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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

20 Jahre Alevitische Gemeinde in Augsburg

Am verlängerten Wochenende feierten die Aleviten in Augsburg das 20jährige Bestehen ihrer Gemeinde. Entsprechend ihrem Ruf, den weltlichen Dingen mehr zugeneigt zu sein als andere Strömungen des Islam, hörte und sah man vor allem sehr viel Musik und Tanz.

Von Dr. Andreas Garitz

Besucherführung durch den Gebetsraum der alevitischen Gemeindehauses

Besucherführung durch den Gebetsraum der alevitischen Gemeindehauses


Daneben gab es in der Bozener Straße, in der seit dreizehn Jahren das alevitische Gemeindehaus steht, aber auch Vorträge und Diskussion zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen. So z.B. zur Rolle der Aleviten in der aktuellen Widerstandsbewegung und in der zukünftigen Umgestaltung der Gesellschaft des EU-Anwärters Türkei. Aleviten sind Kritiker Erdogans und der AKP und gelten deshalb in Europa für viele als Hoffnungsträger einer demokratischen Weiterentwicklung.

Die Aleviten erfreuen sich großer Beliebtheit auch unter Augsburgs Politikern

Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass nicht nur die übliche lokale Polit-Prominenz anwesend war, sondern auch noch ein paar Stadträte mehr als üblich. Augsburgs Polit-Facebook-Junkie Peter Grab teilte den Termin gar mehrfach in seiner Chronik, zuletzt inmitten der musizierenden alevitischen Jugend sitzend. Diese Beliebtheit ist kein Zufall, so Orhan Aykac, Rechtsanwalt und 2. Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde in Augsburg: „Wegen unserer offenen Lehre sind wir das Lieblingskind der lokalen Politiker. Wir haben kein Problem mit selbstbestimmten Frauen oder mit Kindern, die am Schwimmunterricht teilnehmen wollen“. Die Religion der Aleviten gilt als äußerst tolerant, eine zentrale Rolle spielt eine dem europäischen Humanismus sehr ähnliche Soziallehre. Integration versteht sich also von selbst.

Vorreiterrolle für die gesamte Glaubensgemeinschaft

Dass man in Deutschland so gut angesehen ist, versteht man als einen großen Segen, nicht nur für die rund 6.000 Aleviten, die in Augsburg leben, sondern auch für die Glaubensgeschwister in der türkischen Heimat. Denn dort sind die Aleviten bis heute keine offiziell anerkannte Religionsgemeinschaft und ständigen Versuchen der sunnitischen Staatsraison ausgesetzt, sie in die schiitische Minderheit hinein zu assimilieren und damit vom Tisch zu kehren. In Deutschland sieht das anders aus. Hier hat man sogar einen eigenen Religionsunterricht durchsetzen können. Kein Wunder, dass sich das weltweite Oberhaupt der alevitischen Gemeinschaft Veliyettin Ulusoy gerne in Deutschland aufhält und sich auch bei den Augsburger Feierlichkeiten einfand. Er erzählte von den ersten Gemeindebildungen, die er während seines Architekturstudiums in den 70er Jahren in Deutschland miterlebt hatte. Trotz der Probleme im eigenen Land kommt man in Augsburg aber nicht in Gegnerschaft zu anderen türkischen Volksgruppen, betont Orhan Aykac. Zwar ist man hier kein Mitglied des türkischen Dachverbandes DTA, aber man stehe in gutem Kontakt und Austausch miteinander. Das Gemeindehaus wird im Jahresbetrieb zu 70 Prozent von Nichtaleviten genutzt, darunter auch Sunniten oder Aramäer. Hier funktioniert also etwas, was in der Heimat noch zu den eher undenkbaren Dingen zählt.