Die Augsburger Zeitung

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Freitag, 17.11.2017 • Nr. 321 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Modular im Park: Schluss damit!

Ein Festival mitten in der Stadt, das zirka 30.000 jugendliche Besucher anlockte und von einigen Medien als künstlerisch ansprechende Veranstaltung angekündigt und dargestellt wurde, war für die meisten Bewohner der Innenstadt eine Qual!

Kommentar von Siegfried Zagler

Die Zahl der Woche ist 23. Genauer: heute Abend 23 Uhr. Dann ist Feierabend beim Modularfestival. Dann endet ein Bass-Teppich, der drei Tage und drei Nächte durch die Straßen, Parks und geschlossenen Häuser der Innenstadt wummerte und jede Form der Entspannung draußen und sogar in den eigenen vier Wänden unterband. Dann sind im Bismarckviertel, im Antonsviertel, im Beethovenviertel und weit nach Göggingen, Lechhausen und in die Innenstadt hinein wieder gewöhnliche Großstadtgeräusche zu hören: Autos rauschen wieder, das Gerumpel der Straßenbahnen fällt wieder auf und man empfindet sogar das Gequatsche der Heerscharen von Angetrunkenen, die sich vom Wittelsbacher Park Richtung Maxstraße bewegen, als angenehme Regung menschlicher Unzulänglichkeit.

Nicht hinzunehmen sind dagegen die Basshämmer und die Beats, die in die Körper der unbeteiligten Bewohner der Stadt dringen und ihre Seelen vergiften. Es ist schwer zu verstehen, weshalb Proteste gegen den Geräuschterror aus dem Wittelsbacher Park dergestalt mild und moderat ausfallen. Grundrechte auf Ruhe und Schlaf von Tausenden von Bürgern wurden drei Tage und drei Nächte vom Stadtjugendring und der Stadt missachtet. Das ist skandalös und nicht akzeptabel.

Über den Sinn und Unsinn eines dergestalt großformatigen “Jugendfestivals”, das vom Stadtjugendring und somit auch von der Stadt veranstaltet, also auch vom Bürger bezahlt wird, soll an dieser Stelle nicht nachgedacht werden. Es soll auch nicht genauer analysiert werden, warum sich Naturschutzverbände und Tierschützer bisher in Zurückhaltung übten - und dies wohl weiterhin tun.

„Wir bekommen E-Mails, in denen uns Bürger schreiben, wie gut sie es finden, dass wir den Jugendlichen sowas ermöglichen.“ Bei der Polizei gebe es bislang keine einzige Notiz über einen Fall von ausschweifendem Alkoholkonsum oder Gewalt. „Es ist ein absolut friedliches Familienfestival. Es ist das Festival, das sich Eltern für ihre Kinder wünschen.“ So wird Helmut Jesske, von der Augsburger Allgemeinen zitiert. Der Stadtjugendring ist Veranstalter des Festivals. Jesske der Geschäftsführer des Stadtjugendrings.

Die lokale Presse, die darüber ausführlich und meist aus der Sicht der Besucher und der Veranstalter berichtet, findet das Festival “wunderbar”. Wer es anders sieht, also die Belastung der Natur und die unerträgliche Geräuschkulisse in den umliegenden Quartieren hervorhebt, erhält von den Gute-Laune-Fraktionen allzu leicht das Branding eines Nörglers.

Dass Veranstalter von Großevents, wo Alkohol in Strömen fließt und jugendliche Konzertbesucher bereits zur Mittagszeit in den umliegenden Kneipen und Straßen “vorglühen”, ihre Veranstaltungen verklären, ist nicht verwerflich. Professionelle Veranstalter leben vom Klappern. Dass sich aber der Stadtjugendring auf diese naive Schiene der Selbstüberhöhung begibt, hat mit dem in Augsburg vorherrschenden politischen Ton der Selbstgefälligkeit zu tun. Die überzogene Selbsteinschätzung der Veranstalter und die billigende Haltung der Augsburger Medien gegenüber den heiligen Messen der Spaß- und Partygesellschaften bilden einen munter plätschernden Strom, gegen den sich selten jemand ernsthaft zu stemmen wagt.

Das Modularfestival hat an diesem Ort nichts verloren. Es muss ins Gaswerk verlegt und akustisch stabiler organisiert werden. Das muss die Schlussfolgerung für die Zukunft des Festivals sein. Die Stadt Augsburg ist der Daseinsfürsorge verpflichtet. Dazu gehört zum Beispiel, dafür zu sorgen, dass sie ihre Bürger evakuiert, wenn eine Luftmine in der Innenstadt entschärft werden muss. Dafür zu sorgen, dass sich eine Gruppe zu Lasten einer anderen Gruppe vergnügen kann, hat nichts mit dem Aufgaben-Portfolio einer Kommune zu tun.

„Lärm ist ein Umweltproblem, von dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung betroffen ist. Insbesondere können zu hohe Lärmbelastungen gesundheitliche Probleme nach sich ziehen. Obwohl die negativen Auswirkungen einer zu hohen Lärmbelastung bekannt sind, hat diese vor allem in den großen Städten und Ballungsräumen ständig zugenommen“, so beschreibt Umweltreferent Reiner Erben in einer städtischen Pressemitteilung die Lärm-Emissionsproblematik im Allgemeinen. Die Europäische Union hat mit der “Umgebungslärmrichtlinie” Vorschriften zur systematischen Erfassung von Lärmbelastungen erlassen. Seit 2008 ist die Stadt Augsburg verpflichtet, einen Lärmaktionsplan zu erstellen.

Wenn die Stadt aufhören würde, die größten Lärmbelastungen ihrer Bürger selbst zu verursachen, wäre bereits viel gewonnen.


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