Die Augsburger Zeitung

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Freitag, 31.3.2017 • Nr. 90 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Himmel und Hölle in Augsburg

Augsburger Hauptschüler haben ein Buch geschrieben


Von Frank Heindl

Hauptschullehrer haben – zumal, wenn der Migrantenanteil in ihren Klassen hoch ist – einen anstrengenden Job und können nicht gerade über eine Häufung von Erfolgserlebnissen klagen. So jedenfalls das gängige Vorurteil. Anders Heidemarie Brosche: Die Augsburger Hauptschullehrerin hat mit ihrer neunten Klasse nicht nur ein Buch geschrieben und dafür einen Verlag gefunden – „Heaven, Hell & Paradise“ ist nun sogar von der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zum Buch des Monats Juni gekürt worden.

Heidemarie Brosche ist kein Neuling im Verlagswesen – sie schreibt schon lange und erfolgreich Kinderbücher, zuletzt das Bilderbuch „Fliege-Ziege“ (Verlag Atlantis). Auch die Probleme von Schülern und Lehrern verarbeitet sie literarisch. Im August erscheint bei Kösel ein Ratgeber für Eltern von Schulkindern: „Warum Lehrer gar nicht so blöd sind. Und was kluge Eltern tun können, wenn die Verständigung nicht klappt.“ Kein Wunder also, dass ihre Schüler im vergangenen Jahr vorschlugen: „Schreiben Sie doch mal ein Buch über uns!“ Was Brosche dann aber nicht tat. Sie machte stattdessen einen Gegenvorschlag: „Schreibt das Buch doch selber!“

Was dabei herausgekommen ist, hat nicht nur die Schüler sehr gefreut: Der Süddeutschen Zeitung war es einen Artikel unter der Überschrift „Das wahre Schulbuch“ wert, und nun folgte der Titel „Buch des Monats Juni“, vergeben von einem Verein, der vom Bayerischen Kultusministerium gefördert wird und dem der Regensburger Deutschdidaktiker Prof. Karl Franz vorsitzt. Die Jury nennt das Buch „ein faszinierendes und sehr verdienstvolles Experiment, das breite Beachtung verdient.“

Machoträume und Familienwunsch

In der Tat lockt das knapp 180 Seiten umfassende Werk auch Erwachsene zum Schmökern. Freimütig geben die Schüler Auskunft über ihre Träume, ihre Ziele, ihre Ängste. Und zwar, das hatten sie sich ausbedungen, unter englischen Überschriften – das klingt einfach cooler. So findet man unter der Rubrik „Heaven on earth“ die schönen Seiten des Schülerlebens: Für Baris etwa zählt „das Abschalten des Weckers in der Früh“ schon zu den Highlights, für andere der „Burger King“, für Gabriel beginnt ein schöner Tag mit dem „ersten Blick nach draußen – das schöne Wetter – Schnee – Bad, Duschen.“

Schon interessanter sind da die Zukunftspläne der 15- bis 17Jährigen: Eine Familie zu gründen steht bei den Mädchen ganz oben auf der Wunschliste, und man kann nun spekulieren, ob das ein Resultat traditioneller Erziehung in den Migrantenfamilien ist oder eher die realistische Einsicht, als Frau mit Hauptschulabschluss nicht allzu viele Alternativen zu haben. Die Jungs haben da schon konkretere Träume: „Bankkaufmann werden“ möchte Tung Luu Ngoc, Siddharta Shetty strebt „eine Ausbildung als Fachkraft im Gastgewerbe“ an, Johann Demir möchte einfach „Geschäftsmanager“ werden, und Rimos Önat hat Machoträume: „Einmal am Strand ganz alleine mit wunderschönen und hübschen Frauen an meiner Seite.“

Der Schmerz der verlorenen Heimat

Doch das Buch thematisiert nicht nur Himmel und Paradies, sondern auch die Hölle – und die Schüler haben auch vieles zu berichten, was unter die Rubrik „like hell“ fällt. Für Kristina etwas war das der Abschied von ihrer russischen Heimat – ein Teil der Familie blieb in Russland. Mit bewegenden Worten schildert sie die letzten Blicke auf die zurückbleibenden Verwandten: „Meine Mutter sah sie mit einem traurigen Blick an. Dieses Gefühl, das ich gerade in meiner Brust hatte, zerriss mich fast. Es tat so weh!“ Noch schmerzhafter zu lesen ist der Bericht der in der Türkei geborenen Seyhan. Von den gescheiterten beiden Ehen ihrer Mutter, vom Schulerfolg ihrer Schwester am Gymnasium und ihrem eigenen Misserfolg berichtet sie aus der Distanz der dritten Person, aber auch davon, dass sie sich nicht unterkriegen lässt und an ihren Zielen festhält: „Sie hat ein Ziel im Leben: Bankkauffrau zu werden. Und sie wird alles dafür tun, um ihrem Ziel näher zu kommen.“

Zur Vorbereitung für das Buch hat die Lehrerin Heidemarie Brosche mit ihren Schülern unter anderem ein Lyrikseminar besucht. In der „lyric sphere“ des Buches wird es dann auch mal poetisch, aber auch an größere Projekte haben sich manche gewagt: Eine Schülerin hat sogar einen Roman begonnen. Brosche ist sehr zufrieden mit solchen Entwicklungen: Die Schüler hätten an Selbstbewusstsein gewonnen, erzählt sie, sie hätten nicht nur „gelernt, über sich selbst zu reflektieren“, sondern vor allem auch, „lange an einem Projekt dran zu bleiben. Sie haben gemerkt, dass sich das lohnt, haben viele Tiefs durchschritten und am Ende doch was erreicht.“ Zum Erreichten zählt neben dem „Buch des Monats“ auch eine Einladung auf die Frankfurter Buchmesse – da werde sie „wohl mit einer kleinen Delegation hinfahren“, freut sich Brosche.

„Heaven, Hell & Paradise“
Wißner Verlag Augsburg, 2010
6,50 Euro.

» www.wissner.com


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