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Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Augsburg war nie eine Chiffre für das Grauen

Von Siegfried Zagler

„Hier von Lissabon aus empfinde ich Augsburg noch elementarer scheußlich als in meinem neuen Theaterstück. Mein Mitgefühl mit den Augsburgern und allen in Europa, die sich als Augsburger verstehen, ist ungeheuer grenzenlos und absolut.“ Thomas Bernhard

Redete zu oft von den Stärken der anderen, ohne die eigenen zu erkennen: Jos Luhukay - Foto: Thorsten Franzisi

Redete zu oft von den Stärken der anderen, ohne die eigenen zu erkennen: Jos Luhukay - Foto: Thorsten Franzisi


Thomas Tuchel, Felix Magath, Markus Babbel, Armin Veh und Markus Weinzierl haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind gebürtige Bayern und gehören zur deutschen Elite der Fußballtrainer, die einem Bundesligisten vorstehen. Das Bundesland Bayern ist mit Bayern München, der SpVgg Fürth, dem Club und dem FCA in der 50. Bundesligasaison mit vier Vereinen im Oberhaus so stark vertreten wie noch nie. Keine Angst, wenige Stunden vor dem Champions League Finale in München soll hier nicht die Rede sein von einem weiß-blauen Idyll eines Freistaats, dessen wirtschaftliche Stärke in der Fußballbundesliga und in Europa abgebildet wird. Zunächst ist festzuhalten, dass Aschaffenburg (Felix Magath), Krumbach (Thomas Tuchel) und Augsburg (Armin Veh) so wenig bayerisch sind wie Wien burgenländisch oder Stockholm hinterwäldlerisch. Diese Städte gehören politisch zu Bayern, nicht kulturell, weshalb an dieser Stelle  erwähnt werden soll, dass es anachronistisch und deplatziert wirkt, wenn sich Augsburgs Oberbürgermeister (wäre er gebürtiger Lechhauser, könnte man ein Auge zudrücken) hin und wieder in einem bayerischen Trachtenjanker öffentliche städtische Termine bekleidet.

Hier Haller, dort Beckenbauer

Augsburger Befindlichkeiten gegenüber der Stadt München und gewisse Ressentiments gegenüber dem bayerischen Zungenschlag sind nicht – wie oft kolportiert –  aus Neid-Komplexen heraus entstanden, sondern kulturell bedingt: Hier Bert Brecht und Helmut Haller, drüben Franz Xaver Kroetz und Franz Beckenbauer. In Augsburg die intellektuelle Melancholie des Selbstzweifels (und wie bei Brecht dessen Überwindung mittels Darstellung), in München holzschnittartige Identitätsvorstellung verbunden mit selbstverliebtem Beharren auf was auch immer – und Weltstadtgehabe. Natürlich sind das Klischees und natürlich hat München wunderbare Seiten, aber es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Innenverteidigung des FC Bayern ein Torso ist, mit europäischer Klasse nichts zu tun hat und die sportliche Führung so tut, als gäbe es dieses Problem nicht. Könnten die Münchner gegen den FC Chelsea beim heutigen Finale der europäischen Königsklasse auf das Augsburger Innenverteidiger-Duo Sankoh/Langkamp zurückgreifen, sie würden es tun, womit wir nicht über die Probleme von Jupp Heynckes reden wollen, sondern über Jos Luhukay, der in seiner Augsburger Zeit zu oft über die Qualität der anderen redete, ohne die des eigenen Kaders zu erkennen. Der „kleine Diktator“ aus Venlo hat nun bei Hertha BSC bei einem Klub angeheuert, der zu Jos Luhukay weniger passt als ein bayerischer Trachtenjanker zu einem Augsburger OB – oder, um es ein wenig pointierter zu sagen, eine Boxenluder-Rolle zu Miriam Gruß, die auf den Bayerischen Theatertagen von der DAZ noch nicht gesehen wurde, womit wir endlich bei Thomas Bernhard wären, dessen oben angeführtes Zitat Mitte der Siebziger für große Unruhe in der hiesigen politischen Kaste und zu kleinkarierten Äußerungen des damaligen SPD-Oberbürgermeisters sorgte. Der bayerisch-schwäbische Muff, der sich noch bis in die Neunziger hinein tief in die Städte streckte, hat sich in Augsburg einigermaßen verflüchtigt. Dazu hat, das muss man in aller Ruhe konstatieren dürfen, das Augsburger Stadttheater sehr wenig beigetragen.

Was haben die Bayerischen Theatertage mit Augsburg zu tun?

„Morgen Augsburg“ ist in dem Bernhard-Stück “Die Macht der Gewohnheit” eine Art Chiffre für Widerwillen und Grauen. Etwas, das die bloße Existenz einer Kleinstadt in einem nach Perfektion strebenden Künstler auslöst. „Die Macht der Gewohnheit“ ist ein Theaterstück, das nicht das Geringste mit Augsburg zu tun hat, auch wenn die „Lechkloake“ darin ständig als grauenvoller Ort vorgestellt wird. Bei Bernhard war die reale Stadt Augsburg nie eine Chiffre für das Grauen. Dass Oliver Brunner (Stadttheater Augsburg) – oder wer auch auch immer – nun die Bayerischen Theatertage mit dem Motto „Morgen Augsburg“ bewirbt, könnte demnach zweierlei bedeuten: Die Pseudo-Schmähung Bernhards ist als eben solche erkannt worden und es ist deshalb an der Zeit den Ball nochmal aufzunehmen. Oder: Die Bayerischen Theatertage finden zwar hier statt, haben aber mit Augsburg nichts zu tun. Um letzteren Gedanken die Schwere zu nehmen, hat ein furioser „Rahmenprogrammdirektor“ namens Richard Goerlich den Auftrag bekommen, ein quasi städtisches Beiprogramm für die Theatertage zu machen. „Pop trifft die bayerischen Theatertage“, so das Wahnsinnsmotto. Immerhin hat sich jemand aus der Beiprogramm-Crew (Name ist der Redaktion bekannt) erlaubt, ein Thesenpapier zu verbreiten, das zusammengefasst behauptet, dass das Theater nicht mehr für die Menschen da sei, sondern ein verkapselter nur noch auf sich selbst verweisender Verein.

Und Kurt Gribl könnte dazu problemlos seinen Trachtenjanker tragen

Erste Reaktion des Theaters: Hausverbot. Eine Reaktion, die das Thesenpapier im Kern bestätigt, auch wenn das Hausverbot später aufgehoben wurde. Falls das Theater – was wir hoffen, aber nicht  glauben – tatsächlich die Kraft haben sollte, sich von innen heraus neu zu legitimieren, dann werden wir die Nacht, in der Frau P. ihre 19 Thesen an die Tür des Theater schlug, als bedeutungsvolle Nacht bezeichnen. – Aktuell ist allerdings die Frage vorrangig, ob es im Fall eines Bayern-Sieges in der Maximilianstraße einen Autokorso und spontane Feiern geben wird. Es wäre eine schöne Geste im Sinne der Städtepartnerschaft Augsburg-München und  würde im Prinzip unterstreichen, dass des Fußballs Kräfte stärker von Versöhnung denn von Zerstörung geprägt sind. Und Kurt Gribl könnte auf dieser Bühne problemlos seinen Trachtenjanker tragen.