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FCA: Schwacher Kick in Köpenick

In einem zerfahrenen Fußballspiel besiegte der FC Augsburg Union Berlin in der Alten Försterei mit 3:1. Beide Mannschaften zeigten im Aufbau wie in der Defensive kaum bundesligareife Aktionen. Der Sieg des FCA geht dennoch in Ordnung, weil die Augsburger ihre Tormöglichkeiten zu 100 Prozent in Tore ummünzten. Die Tore der Augsburger erzielten Vargas (41.), Gregoritsch (82.) und Hahn (89.). Für den zwischenzeitlichen Ausgleich der Köpenicker sorgte Marius Bülter (75.).

Von Siegfried Zagler

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt. Aus Sicht des FCA sind zwei positive Faktoren zu vermelden. Zum einen das Ergebnis und zum anderen, dass nach einer langen Durststrecke mit Rafal Gikiewicz beim FCA wieder ein Torwart zwischen den Pfosten steht, der auch Spiele gewinnen kann. Ansonsten gilt das ähnlich desaströse Bild der Vorsaison: Aufwändig eroberte Bälle wurden wieder leichtfertig hergegeben oder durch ungenaue Zuspiele konsequent entwertet. Eine Augsburger Spieleröffnung aus der Abwehr heraus, ein Offensivkonzept in Ballbesitz war nicht erkennbar, vom Mittelfeld gingen kaum Impulse nach vorne aus, während in der Rückwärtsbewegung von beiden Mannschaften konsequent und hochwertig verteidigt wurde.

Dennoch gingen bei allen Augsburger Toren schwere Fehler der Berliner Defensive voraus und es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet mit Michael Gregoritsch der schwächste Spieler auf dem Platz den vermeintlichen FCA-Siegtreffer mit einem wuchtigen Kopfball nach einer punktgenauen Iago-Flanke erzielte.

Schlecht gespielt und dennoch gewonnen; daraus resultieren meist wertvolle Punkte. Am kommenden Samstag (15.30 Uhr) ist in Augsburg Borussia Dortmund zu Gast. Gegen starke Gegner zeigt der FCA nicht selten starke Leistung.

 



Die Bundesliga startet und der FCA darf mehr wollen als den Nichtabstieg

Der FC Augsburg startet heute Nachmittag gegen Union Berlin in seine 10. Bundesligasaison und gehört somit zum unauffälligen Inventar einer Liga, die zu den besten der Welt zählt. Mit dem neuen FCA-Trainer Heiko Herrlich beginnt beim FCA eine neue Zeitrechnung. Die Fehler der Vergangenheit wirken zwar noch nach, doch die Verantwortlichen wirken geläutert. 

Von Siegfried Zagler

© DAZ

Zwei Saisons spielte der FCA um die Teilnahme an der Europa League und qualifizierten sich dabei einmal. Sieben Mal stemmten sich die Brechtstädter erfolgreich gegen den Abstieg, den die Augsburger meistens deshalb immer wieder vermeiden konnten, weil es schwächere Aufsteiger gab und sich – während der FCA-Bundesliga-Ägide – immer wieder scheinbar etablierte Klubs selbst aufhängten, wie zum Beispiel Kaiserslautern, Nürnberg, Hamburg, Hertha Berlin, Köln, Stuttgart, Hannover oder Frankfurt.

“Nicht absteigen” lautete die Maxime beim FCA, als Walther Seinsch, der schrullige Geldgeber aus dem Norden, das Sagen hatte. Daran hat sich nach Seinschs Rückzug nichts geändert. Klaus Hofmann, der nachfolgende Präsident und FCA-Manager Stefan Reuter formulieren jedes Jahr aufs Neue den ritualisierten Nichtabstieg als Saisonziel, obwohl sich in Augsburg der Durchschnitt der Spielergehälter längst im Mittelfeld der Bundesligatabelle eingependelt hat. Nichts Neues aus Augsburg könnte man demnach meinen, doch das ist falsch. In Augsburg hat sich nämlich nach dem Rauswurf von Trainer Manuel Baum und Chefscout Stephan Schwarz nach dem 28. Spieltag der Saison 2018/19 alles verändert.

Die ersten Augsburger Bundesligatrainer Luhukay, Weinzierl und Schuster mussten noch aus dem vorhandenen Kader machen, was zu machen war. Anders gesagt: Mit bezahlbaren Zweitligaspielern sollte die erste Liga gehalten werden. Kampfkraft, Laufbereitschaft und Teamspirit wurden zur FCA-DNA ernannt. Spieler wie Langkamp, Klavan, Caiuby, Bobadilla, Moravek, Vogt, T. Werner, Altintop, Koo, Hitz, Hahn und Daniel Baier entwickelten sich darüber hinaus zu überdurchschnittlichen Bundesligaspielern, deren Dauerform und deren kämpferische Fähigkeiten den FCA zweimal in das obere Drittel der Liga führte.

