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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

17. Internationaler Jazz-Sommer: Höchst gelungener Einstieg

Jazz im Botanischen Garten mit dem Brad Mehldau Trio

Von Frank Heindl

Der Himmel war wolkenlos blau, doch zur Enttäuschung vieler Besucher fand das erste Konzert der Jazz-Sommernachtskonzerte im Botanischen Garten nicht im Rosenpavillon, sondern im Glashaus statt – technische Gründe hatten am Nachmittag diese Entscheidung erzwungen (siehe DAZ-Interview mit Festivalleiter Christian Stock am Ende des Artikels). Doch so drückend war’s im Glashaus gar nicht, die Temperaturen ließen sich gut aushalten – und waren eh schon nach den ersten Takten des phantastischen Brad Mehldau Trios völlig vergessen: ein fesselnder, begeisternder Einstieg in den Augsburger Jazzsommer.

Das Brad Mehldau Trio: v.l. Larry Grenadier (Bass), Brad Mehldau (Piano) und Jeff Ballard (Schlagzeug). Foto: Roberto Massotti

Das Brad Mehldau Trio: v.l. Larry Grenadier (Bass), Brad Mehldau (Piano) und Jeff Ballard (Schlagzeug). Foto: Roberto Massotti


Das erste, was an Brad Mehldaus Klavierspiel auffällt, ist sein unglaublich präzises Timing. Wie er seine feinen, leisen Einsprengsel über ganze Phrasen hinweg gegen den Strich, gegen den Takt, gegen den Rest des Trios bürstet, wie er zwischen die Basstöne hineintupft, wie aus dem engen Geflecht des Schlagzeugrhythmus’ einzelne Töne heraus scheinen und dann in genau der richtigen Nanosekunde wieder zurück zum gemeinsamen Rhythmus finden – das fasziniert schon im zweiten Song, einem bluesig grundierten Clifford-Brown-Stück. Ein zweites Merkmal von Mehldaus Spiel ist, dass er lieber mit kurzen Einsprengseln als mit durchgeführten melodischen Ideen arbeitet. Er sprüht von Einfällen, doch er setzt sie bruchstückhaft hintereinander, vereinigt sie nicht zum ganz großen Entwurf. Das könnte zu einem uneinheitlichen, zerrissenen Eindruck führen, wäre da nicht auch noch ein drittes Merkmal: die innere Ruhe, die all seinen Stücken gemeinsam ist. Auch in rhythmisch höchst vertrackten, aufregenden Songs wie „no title“ strahlt vom Klavier her eine geradezu meditative Konzentration auf die Band aus.

Dieser Stil gibt den beiden Mitmusikern Zeit und Gelegenheit, sich umso heftiger abzuarbeiten. Jeff Ballards Drums bieten mannigfaltige Durchbrechungen, geben manchen Stücken einen enormen Drive, eine drängende Vorwärtsbewegung, die ganz im Gegensatz zum zögerlich agierenden Flügel zu stehen scheint. Larry Grenadier am Bass neigt mal der einen, mal der anderen Seite zu. Mal scheint er zusammen mit Mehldaus Flügel geradezu auf der Stelle zu verharren, übt sich im variierten Wiederholen von Rhythmen und Phrasen, mal treibt er zusammen mit dem Schlagzeug das Geschehen mit Rhythmus- und Ausdruckskraft an. Natürlich arbeitet die Band in Wahrheit nicht gegeneinander, natürlich führen diese rhythmischen, melodischen Verschiebungen zu einer komplexen Einheit – man könnte von Polyphonie auf mehreren Ebenen sprechen.

Und natürlich muss man diese Musik gar nicht so kompliziert betrachten, sondern kann sich einfach an dreifacher Virtuosität, an genial komplexer Improvisation, an swingenden, treibenden, mitreißenden Stücken freuen. Oder daran, wie aus dem Grunge-Stück „Got me wrong“ von Alice in chains eine waschechte Jazznummer wird, wie Mehldau Cole Porters „I concentrate on you“ in kleinste Puzzleteile zerhäckselt und nach und nach wieder zusammenfügt. Und wie er all diese Mittel souverän, unaufdringlich, geradezu unauffällig benutzt, wie er Keith Jarrett zitieren und gleichzeitig wie Eric Satie klingen kann.

Das wäre alles schon schön genug gewesen – Mehldau, Grenadier und Ballard taten aber noch ein Weiteres: Sie gaben vier Zugaben und spielten, nach etwas verspätetem Anfang, bis viertel vor elf. Draußen war’s immer noch warm und trocken, aber nach diesem höchst gelungenen Einstige in den Augsburger Jazzsommer wäre selbst im heftigsten Platzregen und sogar ohne Schirm zufrieden und glücklich nach Hause gegangen.




Festivalleiter Christian Stock im Interview mit der DAZ