Die Augsburger Zeitung

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Donnerstag, 21.9.2017 • Nr. 264 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Theatersanierung: Der Grünanlage wird der Garaus gemacht

140-jährige Grünanlage beim Augsburger Stadttheater - Ein Nachruf

Von Dr. Helmut Gier

Theaterbroschüre der Stadt

Theaterbroschüre der Stadt

Jedem Liebhaber des Augsburger Stadttheaters und seines Viertels sei empfohlen, sich auf  Youtube den Film „Augsburg in 1945 – American troops in the city center“ zu Gemüte zu führen. Die ersten Sequenzen dieses Films wurden vom Justizgebäude Am Alten Einlaß in Blickrichtung auf das Theater gedreht. Sehr schön ist zu erkennen, dass die Fassade des Stadttheaters und die Grünanlage zur Volkhartstraße hin einschließlich des Springbrunnens (!) bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg völlig unbeschädigt geblieben waren. Die Fassade fiel dann in den frühen fünfziger Jahren der bauhäuslerischen Purifizierung oder je nach Sichtweise dem Vandalismus des damaligen Stadtbaurats zum Opfer. Dem Theater verlieh dies den Charme eines Bahnhofsgebäudes und brachte ihm selbstverständlich als Ausdruck des Zeitgeists den Eintrag in die Denkmalliste ein, die Grünanlage muss jetzt den groß dimensionierten Erweiterungsplänen der heutigen Stadtregierung weichen.

Wenn einer über hundert Jahre alten grünen Oase der Garaus gemacht wird, ruft dies weder den Denkmal- noch den Naturschutz auf den Plan. Dabei gibt es durchaus Städte mit einer Gartendenkmalpflege, die gartenarchäologische Untersuchungen vornehmen. In Augsburg führt der vermeintlich fortschrittliche Modernisierungsglaube hingegen dazu, Bäume zu fällen, um die Reste der darunterliegenden alten Stadtmauern in Augenschein nehmen zu können. Dabei wäre gerade der Park beim Theater von großer Bedeutung für die Fortführung des geplanten Fuggerboulevards mit einer doppelreihigen Baumallee bis zu den Grünlagen beim Gesundbrunnen und Wertachbruckertor. Wie die Fuggerstraße war schließlich auch die Volkhartstraße Teil einer nach dem Vorbild Wiens geplanten Ringstraße, so dass Kahlschlag in dem einen und Aufforstung im anderen Teil dieses Straßenzugs überhaupt nicht zusammenpassen.

Noch betrüblicher stimmt, dass bei den Neubauplanungen die große Chance vertan wird, die Grünachsen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung, die sich an dieser Stelle kreuzen, zu stärken. Die räumlichen Beziehungen von der Staats- und Stadtbibliothek über die Kasernstraße bis hin zum Hofgarten und dem Fronhof, die einzige grüne Verbindung in Ost-West-Richtung in der Innenstadt, wird durch die Theatererweiterungen an der Ludwigsstraße erheblich gestört, die Überbauung der Grünflächen an der Kreuzung der beiden Achsen wird die Aufenthaltsqualität und die Attraktivität des Stadtbild sicher beeinträchtigen.

Als besondere Qualität des Augsburger Theatergebäudes wurde immer gerühmt, dass es allseits frei stand. Trotz der Vereinfachung der einst auch zur Seite hin reich gegliederten Fassaden beruht darauf seine raumprägende Wirkung an dieser herausgehobenen Stelle. Damit wird es mit dem Bau des Orchesterprobensaals auf dem Platz an der Volkhartstraße vorbei sein. Zweifel sind doch angebracht, ob sich dieses wuchtige Oval überhaupt einigermaßen mit dem Theatergebäude verbindet, und die Frage stellt sich, wie sehr dieser kleinere, aber doch dominant wirkende Bau neben dem Theater das städtebauliche Gesamtbild beeinträchtigt.

Letztes Jahr war im WDR und später auf Arte Woody Allens Inszenierung von Puccinis „Gianni Schichi“ mit Placido Domingo in der Titelrolle an der Los Angeles Opera zu sehen. Da es sich dabei um eine verhältnismäßig kurze Oper in einem Akt von nur einer Stunde Spieldauer handelt, ging der Wiedergabe der Aufführung ein 25minütiger Dokumentarfilm über die Produktion als Blick hinter die Kulissen voraus. Dabei wurde auch das Orchester, einer der bedeutendsten Klangkörper der Welt, der alle Filmmusiken für die großen Produktionen Hollywoods einspielt, bei den Proben gezeigt. Als Raum diente dabei ganz schlicht der Eingangsbereich des Opernhauses, der dem Foyer der Augsburger Kongresshalle ähnelt. Die Glaswände wurden dabei einfach mit Stellwänden zugestellt und fertig war der Probensaal. Die von Sponsorengeldern abhängige Oper in Los Angeles muss offensichtlich mit dem Dollar rechnen, für das reiche Augsburg gilt das nicht. Hier ist ein millionenschwerer Orchesterprobensaal gerade gut genug, wer kann, der kann. Wenn dafür zehn Bäume gefällt werden müssen, umso schlimmer für die Bäume.

Man muss nur fest daran glauben, dass dadurch die Kultur reicher, die Lebensqualität besser und das Stadtbild schöner wird, dann sind auch die Aufwendungen für einen Kahlschlag und einen fragwürdigen Neubau an der falschen Stelle gerechtfertigt.


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