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Staatstheater

Irrwitz als Realität

Das Staatstheater Augsburg zeigt Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ im Martinipark

Von Halrun Reinholz

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Ausgewählte Besucher werden von der freundlichen Oberschwester Marta Boll (als solche stellt sie sich vor) im Foyer des Martiniparks empfangen und durch das Haus geführt: „Park Martini“ wird als ein „ehemaliges Theater“ präsentiert, das gerade zum Sanatorium umgebaut wird. Orchester-Probenräume seien erhalten geblieben, um den Patienten „ein Gefühl von Normalität“ zu geben, „therapeutisches Musizieren“ gehöre zum Behandlungskanon der renommierten Heilstätte. Schließlich landet man im „Physikertrakt“, kann einen Blick in die Zimmer der drei Patienten Beutler („Newton“), Ernesti („Einstein“) und Möbius werfen, die „manchmal etwas scheu“ sind und nicht angesprochen werden wollen. 

Zwischendurch selbstverständlich die Anweisung, sich die Hände zu desinfizieren und der Hinweis, dass beim Gehen eine bestimmte Richtung eingehalten werden muss. Und schon ist man, bevor man überhaupt seinen Platz eingenommen hat, mittendrin im Geschehen. 

Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“, deren Handlungsort eine Irrenanstalt ist, bietet von Haus aus eine gute Portion Skurrilität. Antje Thoms greift diese Steilvorlage in ihrer Inszenierung auf und überspitzt sie, indem die (durchaus irrwitzig anmutenden) Corona-Hygieneregeln, die für die Darsteller gelten, in den Tagesablauf der Irrenanstalt integriert werden. Alle Akteure tragen Masken – transparente Plastikschilde zumeist, was zumindest freie Sicht auf die Mimik erlaubt, und gehen sich pausenlos ängstlich (und in der vorgeschriebenen Laufrichtung) aus dem Weg. Der Mindestabstand wird zelebriert, Patient „Newton“ hat sogar einen Zollstock dabei, mit dem er die Mitmenschen auf Distanz hält, und der ihm gleichzeitig als „Steckenpferd“ dient – „Hü, Axiom“. Permanent werden Hände desinfiziert oder gewaschen, vorschriftsmäßig singen alle dabei im Chor zweimal „Happy Birthday“. Die Irrenanstalt, wo Morde einfach nur „Unglücksfälle“ sind, ist eine eigene Welt, da sind solche Rituale Teil der Realität, wie der im Desinfektionskasten versteckte Cognac.

Dürrenmatts Stück um die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Folgen seiner Forschungen wurde 1962 uraufgeführt und hat nichts von seiner Aktualität verloren. „Was einmal gedacht worden ist, kann nicht mehr zurückgenommen werden“ gilt angesichts der unübersichtlichen Komplexität der Welt mehr denn je. Vor den schrecklichen Folgen des „Zu-Ende-Gedachten“ flüchtet sich der Wissenschaftler Möbius (sehr überzeugend: Sebastian Müller-Stahl) freiwillig ins Irrenhaus, nicht ahnend, dass sein Geheimnis längst keins mehr ist und die vermeintlichen Mitpatienten „Newton“ (Gerald Fiedler) und „Einstein“ (Klaus Müller) für ihre jeweiligen Geheimdienste auf ihn angesetzt sind. 

Thoms inszeniert bewusst komödiantisch, bis hin zu Slapstick-Effekten. Manches wirkt überzeichnet – etwa die verfremdete Sprache, vor allem der Ärztin Mathilde von Zahnd (Ute Fiedler), die sich in einem manierierten Stotter-Stakkato ständig wiederholt. Auch das Boxer-Gehabe der Pfleger ist des Guten zu viel. Der an sich witzige Einfall, Wörter aus dem Text sozusagen als „Stichwort“ für ein Lied (wechselnden Genres, vom Volkslied bis zum Schlager) aufzugreifen, das dann ohne jeden weiteren Kontext a capella geträllert wird, zieht sich auch durch die ganze Inszenierung und wirkt irgendwann etwas abgegriffen.  

In einer Szene kommt der Musik zentrale Bedeutung zu, als Möbius von seiner Familie Abschied nimmt und dem Frust darüber in einer dichten Rock-Nummer (begleitet von den beiden Mit-Physikern) Ausdruck verleiht. Gleichsam als Kontrast zum braven Geflöte der Möbius-Kinder davor.

Das manierierte Agieren fordert die Einzelleistung der Darstellerinnen und Darsteller heraus und stellt sie jeweils in den Fokus des Handelns. Kongenial zu Möbius die großartige Präsenz der beiden Physiker-Kollegen (Gerald Fiedler und Klaus Müller), aber auch die Schwestern (Elif Esmen als Oberschwester Marta und Jenny Langner als Schwester Monika, beide neu im Ensemble) überzeugen durch Leichtigkeit und Esprit – letztere auch in der Rolle der Frau Missionar Rose, Ex-Gattin von Möbius. Kriminalinspektor Voß (Andrej Kaminsky) wandelt sich vom gewissenhaften Ermittler zum schikanösen Quäler seines Untergebenen mit „Ist-doch-alles-wurscht“-Gehabe. Patrick Rupar zeigt Wandlungsfähigkeit als Polizist, Oberpfleger und Missionar. Die immer präsente Hauptperson ist jedoch „Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd“, souverän von der unglaublich vielseitigen Ute Fiedler verkörpert. Als mädchenhafte „alte Jungfrau“ gibt sie zunächst die sich vermeintlich um ihre Patienten sorgende verständnisvolle Psychiaterin, um sich schließlich im schwarzen Leder-Look  als Chefin eines „Trusts“ zu outen, der die Erkenntnisse von Möbius längst umsetzt. „Ihr wart bestimmbar wie Automaten und habt getötet wie Henker“, ist ihr zynisches Fazit.

Eine runde, witzige Inszenierung mit lokalen Anspielungen („er war Pfarrer in Adelsried“), die sich zuweilen aber gerade darin selbst gefällt und dadurch an Stringenz einbüßt.

P.S.: Beim Rundgang durch das neue Sanatorium „Park Martini“ bekommen die Besucher auch einen Werbeflyer überreicht („Individuell. Respektvoll. Wirksam“). Das Sanatorium befinde sich in einer Landschaft mit „Sehenswürdigkeiten in bezaubernden historischen Städten, charaktervollen Landschaften und dem prachtvoll sanierten Staatstheater Augsburg.“