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Meinung

Gastkommentar zur Rassismusdebatte: Drei Figuren mit Kapuze und langem Bart und roten Backen

“Kleinwuchs, Kleinwüchsigkeit oder Mikrosomie beim Menschen ist eine Bezeichnung für ein nicht der Norm entsprechendes, geringeres Körperlängenwachstum, das durch eine Vielzahl von angeborenen oder erworbenen Wachstumsstörungen hervorgerufen werden kann.” So steht es bei Wikipedia, außerdem ist dort zu erfahren, dass zirka 100.000 kleinwüchsige Menschen in Deutschland leben.

Gastkommentar von Peter Hummel

“Liliputaner” und “Zwerg” waren lange gängige Begriffe, die für kleinwüchsige Menschen verwendet wurden, ohne dass man sich viel dabei gedacht hätte. Kleinwüchsigkeit bei Menschen ist in allen Kulturen und Kontinenten anzutreffen, weshalb der Rassismusvorwurf bei diesen Begriffen nicht zieht. Wer diese Begriffe aus Märchenerzählungen verwendete, beleidigte “nur”, verletzte und würdigte Menschen herab.

Die Zeiten ändern sich: Heute respektieren “normal Gewachsene”, die einigermaßen klar bei Verstand sind, längst die Postulate der Organisationen kleinwüchsiger Menschen, die so nicht genannt werden wollen. Dass das bei rassistischen Zuschreibungen noch nicht der Fall ist, gehört zu den großen Rätseln der Zivilisationsgeschichte. Viele Menschen regen sich darüber auf, dass Begriffe wie „M***“ heute nicht mehr verwendet werden sollen.

Man sei doch kein Rassist, sagen sie, das Wort habe eine lange Tradition, gehe im Übrigen auf den Heiligen Moritz zurück – und überhaupt habe man selbstredend nichts gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Das mag alles stimmen und vermutlich haben die allermeisten, die sich aufregen, tatsächlich noch nie einen Gedanken daran verschwendet, mit der Verwendung dieses Wortes jemanden zu beleidigen, zu selektieren oder gar zu beschimpfen.

Aber die Debatte ist eine ganz andere: Nämlich die, ob es angemessen ist, winzige genetische Unterschiede zwischen Menschen zu Wörtern zu machen, diese Wörter zu Marken und diese Marken zum sprachlichen Erbe zu erklären. Ein Denkmodell: Drei kleinwüchsige Mönche besuchen Augsburg. Nette Herren, die in einer Pension unterkommen. Sie sind in der Augsburger Bevölkerung überaus beliebt, und so sind alle traurig, als die Herren eines Tages weiterziehen. Kurz darauf kommt der Inhaber der Pension auf die Idee, seinem Haus den Namen „Zu den drei Zwergen“ zu geben, schließlich habe man schöne Erinnerungen an die Mönche und möchte ihnen quasi ein Denkmal setzen.

Im Gebäude nebenan eröffnet eine Zwergen-Apotheke, die neue Gaststätte im Bismarckviertel heißt Zwergenkönig und ein Bäcker kreiert ein Gebäck Zwergenkopf, das besonders gedrungen ist. Bald hängen an der Hausfassade der Pension „Zu den drei Zwergen“ zur Verdeutlichung des Namens drei Figuren mit Kapuze und langem Bart und roten Backen.

Was würden wir tun? Gar nichts? Den Kopf schütteln? Empört sein? Oder würden wir in Leserbriefen und zig Social-Media-Beiträgen zu erklären versuchen, dass das Wort Zwerg vom althochdeutschen twerg kommt, überhaupt nicht negativ besetzt sei, dass man Kleinwüchsige damit nicht diskriminiert und dass überhaupt die ganze Debatte einigermaßen lächerlich sei, denn die Geschichte der drei kleinwüchsigen Mönche sei ja die einer freundlichen Aufnahme gewesen, einer wohlwollenden Beherbergung, einem friedlichen Miteinander.

Darf davon ausgehen, dass am Ende dieser Geschichte das Z-Wort aus dem öffentlichen Raum verschwinden würde? Man darf! Dass das beim M-Wort so kommen wird, steht außer Frage. Dass es so lange dauert, macht fassungslos und lässt tief blicken.