Unter Manuel Baum veränderte sich das sportliche Konzept und somit die Zusammenstellung des Kaders. Die Anzahl der optionalen Bundesligaspieler sank, während die Anzahl der bundesligaerprobten Spieler zunahm. Perspektivspieler kamen zunehmend aus der Nachwuchsarbeit, wo Baum jahrelang die Chefposition innehatte. Nach Baums taktischen Konzepten wurden passende Spieler verpflichtet. Der FCA entwickelte sich langsam zu einem ernstzunehmenden Bundesligaklub. Die Augsburger Kampfmaschine wurde Schritt für Schritt zu einer feinziselierten Taktikschule transformiert, ohne auf das Grobe ganz zu verzichten. Ein guter Trainer, ein gutes Konzept, da sich auf diese Weise das Abstiegsrisiko verringerte. Ein Konzept, das durch überraschende Transfererlöse ohne Substanzverluste (Baba) und eine veränderte Fernsehgeld-Situation möglich wurde.

Doch der Abgang von Torhüter Marwin Hitz hinterließ auf dieser Position eine viel zu große Lücke. Der FCA verlor 2018/19 durch eine verunsicherte Abwehr und katastophale Torhüterleistungen zu viele Punkte, dabei spielte die Mannschaft zwischendurch großartigen Fußball mit hohem Pressing und zielorientiertem Spiel nach vorne. Nach dem 28. Spieltag wurde völlig überraschend Cheftrainer Manuel Baum und Chefscout Stephan Schwarz freigestellt. Schwarz bekleidete damals das Amt des “Technischen Direktors”.

Selbstverständlich musste auch Jens Lehmann gehen. Lehmanns Rolle und seine Aufgaben hat in den wenigen Wochen seiner Anwesenheit niemand verstanden, am wenigsten wohl Lehmann selbst. Baum und Schwarz sind an ihrem Spielkonzept und an der Kaderplanung gescheitert. Baum galt zum Zeitpunkt seiner Freistellung im April 2019 angeschlagen, die Schnapsidee mit Lehmann ließ es vermuten. Die Leistungen der Mannschaft waren schwankend, Baum musste sich mit schwierigen Spielertypen und nicht bundesligatauglichen Torhütern plagen. Zunehmend schien die damalige FCA-Truppe mit Baums Taktikvarianten überfordert.

Baums Nachfolger Martin Schmidt scheiterte ebenfalls an der Torhüterproblematik, nämlich an einem Granatenfehleinkauf namens Koubek. Unter dem Wald- und Wiesentrainer Schmidt spielte die Mannschaft noch weniger konstant auf Bundesliganiveau, obwohl Schmidt der beste FCA-Kader aller Zeiten zur Verfügung stand, wenn man von der Torhüterposition absah.

Augsburgs aktueller Trainer startet heute mit einer neuen Mannschaft, die an den richtigen Stellen verstärkt wurde, in die 10. Bundesliga Saison des FCA. Auch wenn die Kommunikation des FCA immer noch auf dem Level eines Drittligisten daher kommt – mit verdienten Spielern wie Baier und Luthe geht man anders um – ist die Kaderplanung so gestaltet worden, dass der Augsburger Kader erneut verstärkt wurde.

Max kann durch Iago adäquat ersetzt werden. Über die linke Außenbahn könnte nach vorne mit höherem Tempo gespielt werden; zudem scheint Iago in der Defensive stärker als Max. Die beiden Youngsters Vargas und Richter sollten ihre Formschwankungen in den Griff bekommen und wären in diesem Fall eine Top-Zange nach vorne. Rechts hinten stehen nun mit Framberger und Neuzugang Gumny ebenfalls zwei Hochgeschwindigkeitsfußballer zur Verfügung. Falls Niederlechner verletzungsfrei bliebe, hätte der FCA einen spielenden Sturm mit einem Mittelfeld dahinter, das schnell den richtigen Pass findet (Gregoritsch, Caliguri). Zu hoffen ist darüber hinaus, dass Rafal Gikiewicz die starken Leistungen seiner ersten Bundesligasaison wiederholen kann.

Die wichtigste aller Fragen lautet jedoch, ob Trainer Herrlich aus der Summe der Einzelqualitäten ein Team formen kann, das einen Spirit entwickelt, der stabiler ist als die Formkurven der Einzelspieler. Es geht wieder los und der FCA hat das Zeug zu mehr als man bisher in Augsburg zu träumen wagte.