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Freitag, 17.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA: Es handelt sich um eine Erschütterung

Der Erfolg der Augsburger ist hausgemacht, trotzdem hängt er von der aktuellen Liga-Situation ab, die mit den übermächtigen Bayern und dem Niedergang der Dortmunder zu tun hat.

Von Siegfried Zagler

Tabelle nach den Samstagsspielen

Tabelle nach den Samstagsspielen


Eine Tabelle darf man auch in Worten abbilden. Nicht dass dadurch mehr gesagt wäre als durch eine graphische Abbildung, aber die sprachliche Dramatisierung erhöht für manche Zeitgenossen die Relevanz der Botschaft: Der FCA überwintert auf einem Europa-League-Platz und befindet sich nur ein Pünktchen entfernt vom dritten Platz, der direkt für die Champions League qualifizieren würde! Das ist nur die drittgrößte Überraschung der Hinrunde. Die größere Überraschung als das erfolgreiche Abschneiden der Augsburger ist der Sachverhalt, dass sich Aufsteiger Paderborn als echter Aufsteiger so selbstverständlich in die Liga geschraubt hat, als wäre das die einfachste Sache der Welt. Von “echten Aufsteigern” spricht man, wenn Vereine wie Augsburg, Braunschweig, Fürth oder eben Paderborn in die Bundesliga aufsteigen, da sie weder den notwendigen Etat noch die notwendige Erfahrung haben, um (nach Auffassung der Experten) in dieser Liga bestehen zu können.

Der FCA befindet sich nun im vierten Jahr in der Bundesliga und bringt nun mit seinem Kader etwas mit, das allen so genannten echten Aufsteigern neben dem schnöden Mammon fehlt: Erfahrung! Und schon sind wir bei der größten Überraschung der Hinrunde: Borussia Dortmund. Dass die Dortmunder mit viel Geld und großer Erfahrung und mit dem zweitbesten Kader der Liga am Tabellenende stehen, ist mit „Überraschung“ nicht hinreichend beschrieben. Es handelt sich um eine Erschütterung, die die gesamte Liga auf den Kopf stellt. Wären die Bayern nicht so abgehoben gut und würden (wie gewohnt) die Dortmunder mit weniger starken Münchnern mithalten können, würde in der Bundesliga noch die gewohnte Ordnung bestehen: Vereine wie Wolfsburg, Leverkusen oder Schalke hätten gegen die beiden Großklubs an guten Tagen reale Gewinnchancen und der Rest der Liga müsste sich unterhalb der „fünf Oberen“ orientieren und auf Überraschungseffekte hoffen, wenn es gegen die Geldklubs ginge. Diese Ordnung ist jedoch pulverisiert. Die Münchner gewinnen fast alles und die Dortmunder verlieren fast alles. Das bringt die bisherige Punkteverteilungssystematik völlig durcheinander, zumal Schalke, Leverkusen und Wolfsburg zwischendurch gewaltig am Schwächeln sind.

Würde man die Bayern aus der Liga mit der Begründung ausschließen, dass sie in der falschen Gewichtsklasse antreten, wäre der Satz, dass jeder jeden schlagen könne, für diese Saison zum ersten Mal zutreffend. Womit wir wieder beim FCA wären. Die Augsburger gewannen neun Spiele und verloren acht. Von den neun gewonnen Spielen wäre in den meisten Paarungen jedes andere Ergebnis ebenfalls vollkommen in Ordnung gegangen. Die Siege gegen Frankfurt, Bremen, Berlin, Köln, Hamburg, Stuttgart und nun auch gegen Gladbach waren zwar verdient, aber nicht zwangsläufig. Jedes andere Ergebnis hätte den Spielverlauf dieser Paarungen nicht “auf den Kopf gestellt”, wie man so schön sagt. Das Gleiche gilt natürlich auch für die FCA-Niederlagen in Gelsenkirchen und in Wolfsburg.

