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Dienstag, 10.01.2023 - Jahrgang 15 - www.daz-augsburg.de

Sinfoniekonzert: Russische Lautmalerei zum Jahresschluss

Zum Glück ist GMD Domonkos Héja keiner, der sich so leicht in eine pauschale antirussische Hysterie-Welle hineinziehen lässt, wie sie so manche auch im Kulturbetrieb (jenseits von völlig zu Recht verbannten konkret Putin-affinen Künstlern) gefordert haben. Zumindest hat er sich nicht davon abbringen lassen, im 3. Sinfoniekonzert ein komplett russisches Programm mit einem begnadeten russischen Solisten anzubieten.

Von Halrun Reinholz

Domonkos Héja

Ein Erlebnis für das Konzertpublikum und gleichzeitig der Beweis, dass Kultur an sich nicht geeignet ist für billige politische Etiketten. Sergei Rachmaninow und Modest Mussorgsky boten mit der tatkräftigen Hilfe von Evgeny Konnov einen tiefen Einblick in die nicht immer transparente russische Seele, ohne aktuelle politische Entwicklungen im mindesten zu relativieren. 

„Die Schwester der Musik ist die Poesie – ihre Mutter die Schwermut.“, soll Rachmaninow 1932 gesagt haben, als er seine Heimat Russland längst und noch rechtzeitig vor der Bildung der Sowjetunion verlassen hatte. Eine Station der Rachmaninows war Dresden, wo der Komponist das Gemälde „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin sah. Er hatte es davor schon in Paris als Reproduktion in schwarz-weiß gesehen, was ihn zur Komposition einer einsätzigen sinfonischen Dichtung in der Tradition von Franz Liszt angeregt hatte.

Die „Toteninsel“ stellt dabei einen Ort der Stille dar, wobei „Tod“ die Abwesenheit von Leben symbolisiert und keine Assoziation zu Leid oder Trauer, durchaus aber schwermütige Reflexion hervorrufen soll. Das Gemälde von Böcklin wird während der Aufführung im Kongress am Park eingeblendet, ebenso wie später im zweiten Teil die „Bilder einer Ausstellung“ zur Musik von Mussorgsky, was sich für die Stimmung im Publikum als außerordentlich hilfreich erwies.

Arnold Böcklin – Die Toteninsel – Die Urversion I (Basel, Kunstmuseum)

Doch zunächst folgte der „Toteninsel“ noch ein weiteres Werk von Rachmaninow, nämlich sein sehr bekanntes und leidenschaftliches Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll. Es entstand im Taumel des Fin de Siècle und gleichzeitig einer von Selbstzweifeln und Depressionen gezeichneten Lebensphase des Komponisten. All dies verschmilzt in einem Wechsel von liedhaften Melodien und verzweifelten Emotionen, die sich Klavier und Orchester  zuspielen. Evgeny Konnov, dem das Augsburger Publikum schon in der vorletzten Spielzeit zu Füßen lag, als er „artist in residence“ war, ist wie kaum ein anderer geeignet, die Herausforderung dieses Rachmaninow-Klavierkonzerts zu erfüllen. Auch diesmal bewies der kaum 30-Jährige, welches Potenzial in ihm steckt und wie selbstverständlich er seine Kunstfertigkeit mit dem Publikum zu teilen bereit ist. Als Zugabe hatte er ein weiteres Werk von Rachmaninow vorbereitet, Vocalise, das er im Dialog mit dem Cellisten Johannes Gutfleisch zum besten gab. Um danach, ohne sich groß bitten zu lassen, noch eine weitere virtuose Zugabe draufzulegen.

Viel gespielt und immer gern gehört: Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ im zweiten Teil entführten das Publikum in vertraute musikalische Gefilde. Zwischen den „Promenaden“ boten sie zusätzlich den visuellen Genuss der projizierten Gemälde des jung verstorbenen Petersburger Malers Victor Hartmann, die Mussorgsky musikalisch umgesetzt hat. Zuletzt das „Große Tor von Kiew“. 

Héja ließ das Orchester wie immer zur Hochform auflaufen und die musikalische „Familie“ der Sinfoniekonzert-Besucher applaudierte kräftig.