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Montag, 22.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Christkindlesmarkt und Corona: Nichts würde man weniger vermissen, als die Rummelbude vor dem Rathaus

Den Augsburger Christkindlesmarkt kann man jederzeit ausfallen lassen. Er ist aus der Zeit gefallen. Sein Aufbau dauert viel zu lange, sein Abbau ebenso und sein Stattfinden natürlich auch. Das gastronomische Angebot ist unter aller Kanone und überteuert. Der Christkindlesmarkt auf dem Rathausplatz und seine Satelliten in der Innenstadt haben sich in Sachen Imagebildung zu einem Negativfaktor der Stadt Augsburg entwickelt. Man muss sich nur im Umland, wie zum Beispiel in Friedberg, ein wenig umsehen, dann weiß man, dass Weihnachtsmärkte auch Freude bereiten können.

Kommentar von Siegfried Zagler

Foto: © Lina Mann

Die Stadt machte es sich als Veranstalter über Jahrzehnte hinweg viel zu einfach. Sie hat die Erhöhung von Ramsch und Kitsch und das dazu gehörende Glühwein-Rauschen zum Programm gemacht und auf die Spitze getrieben. Mit christlicher Weihnacht, ja selbst mit einem einfachen Geschenkerwerb, hat die Rummelbude Rathausplatz zur Weihnachtszeit seit langer Zeit kaum noch etwas zu tun.

Nicht nur deshalb ist es verwunderlich, dass OB Eva Weber und Wirtschaftsreferent Wolfgang Hübschle trotz einer besorgniserregenden Corona-Entwicklung im Stadtgebiet Augsburg am Christkindlesmarkt festhalten wollen. Die Inzidenzwerte in der Stadt Augsburg sind so hoch wie nie (520 am heutigen Montag), die Kliniken sind am Anschlag ihrer Kapazitäten, doch die Stadt besteht offenbar darauf, den Christkindlesmarkt stattfinden zu lassen – und schaut abwartend auf den Freistaat.

Das Corona-Versagen der Politik, auch der Lokalpolitik, lässt sich mit den Vorgängen am Samstag am Augsburger Impfzentrum erkennen: Kaum droht eine flächendeckende 2G-Regelung, schon gibt es einen Ansturm von Ungeimpften, die weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen. Länder und Bund haben es wieder einmal im Sommer verpasst, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen: Nur mit politischem Druck oder mit einer faktischen Impflicht kommt man in Deutschland weiter. Das ist die bittere Erkenntnis der 4. Welle, die nun die Politik zu verantworten hat.

Im Vergleich mit Portugal, Spanien und vielen anderen mitteleuropäischen Ländern sieht Deutschland in Sachen Impfquote schlecht aus. Woher kommt diese antisoziale Verweigerungshaltung von einem Drittel der deutschen Bevölkerung?

Zum einen wohl vom Verharmlosungsgerede der AfD (in den Bundesländern mit den meisten AfD-Wählern gibt es die meisten Impfverweigerer) zum anderen wohl auch vom zu sorgenfreien Treiben aller, nach dem Brechen einer Pandemiewelle.

In Deutschland haben Medien und Politik eine esoterische Corona-Debatte zugelassen – und betrieben, bis zum heutigen Tag. Filmschauspieler und Kunstschaffende (#allesdichtmachen) haben gegen Kontakvermeidungsmaßnahmen protestiert, Querdenker und Impfskeptiker durften sich in Talkshows ausbreiten. Der Bayerische Wirtschaftsminister, Fußballstars und die Linke Dauertalkerin Wagenknecht haben sich als Impfskeptiker geoutet, ohne mehr als irrationale Erklärungen zu liefern. Dagegen hilft nur eins: Eine konsequente Corona-Politik!

Steigen die Inzidenzen, sterben Menschen oder erkranken schwer. Das gilt es zu bekämpfen. Mit Maßnahmen, die die Impfquote steigern oder, falls alles nicht hilft, mit Impfpflicht. Mit liberalem Laissez-faire verschwindet das Virus nicht. Einen Christkindlesmarkt absagen, sollte bei der aktuellen Lage in den Intensivstationen selbstverständlich sein. Die Stadt würde damit ein klares Zeichen setzen, doch damit ist es bei der Augsburger Stadtregierung nicht weit her.

Bisher war es im Großen und Ganzen nämlich so, dass die Stadt in der Pandemiebekämpfung nicht mehr tat, als der Freistaat vorschrieb. Das kann man als grobkörnige Strategie hinnehmen. Eine den lokalen Verhältnissen angepasste und konsequente Coronapolitik sieht jedoch ganz anders aus.