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Lokalpolitik

Bürgerbegehren gegen teure Theatersanierung erhält Unterstützung von den Linken

Der Kreisverband der Linken Augsburg unterstützt das Bürgerbegehren für ein Moratorium und eine kostengünstigere Umplanung der Staatstheatersanierung

Foto: © Stefan Steinhagen

Die Initiative die ein Bürgerbegehren plant, um die vorhersehbar aus dem Ruder laufenden Kosten der Sanierung des Staatstheaters wieder auf ein vertretbares Maß zurückzuführen, kann auf die Unterstützung der Augsburger Linken zählen. Susann Dettmann, Mitglied des Kreissprecher*innenrats von DIE LINKE sagt dazu: „Die schon 2015 vorhergesagte enorme Kostensteigerung bei der Sanierung des Theaters ist eingetreten, ohne dass an dem Bauteil I, also am „Großen Haus“ bisher viel gemacht wurde. Gerade hier aber drohen die größten Kostenfallen, wie jeder weiß, der schon einmal einen Altbau saniert hat. Gleichzeitig wird schon jetzt an den Sanierungen von Schulen und KiTas gespart. Bildung, Sport und Kultur abseits des Staatstheaters darf nicht auf Kosten dieser größenwahnsinnigen Sanierung des Augsburger Theaters geschehen. Deshalb beteiligt sich Die Linke Augsburg an diesem Bürgerbegehren.“

Christine Wilholm, Stadträtin der Linken,  ist der Auffassung, dass „von Anfang an klar gewesen sei, dass die 186 Millionen Euro Kosten für die Sanierung kleingerechnet waren. Jetzt fällt der Schwarz-Grünen Regierung diese Lüge auf die Füße. Nur eine erneute Umplanung unter vorheriger guter Überlegung, was ein Theater des 21 Jhs. braucht und was nicht, wird substantielle Kosteneinsparungen mit sich bringen. Dabei muss die Stadtgesellschaft beteiligt werden – diesmal aber richtig!“



Bundesliga, zweiter Spieltag

FCA ringt Dortmund nieder

Nach einem großen Kampf gewinnt der FC Augsburg in der mit 6.000 Zuschauern ausverkauften WWK Arena mit 2:0 gegen Borussia Dortmund.

Von Siegfried Zagler

Die Tore erzielten Felix Uduokhai (40.) nach einem punktgenauen Caligiuri-Freistoß wuchtig aus kurzer Distanz mit dem Kopf und Daniel Caligiuri selbst, nachdem er bei einem der seltenen FCA-Konter von Florian Niederlechner schön freigespielt wurde und BVB-Keeper Roman Bürki in der 1:1-Situation zu überwinden verstand (54). Bis zu diesem Tor hatte der FCA nur einen Torschuss zu verzeichnen, nämlich den Führungstreffer: Zwei Torszenen, zwei Tore: “tödliche Effizienz”, heißt das in der Sportberichterstattung.

Der FC Augsburg gewann am Ende verdient gegen eine Dortmunder Mannschaft, der gegen die vielbeinige und vielköpfige FCA-Defensive die Durchschlagskraft im Abschluss fehlte. Auch aus dem Mittelfeld heraus gelang den Ostwestfalen wenig Flüssiges, weil die Augsburger klug strukturell verteidigten und auch direkt viele wichtige Zweikämpfe gewinnen konnten. Auch in den Phasen, als der Druck der Dortmunder, die phasenweise 80 Prozent Ballbesitz hatten, übergroß zu werden schien, stand der FCA in der Innenverteidigung stabil. Mit Glück (8:1 Torschüsse für den BVB) und einem erneut sehr starken Rafal Gikiewicz im Tor brachten die Augsburger die Führung bis in die Halbzeit.

In Halbzeit zwei gelang dem FCA mehr Entlastendes nach vorne mit dem Höhepunkt des Caligiuri-Tores. Dortmunds Trainer Lucien Favre wechselte ab der 60. Minute dreimal offensiv. Heiko Herrlich wechselte 1:1 und sollte dafür belohnt werden. Dem FCA boten sich in der Schlussphase echte Konterchancen, die er jedoch nicht nutzen zu nutzen verstand.

Am Ende einer verrückten Partie (18:6 Torschüsse für Dortmund) stand mit dem FC Augsburg ein überglücklicher Bundesligatabellenführer fest, der von den 6.000 Augsburger Fans großartig unterstützt und nach dem Schlusspfiff gebührend gefeiert wurde. Ein Spielbericht von Udo Legner folgt.

