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Donnerstag, 26.05.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Kommentar Brechtfestival

Brechtfestival: Worldwide fast ohne Brecht

Über die bisherige und künftige Ausrichtung des Brechtfestivals

Von Sabine Sirach

Nachts live mit China – die Zoom-Konferenz mit den chinesischen Studenten, deren Kurzfilme beim Brecht-Festival gezeigt wurden Foto: Sirach

Letzte Woche ging das dritte Brecht-Festival unter der Leitung von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel zu Ende. Was war gut, was unnötig – und wie soll es weitergehen? Ein Überblick.

Worldwide Brecht hat gut funktioniert. Die Brecht-Rezeption ist weltweit erheblich intensiver als in Augsburg/Deutschland, wo Brecht bereits zum Klassiker verkommen ist. Dabei zeigte sich besonders in Beiträgen aus China, Israel, Indien und Afghanistan, wie zeitlos-aktuell Brecht immer noch und immer wieder ist.

Themen wie Arbeitsmigration der Ärmsten, staatliche Unterdrückung und Segregation, Propaganda vs. freie Medien wurden in Beziehung zu Brechts Texten gesetzt. Und immer wieder wurde die Frage gestellt und auch offengelassen (besonders in dem sarkastischen Kurzfilm aus Kirksville/Missouri), wozu man sich heutzutage überhaupt noch mit Brecht, Lehrstücken im Allgemeinen und sogar generell mit Theater auseinandersetzen sollte.

Die Zeitlosigkeit Brechts war mit Händen zu greifen an den beiden Gastspielen mit den Theatertruppen aus Belarus und Togo, die schnörkellos einfach Brechts Stücke spielten und damit erst recht zeigten, wie wirkungsvoll der Dramatiker Brecht die großen Menschheitsthemen aufgriff. Kupalaucy aus Belarus spielte im Martini-Park „Furcht/Fear“ nach Bertolt Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“; im Podiumsgespräch erfuhr man hautnah die schlimmen Umstände, unter denen die Theaterleute zu uns reisten und auftraten. Die Compagnie Louxor de Lomé (Togo) kam mit ihrer „Mère Courage“ auf die Brechtbühne; ihre Inszenierung erinnerte sehr an Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ mit Helene Weigel; gerade die Schlichtheit der Aufführung klagte die Zustände eines Krieges an.

Mutter Courage aus Togo Foto: Sirach

Auch die Ausstellung des 40-Meter-Werks von Zoe Beloff aus New York bewies, wie groß die Gefahr faschistischer Politik noch heute ist: Ihre quietschbunt bemalten Pappkartons stellen gar nicht heiter die asoziale Trump-Zeit in Amerika dar – und sogar Brecht ist in einer Szene abgebildet.

Auf Bertolt Brecht selbst wurde aber wieder  viel zu wenig eingegangen! Da gab es lediglich:

a) Die Ausstellung über sein Kriegsjournal, in dem er aktuelle Zeitungs- und Magazinartikel knapp und scharf kommentierte; manche seiner Sätze könnten Stellungnahmen zum jetzigen Krieg sein: „die großen verbrechen sind nur möglich durch ihre unglaublichkeit.. gewöhnlicher betrug, einfache lüge, schiebung mit einem mindestmaß an scham, das trifft viele unvorbereitet. (…) sie weigern sich entrüstet, staatsmänner mit pferdedieben, generäle mit börsenspekulanten zu ‚verwechseln‘ … “

Und b) Am letzten Festivaltag den wunderbaren Nachmittag mit Stephan Suschke: „Brecht probt Galilei 1955/56“. Während seinen damaligen Probenarbeiten ließ Brecht ein Tonbandgerät laufen; Suschke entdeckte die Tonbänder im Brecht-Archiv wieder, hörte sich durch die 92 Stunden Material und veröffentlichte sie nun. Was für eine Entdeckung! Im Gespräch mit Jürgen Kuttner schwärmte Suschke von Brechts ungeheurer Ruhe, seiner zupackenden Sinnlichkeit, der sehr differenzierten Arbeit mit den einzelnen Schauspielern, und seiner Freundlichkeit. Er sei sogar in seinem letzten Lebensjahr, schon sehr krank, immer noch kraftvoll und witzig gewesen.

