DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Freitag, 26.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

9 => 8

Die Formel ist einfach zu verstehen: Der FCA hat neun Punkte, daraus ergibt sich Platz acht. Mit neun Punkten aus sechs Spielen sind die Augsburger so gut wie noch nie in die Bundesliga gestartet. Im ersten Jahr unter Trainer Weinzierl ging der FCA nach 17 Runden gerade mal mit 9 Punkten in die Winterpause. Der Abstieg schien unvermeidlich, doch dann folgte eine märchenhafte Rückrunde.

Von Siegfried Zagler

Tabelle nach dem 6. Spieltag

Tabelle nach dem 6. Spieltag


In diesem Jahr stehen bereits 9 Punkte nach 6 Spieltagen auf dem Konto der Augsburger. Der FCA steht in der Tabelle nicht nur vor Dortmund, Schalke, Stuttgart und anderen großen Vereinen, sondern hat auch die Champions League-Plätze vor Augen. Herrschte in Augsburg Euphorie, müsste man auf die Euphoriebremse treten, würde man verwegene Träume träumen, müsste man an den Realitätssinn appellieren. In Augsburg herrscht keine Euphorie, in Augsburg werden keine großen Träume geträumt, sondern Punkte gegen den Abstieg gesammelt. Der FC Augsburg in der Bundesliga: Es sieht ganz danach aus, als könnte man im vierten Jahr ein Märchen in einen Roman verwandeln.

Als der FCA  diesen Sommer mit Andre Hahn einen Spieler ziehen lassen musste, der mit seiner Leistungsexplosion im Trikot des FC Augsburg als einzelner Spieler nichts Geringeres verkörperte als die Gesamtentwicklung eines Fußballvereins, der Jahrzehnte unsichtbar in den Untiefen der Bayernliga  versunken war, kam den Alten die Geschichte von Helmut Haller in den Sinn.

Mit Hahn war nach Haller nach einem halben Jahrhundert wieder ein Augsburger im Kreis der Nationalmannschaft. Als Haller zu Beginn der 60er Jahren den BCA Richtung Bologna verließ, begann in Deutschland das Zeitalter des Profifußballs und damit auch der Niedergang der beiden Augsburger Spitzenvereine. Damals bei Haller und kürzlich bei Hahn hatten die Augsburger nicht die geringste Chance ihre Abgänge zu verhindern. Bezüglich ihrer Klasse liegen zwischen Andre Hahn und Helmut Haller natürlich Welten, aber bei Hahns Abgang war und ist das Gleiche zu konstatieren wie seinerzeit bei Haller: Er ist unersetzbar. Muss man sich mit der Sorge plagen, dass der Abgang eines Unersetzlichen zu einem erneuten Augsburger Niedergang führt?

Von Linksverteidiger Matthias Ostrzolek lässt sich das nicht sagen. Er ist zwar leichter zu ersetzen als Hahn, aber er wäre auch zu halten gewesen. Für Ostrzolek wurde Baba verpflichtet. Bereits nach fünf Spielen ist Baba weiter als es Ostrzolek nach einem Jahr war.

Schmerzvoll auch der Abgang von Kevin Vogt, doch Vogt war bei allem Talent kein herausragender Spieler beim FCA. Auch Vogt ist innerhalb des Budget-Rahmen des FCA ersetzbar. Doch dann verletzte sich Jan Moravek schwer, weshalb Vogts Abgang nachträglich ebenfalls als schmerzvoll zu bezeichnen ist.

Mit Baba haben die Augsburger einen ordentlichen Linksverteidiger  verpflichtet, der sich im Lauf der Zeit zu einem Spitzenmann entwickeln sollte. Von den anderen Neuverpflichtungen war bisher nicht viel zu sehen. Caiuby: mehr Schatten als Licht, also mit durchaus guten Ansätzen, die er aber immer wieder mit haarsträubenden Abspielen vergessen lässt. Nikola Djurdjic machte gegen Berlin ein passables Spiel, doch er muss sich beträchtlich steigern, wenn er in der Bundesliga Fuß fassen will. Das Gleiche gilt für Tim Matavz, der nicht die Kraft und die Konstitution zu haben scheint, um nach hinten zu arbeiten. Der Geist von Lorenzo Davids weht über das Lechfeld, wenn man an Shawn Parker denkt: ein Mann ohne Eigenschaften. Markus Feulners Fähigkeiten sind bekannt. Er kann dem FCA helfen, wenn er fit und in Form ist. Sechs Neuzugänge und eine ewige Versprechung, die Alexander Esswein heißt.

Nach zwei Niederlagen gegen Hoffenheim und Dortmund, gewann der FCA vollkommen verdient gegen eine desolate Frankfurter Mannschaft. Dann folgte das Heimspiel gegen Bremen. Der FCA gewann glücklich, aber nicht unverdient. Dann folgte die Niederlage in der Regenschlacht in Leverkusen gegen eine ersatzgeschwächte Bayer-Elf und schließlich ein glücklicher (aber nicht unverdienter) Sieg gegen eine formschwache Hertha.

Der FCA lebt derzeit von seinem „Stammkapital“, nämlich von Spielern, die schon länger dabei sind. Grundsolide spielt die Mittelachse, die bei den Innenverteidigern Callsen-Bracker und Klavan beginnt, sich über Baier fortsetzt und bei einem überraschend starken Altintop und Werner aufhört. Beide Außenverteidiger (rechts Verhaegh, links Baba) sind ebenfalls eine Bank und mit Hitz steht  ein Keeper im Kasten, der zunehmend Ruhe und Klasse verkörpert und ohnehin wie alle Bundesligakeeper auf der Linie sehr stark ist. Tobias Werner geht in sein viertes Bundesligajahr und konnte sich dabei von Jahr zu Jahr steigern. Mit Hong steht darüber hinaus ein Spieler auf der Bank zu Verfügung, der die Innenverteidigung nicht schwächen würde, müsste er einen der beiden Stammverteidiger ersetzen.

Und dennoch ist festzuhalten, dass der FCA wohl dem Abstieg geweiht wäre, würden Baier und zwei andere aus der Gruppe „Stammkapital“ langwierig ausfallen. Und es ist festzuhalten, dass sich Kohr und mindestens noch zwei Neuzugänge erheblich steigern müssen, damit der FCA 2014/15 nicht in Schwierigkeit gerät.

Für die Augsburger gilt also, was für alle finanzschwächeren Vereine der Liga gilt: Sie müssen auf eine riskante Wertschöpfung bauen, indem sie in Spieler investieren, deren Entwicklung sich bei ihnen dergestalt fortsetzt, dass sie im Bundesligaalltag eine Verstärkung darstellen.