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Dienstag, 23.1.2018 • Nr. 23 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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„Ich habe auch keine grandiose Lösung“

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer sprach im Goldenen Saal

Von Frank Heindl

Die Analyse war deutlich, hart und bestechend. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer nahm am vergangenen Mittwoch im Goldenen Saal des Rathauses kein Blatt vor den Mund, als es galt, die Stadtgesellschaft in die Pflicht zu nehmen für die Integration all derer, die unter Ausgrenzung leiden, und damit der erstarkenden Menschenfeindlichkeit nicht nur im rechtsextremen Spektrum Paroli zu bieten. Was konkrete Handlungsansätze betrifft, blieb Heitmeyer allerdings eher unscharf.

Renommierter Theoretiker mit großem Ruf: Der Soziologe Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer sprach im Goldenen Saal über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“.

Renommierter Theoretiker mit großem Ruf: Der Soziologe Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer sprach im Goldenen Saal über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“.

Heitmeyer, langjähriger Leiter des Bielefelder Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG), ist ein deutschlandweit und international hoch anerkannter Wissenschaftler, der die Soziologie mit Theorien wie der von der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (GMF) bereichert hat. Irritation wolle er auslösen, schickte er seinem Vortrag voran, der im Rahmen der Reihe „Zusammen leben – Augsburger Reden zu Vielfalt und Frieden in der Stadtgesellschaft“ stattfand. Und es mag wohl zu Irritationen geführt haben, mit welcher Deutlichkeit Heitmeyer die Gesamtgesellschaft dafür in die Verantwortung nahm, die rechtsradikalen Ränder mit einem „Vorrat“ von Abwertungs- und Diskriminierungsmustern auszustatten. Ebenso deutlich ging er mit dem „autoritären, libertären Kapitalismus“ ins Gericht, der Heitmayers Forschungen zufolge zunehmend die Kontrolle über die Gesellschaft erlangt – was mit einem erheblichen „Kontrollverlust der Politik“ einhergehe.

Ökonomisierung führt zu Desintegration

Zusammen mit schnellem sozialen Wandel, mit zunehmenden ethnisch-kulturellen Konflikten durch wachsende Zuwanderung sowie mit rapiden Veränderungen in Politik und Gesellschaft führt die Ökonomisierung laut Heitmeyer zu wachsenden Irritationen in großen Bevölkerungsgruppen. Seit mehr als zehn Jahren untersucht eine Forschungsgruppe um Heitmeyer alljährlich mithilfe großer repräsentativer Umfragen, mit welchen teils dramatischen Werte-Reaktionen die Deutschen auf solche Veränderungen reagieren. Heitmeyers These: Je größer die „Desintegrationserfahrungen“ der Menschen sind, je mehr sie also erfahren oder auch nur befürchten, nicht mehr „dazuzugehören“, desto deutlicher werden bei ihnen Einstellungen der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ – sie reagieren mit Ausgrenzung, Herabsetzung, Verachtung gegenüber bestimmten Gruppen. Mit dem Begriff der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ will Heitmeyer den traditionellen Rassismusbegriff erweitern – denn seinen Forschungen zufolge hat sich das Spektrum dieser Menschenfeindlichkeit von „fremden“ Ethnien, Juden, Schwulen, Obdachlosen etc. ausgeweitet und unterliegt weiterhin Wandlungen: In den letzten Jahren sei beispielsweise die abwertende Beurteilung von Langzeitarbeitslosen signifikant gestiegen.

Überraschend und tatsächlich irritierend an Heitmeyers Untersuchungen ist unter anderem die Feststellung, dass Ressentiments und besagte „Menschenfeindlichkeit“ bei weitem nicht nur in den unteren, sozial schwachen und bildungsfernen sozialen Schichten zuhause sind. Im Gegenteil wächst in vielerlei Hinsicht Ablehnung und Abwertung mit der zunehmenden sozialen Stellung. Vielverdiener und Aufsteiger leiden offenbar ganz besonders unter Abstiegsängsten, die sie mit Diskriminierung bestimmter Gruppen zu kompensieren versuchen – die so genannten Eliten haben mithin entscheidenden Anteil an Diskriminierungsmustern in der Gesellschaft. Und je stärker wirtschaftliche und andere „Krisen“ das Bewusstsein der Bevölkerung erfassen, desto mehr Zustimmung finden menschenfeindliche Statements: „Wir können es uns nicht mehr leisten, allen Menschen gleiche Rechte zu garantieren“ – dieser demokratiefeindlichen Maxime, die fundamentale Menschenrechte in Frage stellt, stimmten bei der Befragung von 2009 kaum glaubliche 32 % der Bevölkerung zu! „Wir müssen zu viele schwache Gruppen mitversorgen“ – diese Aussage fanden sogar 61 % der repräsentativ ausgewählten Befragten richtig.