Kurzum: In der Halbzeitpause der diesjährigen Bundesligasaison könnte der FCA selbstverständlich auch mit 33 Punkten noch vor Wolfsburg auf Platz zwei stehen. Anders gesehen: Könnte sich in Augsburg jemand beschweren, wenn der FCA gegen Berlin, gegen Köln und gegen Frankfurt Unentschieden gespielt hätte? Natürlich nicht! In diesem Fall stünde der FCA mit 19 Punkten zusammen mit neun anderen Vereinen im Einzugsbereich des Abstiegsgespenstes. Die inzwischen belächelte These des Schreibers dieser Zeilen, dass der FCA sich dieses Jahr in höchster Abstiegsgefahr befindet, war und bleibt auch bei diesem Tabellenstand nicht realitätsfern. Doch die Verteidigung einer inzwischen unhaltbaren These, wäre an dieser Stelle mehr als lächerlich. Es soll vielmehr darum gehen, den Erfolg des FCA zu erklären.

Glück ist ein Faktor, der sich nur bemühen lässt, wenn von zwei gleich starken Gegnern der glücklichere gewinnt. In einigen Partien hatte der FCA Glück, in einigen Partien nicht. Der Erfolg des FCA hat also wenig mit Glück zu tun. Womit dann? Mit dem Trainer? Die Antwort fällt leicht: Ja! Und zwar ohne Wenn und Aber. Es war ein großes Risiko, das der FCA mit der Verpflichtung von Markus Weinzierl einging. Und das Bundesliga-Experiment mit einem jungen Trainer aus der dritten Liga schien auch zu scheitern, doch dann kam Stefan Reuter als Sport-Manager zum FCA und Weinzierl schien innerhalb weniger Wochen geerdet. Weinzierl verstand es, Spieler wie Baier, Werner, Callsen-Bracker, Verhaegh, Ostrzolek, Hahn, Vogt, Klavan, Altintop (!) und nicht zuletzt Kohr, Djurdjic und Bobadilla weiter zu entwickeln. Eine unglaubliche Trainerleistung! Hahn, Vogt und Ostrzolek sind nicht mehr beim FCA. Der Rest bildet das Gerüst der Augsburger, die zu Hause nur gegen Dortmund und München nicht gewannen. Somit gehört die stimmungsvolle SGL Arena zu den gefürchteten Auswärtsplätzen. Mit Baba wurde ein junges Supertalent verpflichtet, das Ostrzoleks Abgang auf der linken Verteidigerposition vergessen macht.

Wie dünn jedoch das Eis ist, auf dem der FCA von Erfolg zu Erfolg schreitet, lässt sich mit folgender Überlegung messen: Die „unersetzlichen“ Spieler Altintop, Klavan, Baier, Verhaegh und Baba absolvierten alle 17 Spiele der Hinrunde. Der unersetzliche Callsen-Bracker 15 Spiele und die beiden unersetzlichen Spieler Werner (14 Spiele) und Bobadilla (15). Das Adjektiv „unersetzlich“ mag ein wenig gestelzt wirken, doch würde den FCA eine kleine Verletzungsserie heimsuchen, wäre das für die Augsburger eine tödliche Krankheit. Man muss sich nur die Spieler Klavan, Baier und Altintop wegdenken und schon herrscht Katastrophenstimmung.

Über den Umstand, dass Weinzierl inzwischen auch in der Bundesliga aus dem Bauch heraus ein Spiel lesen kann und dass der FCA inzwischen variable wie erfolgreiche Angriffsstrategien entwickelt hat, bei Standardsituationen gefährlich ist und dennoch der Rechtsverteidiger Paul Verhaegh mit fünf verwandelten Elfmetern der beste Torschütze ist, soll an anderer Stelle berichtet werden. Bis dahin gilt die Feststellung, dass man in Augsburg noch nie so guten Fußball gespielt hat, wie das in den vergangenen Wochen der Fall war. Walter Sianos, „Medienmogul“, Buchautor und Mitglied im Aufsichtsrats des FCA, fasste das Ganze poetisch zusammen: „Würde es mir jemand erzählen, würde ich es nicht glauben. Aber darauf bin ich nicht angewiesen. Ich habe es nämlich selbst gesehen und erlebt und kann es dennoch kaum glauben.“