#MannschaftMannschaftSp.SUNToreDiff.Pkt.
1FC AugsburgAugsburg22005:146
2Eintracht FrankfurtFrankfurt21104:224
2RB LeipzigRB Leipzig21104:224
4Arminia BielefeldBielefeld21102:114
5Bayern MünchenFC Bayern11008:083
6VfB StuttgartVfB Stuttgart21016:423
7Hertha BSCHertha BSC21015:413
81899 HoffenheimHoffenheim11003:213
8Borussia DortmundDortmund21013:213
8SC FreiburgSC Freiburg11003:213
11Bayer LeverkusenLeverkusen20201:102
12VfL WolfsburgWolfsburg10100:001
131. FC Union BerlinUnion Berlin20112:4-21
14Bor. MönchengladbachM'gladbach20111:4-31
151. FC Köln1.FC Köln20022:4-20
16Werder BremenSV Werder10011:4-30
171. FSV Mainz 05Mainz 0520022:7-50
18FC Schalke 04Schalke 0410010:8-80


Coronakrise: Turamichele als YouTube-Star

Wegen der Coronakrise bieten Stadt- und Stadtwerke eine Liveübertragung an – vom Rathausplatz am Turamichele-Tag

Ausgepackt und geölt: Andreas Deuringer (li.) und Stephan Langenmayr von den Stadtwerken Augsburg bereiten den heiligen Michael und den Teufel im Perlachturm auf den Turamichele-Tag vor. Am Dienstag, 29. September hauchen sie ihnen dann mit der Kurbel Leben ein. Foto: swa / Thomas Hosemann

“Wegen der Corona-Pandemie geht das Turamichele 2020 erstmals online. Der Namenstag des heiligen Michael, der 29. September, ist in Augsburg seit dem Jahr 1526 ein besonderer Tag. So lange schon wird das Turamichele-Fest gefeiert. Es ist das älteste und größte Kinderfest im Raum Augsburg, wenn nicht eines der ältesten in Deutschland. Tausende Kinder und Erwachsene finden sich an diesem Tag auf dem Rathausplatz ein und blicken auf die Figuren am Perlachturm – normalerweise. Denn in Zeiten von Corona ist alles anders. So findet das Turamichele-Familienfest heuer nicht wie gewohnt mit Zuschauern auf dem Rathausplatz statt, sondern virtuell.” So der Text einer Pressemitteilung der Stadtwerke. Weiter heißt es in dem swa-Statement:

“Wie sonst auch werden Mitarbeiter der Stadtwerke Augsburg den Figuren im Turm Leben einhauchen. Die Figurengruppe mit dem heiligen Michael, der auf den Teufel einsticht, ist ausgepackt und vorbereitet. Die Scharniere und Schienen sind geölt, die Figuren herausgeputzt. Das Fenster am Perlachturm ist mit Blumen geschmückt. Alles ist für den 29. September vorbereitet.

Michael und Teufel werden erstmals aber zu YouTube-Stars. Wenn der heilige Michael zu jeder vollen Stunde mit jedem Glockenschlag auf den Teufel einsticht, wird das Spiel per Livestream von den swa übertragen. In der kostenlosen Übertragung am 29. September, von 9:45 bis 12:30 Uhr wird neben dem Stechen zu jeder vollen Stunde ein Rahmenprogramm online geboten: Blicke hinter die Kulissen, Gespräche mit Verantwortlichen und Veranstaltern, und vielem mehr. Der Stream ist am Dienstag, ab 9:45 Uhr, direkt über den Shortlink swa.to/turamichele erreichbar.

Und wenn die Kinder nicht zum Turamichele auf den Rathausplatz kommen können, kommt das Turamichele zu ihnen. Rund 700 Luftballons werden zu den Kindern an 14 Augsburger Grundschulen gebracht. Die Schulen hatten sich dafür beworben und dürfen die Aufgabe übernehmen, stellvertretend für alle Kinder die Friedensgrüße auf Postkarten an den Luftballons auf ihre Reise zu schicken. Die Luftballons werden am 29. September um 12 Uhr dezentral an den Schulen steigen. Die Luftballons sind umwelt- und tierschonend aus Naturlatex. Außerdem kommen Öko-Verschlüsse und Papierbänder zum Einsatz.”

