80er Jahre. Vor allem aber nimmt die Geschwätzigkeit dem Text einiges an Dichte (und an Verständlichkeit) und lässt die dreieinhalb Stunden dauernde Aufführung vor allem im zweiten Teil doch etwas zäh werden. Dramatische Möglichkeiten werden verschenkt, etwa bei der viel zu statisch daherkommenden Schiffbruch-Szene. Gegen Ende nimmt die Handlung allerdings wieder an Fahrt auf, was das Premierenpublikum mit freundlichem (wenn auch nicht ekstatischem) Applaus quittierte.

Viel Neues auf einmal: Spielstätte, Akteure und Publikum müssen sich erst einmal gegenseitig „beschnuppern“,  bevor sich – passend zu Peer Gynt – der Kern der Zwiebel zeigt. Potenzial ist jedenfalls vorhanden.


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