Argumentationsvorräte für den rechtsextremen Rand

Aus diesen Befunden (veröffentlicht in mittlerweile zehn Bänden bei Suhrkamp in der Reihe „Deutsche Zustände“) resultiert eine weiterreichende Folgerung des Soziologen: Menschenfeindliche Haltungen seien derart verbreitet, dass sie Rechtsextreme, Neonazis, die Anhänger der so genannten „Nationalen Autonomen“ mit einem Vorrat an Argumenten ausstatten, auf den diese im Bewusstsein zurückgriffen, im Namen der Bevölkerung zu agieren.

Warum aber fühlen sich so viele Menschen derartig verunsichert, dass sie mit Hass auf andere reagieren? Heitmeyer beantwortet dies mit seinem „Bielefelder Desintegrationsansatz“: Auch große Teile der Mehrheitsgesellschaft, besagt diese Theorie, sind desintegriert: Sie leiden unter ungleichem Zugang zu materiellen Gütern, aber auch zu Bildung und Arbeit; es mangelt ihnen an moralischer Anerkennung, an Fairness und Solidarität in der Gesellschaft; sie bekommen zu wenig emotionale Anerkennung sowohl als Einzelne wie auch als Vertreter ihrer Gruppe, Volksgruppe usw., deren Identität von der Mehrheitsgesellschaft nicht anerkannt wird.

„Hier bei uns ist alles anders“

Im anschließenden Gespräch mit dem Politik-Redakteur Dr. Tanjev Schultz (Süddeutsche Zeitung) ließ Heitmeyer eine große Portion Frustration spüren, was die Reaktion der Gesellschaft auf seine Thesen und Untersuchungen anbelangt. Fast überall, wo er seine Vorträge halte, treffe er auf Zustimmung. Gleichzeitig aber werde ihm immer wieder versichert, „hier bei uns“ sei alles ganz anders. Und wenn er vertiefende Untersuchungen vor Ort anbiete, sei das Interesse meistens sehr gering. Wichtige Ausnahmen: Dresden und Dortmund, zwei Städte in denen viele Konflikte zusammenkommen, die Heitmeyer thematisiert. Mag sein, dass dort, wo Eskalation droht, das Bewusstsein für die Gefahr der gesellschaftlichen Desintegration wächst – und damit die Bereitschaft, dagegen vorzugehen. Auch die Kirchen nimmt Heitmeyer von dieser Vogel-Strauß-Haltung nicht aus. Seine Untersuchungen belegen eindeutig, dass Konfessionslose deutlich weniger gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit an den Tag legen als Kirchenmitglieder. Doch die Offiziellen der großen Kirchen seien an weitergehender Beschäftigung mit dem Thema nicht interessiert.

Wie aber kann man gegen solche Phänomene vorgehen? Im Gegensatz zu seiner scharfen Analyse blieb Heitmeyer auf die Frage nach konkreten Rezepten sehr undeutlich. „Ich habe auch keine grandiose Lösung“, gestand er gleich mal ein. Die Forderung nach „Toleranz“ halte er für „billig“ und wenig hilfreich – Toleranz lasse sich jederzeit widerrufen. Stattdessen müsse es um „wechselseitige Anerkennung“ gehen. Aber ließe sich diese denn nicht wiederrufen? Es genüge auch keinesfalls, betont Heitmeyer, sich auf Interventionsprogramme bei Jugendlichen zu beschränken. Eine weitere Überraschung: Heitmeyer hält gerade das gesetzte Alter für besondere „gefährlich“: „Wir müssen in die Schützen- und Fußballvereine gehen“, betont der Soziologe, und auch in die Stadtteile und in die Altenheime: Ältere Menschen hätten ein „hohes Vertrauenspotential“ und damit eine wichtige Vorbildfunktion in der Gesellschaft. Außerdem bedürfe es einer „neuen Kultur der Anerkennung“: Es dürfe schon in den Schulen nicht nur um gute Noten gehen. Dabei könne man sich, sagt Heitmeyer, ein Vorbild an den USA nehmen. Und plädiert anschließend – nicht nur für den SZ-Redakteur überraschend – für eine höhere Bewertung des Sports an den Schulen. Eine Disziplin also, in der es erneut um Kampf und Wettbewerb geht. Es müsse in Zukunft heißen, Mehmet sei ein super Fußballer, nicht, wie derzeit: „Der Mehmet kann nur Fußball spielen.“ So kleinteilig wird es leider oftmals, wenn man die großen Theorien nach konkreten Folgerungen befragt.


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