Seit den 50er Jahren organisieren die Stadtwerke Augsburg das Brauchtum und halten so gemeinsam mit Partnern eine lange Augsburger Tradition am Leben. Veranstaltet wird das Fest gemeinsam von Augsburg Marketing, den Stadtwerken Augsburg, und der Augsburger Allgemeinen mit Unterstützung zahlreicher Sponsoren. 

Nach dem zweiten Weltkrieg, von 1946 bis 1948, haben Schauspieler des Theaters das Turamichele-Spiel übernommen, nachdem die ursprüngliche Figurengruppe durch die Bombardierung zerstört wurde. Zwischen 1806 und 1821 war das Turamichele-Fest verboten. Der neuen Stadtherren aus dem Königreich Bayern schien der prähistorische Brauch nicht mehr zeitgemäß.

 



Kinobranche in der Corona-Krise – Teil I: Die Festivals

Von den großen und traditionsreichen Filmfestivals war die Berlinale in ihrer 70. Auflage im Februar das einzige, das noch in seiner gewohnten Form stattfinden konnte. Dann kam die COVID-19-Pandemie und stürzte die Branche in eine weltweite Krise, deren Ausmaß auch heute noch nicht absehbar ist.

Von Udo Legner

Erstmalig mussten die 73. Internationalen Filmfestspiele von Cannes – ursprünglich vom 12. bis 23. Mai 2020 geplant – aufgrund der COVID-19-Pandemie abgesagt werden. Der für die Filmschaffenden und Unternehmen so wichtige Filmmarkt fand lediglich online statt und die Präsentation der offiziellen Selektion der Festival-Filme wurde auf die Festivals in Toronto, Deauville und San Sebastián verschoben. Bis zum Ende der Sommerferien ereilte große und kleine Filmfeste landauf und landab dasselbe Schicksal: Das deutsch-türkische Filmfestival in Nürnberg, die Grenzland Filmtage in Selb und das Filmfest München – sie wurden entweder abgesagt oder auf einen späteren Zeitpunkt verlegt.

Die ersten Online-Versuche

Um nicht vollkommen von der Bildfläche zu verschwinden, entschieden sich einige Festivalbetreiber erstmals für alternative Angebote. Vorreiter waren das internationale Dokumentarfilmfestival DOK.fest , das ganz zum Onlinefestival wurde, genauso wie das 2002 vom Schauspieler Robert De Niro 2002 gegründete Tribeca Film Festival in New York. Die für Mitte April geplante 19. Ausgabe dieses rasant gewachsenen Festivals wurde erst auf unbestimmte Zeit verschoben und schließlich Ende Mai als Online-Film-Festival unter dem Titel „We Are One: A Global Film Festival“ in Zusammenarbeit mit YouTube und fast 20 Partnern durchgeführt, zu denen neben dem Tribeca Film Festival unter anderem die Filmfestspiele von Cannes, Venedig, Berlin und Karlovy Vara (Karlsbad) zählten.

Neben den Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen, die von den teilnehmenden Filmfestivals kostenlos und gegen Spenden präsentiert wurden, wurden auch „Round Tables“ gestreamt.

Hoffnungsflimmern in Venedig und beim Fünf Seen Filmfestival

Anfang September richteten sich die Blicke der Film- und Kinofans auf die Großveranstaltung auf dem Lido, denn die “Biennale di Venezia” war das erste große Filmfestival, das seit Beginn der Corona-Pandemie wieder regulär stattfand – allerdings mit strikten Sicherheitsvorkehrungen, ohne roten Teppich und die prestigeträchtigen Treffen mit den Stars. Für die Organisatoren der 77. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Venedig kam eine Verschiebung oder gar Verlegung ins Internet nicht in frage. “Wir wollten eine positive Botschaft aussenden, eine Botschaft des Optimismus und der Aufmunterung”, wurde Festivalleiter Alberto Barbera zitiert.

In Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden wurden einige Veränderungen eingeführt: Tickets gab es nur noch im Vorfeld und um mehr Screenings zu ermöglichen, wurden zwei neue Open-Air-Kinos aufgebaut. Vor dem Eintritt wurde bei jedem Besucher die Temperatur gemessen und im Kinosaal, wo nur jeder zweite Sitzplatz belegt werden durfte, galt Maskenpflicht. Auch beim fast gleichzeitig stattfindenden FSFF (Fünf Seen Filmfestival) in und um Starnberg sorgten insbesondere die Open Air Leinwände für unbeschwerte Festival-Atmosphäre, während viele der Kino-Vorstellungen doch eher mäßig besucht waren. Insgesamt fiel die Bilanz von Festivalintendant Matthias Helwig dennoch positiv aus. Trotz der corona-bedingten Einschränkungen kamen mehr als 14000 Besucher zum 14. Fünf Seen Filmfestival, etwa ein Drittel weniger als im Vorjahr.