Wer sich noch an die Anfänge des Festivals erinnert, trauert den damals im Zentrum stehenden informativen Veranstaltungen nach. Da wurde Neues aus der Brecht-Forschung präsentiert, Zeitzeugen interviewt, Originalaufnahmen gezeigt und insgesamt sehr direkt auf Brecht zugegangen.

Brecht-Epigonen (Heiner Müller oder dieses Jahr Thomas Brasch als Festivalschwerpunkt) sind natürlich auch Belege für die ungeheure Wirkung, die Brecht entfaltete – und für die Schwierigkeiten, die beide mit der DDR hatten. Ihre Darstellung in den Festivals sollte aber auch ihre Grenzen haben. Nach dem „Ziehsohn“ Müller und dem „Enkel“ Brasch nun bitte keinen Urenkel!

Gut und sehr wünschenswert ist es natürlich, dass das Festival alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzt. Es gab viele Filme zu sehen; die Live-Schaltung per Zoom nach China (wo es bereits 4:00 Uhr nachts war), Indien oder USA schaffte ein Gefühl der Verbundenheit in schwierigen Zeiten.

Die digitale Verbreitung über den Livestream ist eine wunderbare Ergänzung nicht nur für die, die nicht selber vor Ort sein konnten, sondern gerade auch für die, die sich weltweit zuschalteten. Es gab allerdings bei der technischen Umsetzung teils harsche Kritik: „nicht verfügbar, Fehlermeldung unbekannt, auch nach Tagen noch nichts passiert bei den Digitalzugängen und dann noch schlechte Kommunikation zu den Problemen“: Das waren verbesserungswürdige Punkte, die man von den Nutzern hören konnte.

Das Brechtfestival hat unter den beiden Festivalleitern Jürgen Kuttner und Tom Kühnel über die letzten drei Jahre hinweg an Intensität und Ernsthaftigkeit gewonnen: Weg von dem unerträglichen „Spektakel“ 2020, hin zu einem vielfältigen Programm, das sich selber ernst nahm.

„Change the world, it needs it“: Bert Brecht mit Demo-Schild auf dem 40-Meter-Karton von Zoe Beloff – Foto: Sirach

Die Kritik der beiden Festivalleiter, dass die Stadt es jedes Mal versäumt habe, nach dem Festival ein Resümee zu ziehen und daraus ein Verbesserungspotenzial abzuleiten, trifft auch jetzt wieder zu: Man hat bereits im September Julian Warner zum nächsten Festivalleiter ernannt und bekannt gemacht, ohne konzeptionelle Überlegungen über die drei letzten Jahre anzustellen oder mit der Augsburger Kulturszene öffentlich zu reflektieren. Die Rolle der Stadt im Verhältnis zu ihrem berühmtesten Sohn wurde selten zutreffender und schmerzvoller beschrieben als durch Kuttners Satz in der Augsburger Allgemeinen: „Ich habe generell den Eindruck, dass die Stadt nicht so richtig weiß, was sie mit dem Brechtfestival will. Die Kulturverantwortlichen sollten sich einmal wirklich darüber Gedanken machen, was man mit diesem Festival machen kann.“ 

Die DAZ wünscht an dieser Stelle dem neuen Festivalleiter Julian Warner viel Glück und ein gutes Händchen mit den Inhalten. Sicher stehen dem Münchner auch Augsburger Brecht-Experten gerne für einen konzeptionellen Gedankenaustausch zur Seite. Wie die „neue partizipatorische Dynamik für die Stadt“ aussehen soll, die sich Kulturreferent Jürgen Enninger vorstellt, ist allerdings noch völlig offen.


Sabine Sirach Foto: privat

Sabine Sirach ist eigentlich Marketing-Spezialistin (vorwiegend in der Druckindustrie), nebenher aber schon immer in der Augsburger Kultur- und Literaturszene unterwegs. Obwohl sie ursprünglich aus Hamburg kommt, hat sie sich ein perfektes Augsburgerisch angewöhnt. Und ist am liebsten weltweit unterwegs, ob auf Reisen oder nur im Kopf.