Die Augsburger Zeitung

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Sonntag, 28.5.2017 • Nr. 148 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Die Anfänge des Buchdrucks in Augsburg - Eine Ausstellung im Diözesanmuseum

Nächstes Jahr ist die 550. Wiederkehr des Beginns des Buchdrucks in Augsburg zu feiern. Am 12. März 1468 veröffentlichte hier Günther Zainer sein erstes Druckwerk. Im Vorfeld dieses Jubiläums wird im Diözesanmuseum eine eindrucksvolle Ausstellung gezeigt - mit 74 Inkunabeln, wie vor 1501 entstandene Drucke genannt werden.

Von Dr. Helmut Gier

Gewollt war diese Nähe ursprünglich nicht, denn die ersten Überlegungen für dieses gemeinsame Vorhaben von Staats- und Stadtbibliothek, Universitätsbibliothek und Diözesanmuseum gehen bereits auf das Jahr 2012 zurück. Geplant für die Realisierung war zunächst das Jahr 2015. Die Verstaatlichung der Staats- und Stadtbibliothek und der Wechsel in ihrer Leitung führte dann jedoch zu Verzögerung bei dem Vorhaben.

Kostbare Augsburger Inkunabeln gehören zu den gerne präsentierten Schätzen der großen Bibliotheken in aller Welt und zu den mittlerweile für Augsburger Institutionen unbezahlbar gewordenen Glanzpunkten in den Katalogen der führenden Auktionshäuser und Antiquariate. In Augsburg fand aber schon seit Jahrzehnten keine Ausstellung mehr statt, die die Anfänge des Augsburger Buchdrucks in den Mittelpunkt stellte. Um diese glanzvolle Tradition mit zahlreichen typographischen, künstlerischen und kulturgeschichtlichen Meisterwerken ins Licht zu rücken, können die beteiligten Institutionen aus dem Vollen schöpfen. Aus den eigenen Augsburger Beständen, allen voran denen der Staats- und Stadtbibliothek mit 70% der Ausstellungsstücke, ist es mit nur einer einzigen Leihgabe möglich, ein abgerundetes vollständiges Bild der Augsburger Inkunabel- oder Wiegendruckzeit zu bieten.

Die große Bedeutung Augsburgs in der Geschichte des deutschen und europäischen Buchdrucks und Verlagswesens ist ein herausragender und wesentlicher Bestandteil der glanzvollen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt. Augsburg gehört mit Köln, Nürnberg, Frankfurt am Main und Leipzig zu den fünf führenden Buchzentren des Alten Reichs. Da in dieser Stadt bereits 1468 im Todesjahr Gutenbergs das erste gedruckte Buch erschienen ist, zählt sie zudem zu den ersten Orten Europas, an denen Jahrzehnte vor den heute berühmtesten deutschen Buchstädten Frankfurt und Leipzig die neue Kunst des Buchdrucks ausgeübt wurde.

Bis heute haben Druckindustrie und Pressewesen zusammen mit der Papierherstellung und dem Druckmaschinenbau prägende Kraft auf die Wirtschaftsstruktur ausgeübt. Das städtische Unternehmen des gewichtigen Bandes „Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.“ aus dem Jahr 1993 führte dies vor Augen, die zugleich geplante große Ausstellung kam aufgrund der damaligen Wirtschafts- und Finanzkrise nicht zustande.

Die jetzt im Diözesanmuseum gezeigte Schau bietet zumindest für das 15. Jahrhundert die Chance, sich einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Erfindung Gutenberg in den Jahrzehnten nach seinem Tod in der Reichsstadt am Lech zu verschaffen. Konzentriert auf die Druckerzeugnisse selbst entfalten die Ausstellungsmacher ein breites Panorama der verschiedenen Werkstätten, Künstler sowie Literaturgattungen und Themen. Die ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Drucke und die einleitenden Überblicksdarstellungen auf hohem wissenschaftlichen Niveau in dem reich bebilderten Katalog tun ein Übriges, um ein Bild von der Bedeutung, den kennzeichnenden Merkmalen und der Vielfalt des frühen Augsburger Buchdrucks zu vermitteln.

Bei dem Reichtum der Augsburger Sammlungen wäre es sicher ein Leichtes gewesen, die Zahl der aussagekräftigen Objekte zu vermehren. Aber auch schon mit 74 Inkunabeln musste die Ausstellung  auf zwei Ebenen verteilt werden. Zum Wohlgefallen von Ausstellungsmachern weist der Augsburger Frühdruck eine Reihe von Kennzeichen und Merkmalen auf, die ihn für ein breites Publikum besonders attraktiv machen. Die Werke sind überwiegend in der Volkssprache verfasst, sie wenden sich mit vielfältigen Themen an ein breites Publikum und sie sind zu einem großen Teil mit oft auch farbigen Illustrationen versehen. Orte, in denen das lateinische gelehrte Schrifttum ohne Buchschmuck dominierte, tun sich da schwerer. Hinzu kommt, dass unsere durch die Graphik der klassischen Moderne geprägten Sehgewohnheiten für den Reiz der einfachen Holzschnitte des Augsburger Frühdrucks sehr empfänglich sind, während Illustrationen der Dürerzeit oft überladen erscheinen.

Ins Auge springt bei dieser Ausstellung auf jeden Fall, dass die Druckkunst, als sie noch in der Wiege lag, schon sofort ein hohes technisches und ästhetisches Niveau erreichte. Das drückt sich  überraschenderweise darin aus, dass William Morris, als er Ende des 19. Jahrhunderts die Buchkunst erneuern wollte, auf den Augsburger Erstdrucker Günther Zainer zurückgriff.

Im allgemeinen beeindrucken die gezeigten Inkunabeln durch ihre ansprechende Gestalt, ihre Frische und ihren guten Erhaltungszustand, obwohl sie alle älter als ein halbes Jahrtausend sind. Da Erzeugnisse auf Papier dennoch zu den empfindlichsten Kulturgütern gehören, wird eine vergleichbare Fülle an Augsburger Inkunabeln so schnell nicht wieder zu sehen sein. Die Gelegenheit zum Betrachten und Staunen gilt es daher bis zum 18. Juni zu nutzen.

Foto: (c) Ursula Korber


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