„Die Publikumsresonanz übertraf all unsere Erwartungen. Es hat sich gezeigt, dass es möglich ist, zusammenzukommen und Kultur zu veranstalten.“ Nina Hoss, an die in diesem Jahr der Hannelore-Elsner-Schauspielpreis verliehen wurde und die beim FSFF ihren Film „Schwesterlein“ präsentierte, verlieh dem FSFF gar etwas Glamour. Mit ihrer Dankesrede an Festival Organisation und Publikum sorgte sie am Ende des Festivals für Zuversicht und Aufbruchstimmung in der von Corona so gebeutelten Film- und Kinobranche. (Teil 2 folgt).



Meinung

Zum Teufel mit dem Turamichele

Das Turamichele ist wieder da und setzt zum Rundumschlag an. Bislang blieb das groteske Schauspiel auf den Augsburger Rathausplatz beschränkt. Im Jahr 2020 – Corona sei Dank – steht das Augsburger Turamichele ganz im Zeichen der medialen Reichweitenverlängerung und so dringt der obskure Kult in die Augsburger Kindergärten und Schulen ein. 

Kommentar von Bernhard Schiller

Primitives Urteilsvermögen: „Ich bin gut, Du bist böse. Ich mach dich platt.“ Foto: © DAZ

Stellen sie sich vor, folgende Nachricht aus der Schule ihres Kindes käme ihnen zu Ohren: Im Pausenhof habe ein Schüler einen anderen zu Boden geworfen und solange auf sein ohnmächtiges Opfer eingedroschen, bis dieses blutend zusammengesackt sei. Sämtliche Mitschüler hätten euphorisch dabeigestanden, den Schläger angefeuert und dabei jeden einzelnen Faustschlag johlend mitgezählt: “Eins! Zwei! Drei! Vier! Fünf!“ Klingt schockierend? Nicht, wenn es sich bei Täter und Opfer um mythische Gestalten namens Turamichele und Teufel handelt. 

Dann gilt das seltsame Spektakel als “Augsburger Tradition”. Diese Tradition soll nun nach dem neuesten Einfall von „Augsburg Marketing“ den Kindergarten- und Grundschulkindern „einfach und fundiert vermittelt“, „spielerisch“ nähergebracht und „im Unterricht eingebunden“ werden. So steht es derzeit auf der Homepage des Stadtmarketings zu lesen. Kein schlechter Witz, sondern ein aus den Umständen der Pandemie geborener Impuls, den der Leiter von „Augsburg Marketing“, Ekkehard Schmölz, so erklärt: „Wenn die Kinder nicht zum Turamichele können, dann kommt das Turamichele eben zu ihnen.“ 

Dafür wurden in Zusammenarbeit mit der Zeichnerin Lisa Frühbeis und der Moderatorin des Kinderradios beim Bayerischen Rundfunk Kerstin Öchsner eigens ein Poster und Schulungsmaterial entwickelt. Ein bizarrer Aufwand für ein geistloses Provinzspektakel. Es scheint fast so, als wollten die Stadtvermarkter mit einem pädagogischen Wahrheitsprogramm verhindern, dass die lieben Kleinen irgendwann erkennen, weshalb das Turamichele ein Urfaschist und ein Mörder ist.

Ein hellhäutiger, männlich-jugendlicher Charakter dominiert einen dunklen, animalischen Untermenschen und metzelt diesen – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – ab. Das ist erstens blanker Rassismus, der in der mystischen Überhöhung eines metaphysischen Kampfes (Gut gegen Böse) wie jeder fundierte Rassismus seinen pseudoreligiösen Überbau hat. Zweitens zählt die in dem dualistischen Weltbild vom Turamichele verkörperte Macht über Leben und Tod und die bedingungslose Ausübung von Gewalt zu den kulturellen Zeichen des Faschismus.

Bis auf den heutigen Tag macht sich die Stadt Augsburg in Komplizenschaft mit dem Stadtmarketing, den Stadtwerken und angeschlossenen Unternehmen dieses seit Jahrtausenden fortgeschriebene, gnostische Tötungsritual aus völlig profanen Motiven zu eigen, verpasst ihm einen scheinheiligen Anstrich und lässt es nun auch noch mithilfe des Nullarguments der Tradition in Kindergärten und Schulen einsickern. Ausgerechnet dorthin, wo Gewalt immer mehr zum Problem wird.

Am vergangenen Donnerstag veröffentliche der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Ergebnisse einer Umfrage, die zwar kaum noch verwundern, aber dennoch alarmieren. Die Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer nehme zu, so das Fazit der vom Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführten repräsentativen Befragung. Sogar in Grundschulen komme es immer häufiger zu körperlichen Übergriffen gegen Pädagogen. Der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann äußert sich im Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“ zu diesem Phänomen. Grundschüler würden eher körperlich gewalttätig, weil sie „noch nicht gelernt haben, sich in Konfliktsituationen anders zu äußern.“ 

Gewalt- und Konfliktforschern sind solche Zusammenhänge seit langer Zeit bekannt. Wer Gewalt immer wieder als normales Mittel zur Konfliktbeseitigung erlebt, der wendet selbst auch eher Gewalt an. Dabei ist das persönliche soziale Umfeld, vor allem die Familie, von maßgeblichem Einfluss. Aber auch die Art und Weise der Darstellung von Gewalt in Medien trägt zur Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen bei. Vor allem wenn die Darstellung unreflektiert aus der Täterperspektive erfolgt.

Um den Risiken der Medienverwahrlosung zu begegnen, kommt laut bayerischem Kultusministerium der Medienerziehung an Schulen besondere Bedeutung zu. Im von der Landesbehörde herausgegebenen „Gesamtkonzept für die politische Bildung an bayerischen Schulen“ aus dem Dezember 2018 wird deshalb die „Reflexion der durch Medien vermittelten, gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit“ gefordert.

Weiter heißt es dort: „Unsere Lehrerinnen und Lehrer (…) sind Vermittler unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und geben unseren Kindern und Jugendlichen wichtige Orientierungshilfen“. Das Kultusministerium begreift politische Bildung dabei als ein „übergeordnetes Bildungsziel“. Denn die Kinder „sollen sich in unserer komplexen Welt urteilssicher und verantwortungsvoll orientieren können.“ Sie sollen „politische und religiöse Toleranz üben“.

Auch beim Turamichele-Schauspiel handelt es sich um ein Medium. Spätestens jetzt, da es via YouTube in die Wohn- und mittels Unterrichtsmaterial in die Klassenzimmer eindringt. Welche gesellschaftliche Wirklichkeit vermittelt es? Welche politische Wirklichkeit vermittelt es? Vermittelt das Turamichele Toleranz? Vermittelt es Verantwortung? Welche Orientierung vermittelt es? 

Der einzige Punkt, in dem das Turamichele-Schauspiel den ethischen Anforderungen des Kultusministeriums gerecht werden könnte, ist der der Urteilssicherheit in einer komplexen Welt: „Ich bin gut, Du bist böse. Ich mach dich platt.“ Das ist eine falsche unterkomplexe Urteilssicherheit, die weder das Bayerische Kultusministerium noch die Verantwortlichen der Stadt Augsburg fördern wollen.

Das Turamichele-Erbe an die Stadtwerke und das Stadtmarketing abzugeben, hat in einen dunklen Wald geführt. Mit einem aufgeklärten Wertekanon, mit Bildung oder Kultur hat das prähistorische Schauspiel nämlich nichts zu tun – und somit auch in Kindergärten und Schulen nichts verloren.



Staatstheater

Starke Schauspielpremiere: Nacht ohne Sterne

Beim ersten Theaterversuch des Augsburger Staatstheaters in Zeiten von Corona ist Distanz Programm der Inszenierung

Von Halrun Reinholz

Foto © Jan-Pieter Fuhr

Theater unter Corona-Bedingungen bringt Herausforderungen, denen sich auch die Akteure des Augsburger Staatstheaters nun schon seit einigen Monaten stellen müssen. Fieberhaft wurde in den Theaterferien an einem Konzept gearbeitet, das allen Vorgaben und Einschränkungen gerecht wird und dennoch einen einigermaßen „normalen“ Theatergenuss erlaubt. Als erste Premiere der Sparte Schauspiel steht nun ein Stück des österreichischen Autors Bernhard Studlar in der Brechtbühne (Gaswerk) auf dem Spielplan. Ein Stück, das nicht von ungefähr die Absurdität unserer kaputten Zivilisation zum Gegenstand hat.

Die neuen Regeln sind immer noch gewöhnungsbedürftig: Keine Garderobe, kein Glas Prosecco vor der Aufführung, eine Pause gibt es erst gar nicht. Im Foyer stehen Wasserflaschen bereit, die man gegen eine Spende erwerben und gegen jeden Theaterusus mit in den Saal nehmen kann.

Man muss schauen, dass einem ein paar gute Tage bleiben. Ganz egal. Wie es um die Welt steht

„Nacht ohne Sterne“ bietet dem Regisseur Sebastian Schug gute Voraussetzungen für eine Inszenierung „auf Abstand“. Wie bei (Schnitzlers) „Reigen“ baut sich das Stück auf der Interaktion von jeweils zwei Akteuren auf, von denen der oder die eine in der Folge mit einem jeweils weiteren Partner interagiert. Zwei Schauspielerinnen (Natalie Hünig und als Gast Nadine Quittner) und zwei Schauspieler (Thomas Prazak und das neue Ensemblemitglied Pascal Riedel) stehen jeweils für sich in einem eigenen Kasten, einer Duschkabine nicht unähnlich, umgeben von Utensilien, mit deren Hilfe sie sich im Laufe des Stücks umkleiden und in die agierenden Personen verwandeln. Davor türmen sich auf dem Bühnenboden wie auf einer Müllhalde mehr oder weniger undefinierte Objekte – auch ein Blaulicht ist zu sehen.

Der Reigen ist ein Totentanz, eine Spirale diverser menschlichen Katastrophen, die letztlich alle tödlich enden. Als roter Faden dient ein zerrissener und wieder zusammengeklebter 50-Euro-Schein. Schon in einer der ersten Spielszenen fließt Blut, Thomas Pratzak badet sozusagen darin. Pascal Riedel, zunächst ein Schauspieler im Engelskostüm, der vor dem Tumult eines von Demonstranten besetzten Theaters flieht, bleibt in der Rolle: Er begleitet die Akteure als Todesengel oder wahlweise Sterbehelfer durch das Stück, bevor er schließlich zur Freiheitsstatue wird, die sich mit französischem Akzent von der eigenen Symbolik verabschiedet: „Ich will auch mal meine Freiheit.“ Und die Quintessenz des menschlichen Gewurstels in der kollabierenden Zeit: „Man muss schauen, dass einem ein paar gute Tage bleiben. Ganz egal. Wie es um die Welt steht.“

Viermal großartige schauspielerische Leistung

Die statische Guckkasten-Inszenierung lenkt den Fokus auf die Schauspieler, die als Individuen wahrgenommen werden. Interaktion findet nur verbal statt, oft (in der Manier des epischen Theaters) begleitet von der gesprochenen Bühnenanweisung („er nimmt sie in die Arme“).

Die vier Akteure verwandeln sich, spielen sich die Bälle zu, lassen die Distanz virtuell schrumpfen. Viermal großartige schauspielerische Leistung, unterstützt von zuweilen skurriler Kostümierung – Natalie Hünig im Teddy-Kostüm ist da besonders auffällig. Die Musik, die Jan Schröwer für das Stück schrieb und die von den Akteuren auch selbst performt wird, ist dazu wenig aufschlussreich, auch wenn Thomas Pratzak (Gitarre) und Natalie Hünig (Schlagzeug, Saxofon) wieder einmal beweisen, dass sie ihre Instrumente souverän beherrschen.

„Die Menschen haben manchmal echt nichts Besseres im Sinn, als zu sterben“, stellt der Tod süffisant fest. Manche wünschen den Tod herbei, andere sehen keinen anderen Ausweg. „Glaub nur nicht, dass dein Unglück besonderer ist als all die anderen.“ Viel Optimismus bleibt da nicht. Kein Stern ist am Nachthimmel zu sehen. Ein bedrückender und beeindruckender Theaterabend.

Weitere Aufführungen: Fr. 9.10./ Sa. 10.10./Fr. 16.10./So. 18.10./So.1.11./Fr. 6.11./Fr. 27.11./Sa.28.11./Sa. 12.12./Sa. 19.12. jeweils 19.30 Uhr in der Brechtbühne im Gaswerk.