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MEINUNG

Die Peinlichkeiten der Anderen und die Frage: Warum schämt man sich eigentlich fremd?

Was haben Eva Weber und Angelika Lippert gemeinsam? Nicht viel, wenn man davon absieht, dass beide Frauen sind und sich gern auf Facebook blamieren

Kommentar von Siegfried Zagler

M*****kopf-Posting von der Augsburger FW-Chefin – Screenshot DAZ

Derjenige, der sich für andere schämt, tut dies aus einer vermeintlich höheren kulturellen oder moralischen Position heraus. Man schämt sich deshalb, weil andere gegen Standards und Normen verstoßen, die man selbst für gesetzt hält. Wir können uns nicht für andere schuldig fühlen, aber wir können uns für sie schämen. Das ist deshalb interessant, weil die Scham eine soziale Emotion ist, also etwas Erlerntes, das auch Auskunft über diejenigen gibt, die sich fremdschämen.

Der Autor dieser Zeilen schämte sich in der Vergangenheit für völlig unbekannte Personen fremd, die sich für die Musik von Eros Ramazotti und Helene Fischer begeistern konnten, Filme von Wim Wenders spannend fanden oder Bücher von Karl Ove Knausgard oder Peter Handke zu Ende lasen. Doch dieses feingesponnene Reizschema reicht nicht mehr, um jenen Impuls der Peinlichkeit zu generieren, der universal, also kulturübergreifend möglich ist. Oder schämen wir uns etwa für das Weltverständnis amerikanischer Kreationisten oder für das Leben von Prinz Charles nicht fremd? Seit zirka zehn Jahren, also seit es Facebook in Deutschland gibt, hat sich die Reizschwelle für die Erzeugung des rätselhaften Gefühls des Fremdschämens deutlich erhöht.

Schämte man sich vor 15 Jahren noch für eine punkige Frisur oder einen zu kurzen Rock (von Frau Wengert zum Beispiel), so muss dafür heute eine Oberbürgermeisterin her, die mit Sonnenbrille, Badeanzug und mächtigem Ausschnitt in einem Kinderplanschbecken sitzt. Dergestalt zeigte sich kürzlich Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber auf Facebook, sodass man vor Fremdscham niedersinken konnte.

“Die beste Sommeranschaffung von Schwägerin und Schwager”, schrieb Augsburgs Oberbürgermeisterin unter ihr Bild und meinte damit das Kinderplanschbecken aus Plastik. “Warum macht sie das?”, ist eine Frage, die man nicht von Eva Weber selbst beantwortet haben möchte, da man in diesem Fall sehr wahrscheinlich die zweite Welle Fremdschämen aushalten müsste.

Das Ereignishafte dieses Bildes besteht darin, dass Eva Weber offenbar meint, dass sie es sich als Oberbürgermeisterin leisten kann, ihre Privatwelt, ihre Alltagserfahrungen in ein narzisstisches Trivial-Kunstwerk, in ein öffentliches Tagebuch der Banalität zu verwandeln. Eva Webers Facebook-Story könnte im Sinne der Kunst für Jeff Koons interessant sein – politisch bringt sie nicht viel mehr als kollektives Fremdschämen.

Wer das bemerkswerte Foto sehen will und zugleich eine triviale Erklärung wünscht, dem sei Arno Löbs “Skandalzeitung” empfohlen: “Sie ist so sexy und heiß, dass ständig neues Wasser ins Becken gepumpt werden muss, weil es so schnell verdampft.”

Weniger sexistisch zu kommentieren ist das Geposte von Angelika Lippert, die als Kreisvorsitzende der Freien Wähler bekannt ist. Frau Lippert gehört zur Fraktion derjenigen  Augsburger, die sich bei der Rassismusdebatte um Verlust von Heimat und Sprache sorgt. Dabei geht es aktuell um die M- und N-Wörter, also um Begrifflichkeiten wie N****disco, M*****kopf, Drei M***** undsoweiter.

Angelika Lippert ist zwar im kulturellen Nachkriegsklima rassistischer Unterscheidungen – wie wir alle – sozialisiert worden, und dennoch ist sie weit davon entfernt, im Geiste und im Handeln eine Rassistin zu sein. Die Argumentation aller Lipperts dieser Stadt ist allerdings stereotypisch und nicht ganz unlogisch: “Ich bin kein Rassist, ich verwende diese Wörter bzw. empfinde diese Begriffe als nicht rassistisch, also sind diese Begriffe nicht rassistisch.”

Den Gebrauch der M-Komposita abzulehnen, da sie heute von vielen Bürgern als ungeheuere Verletzung und Zumutung empfunden werden, da sie auf Barbarei und Kolonialismus verweisen und durch den rasend fortschreitenden gesamtgesellschaftlichen Wandel immer deutlicher rassistisch konnotiert werden, ist für die ältere Augsburger Generation in der Mehrheit nicht akzeptabel, da es diese Verletzungen in ihrer gesellschaftlichen Blase nicht gibt.

Es fehlt also an Spracherfahrung, Empathie und Einsicht, weshalb sich Frau Lippert offensichtlich darüber freut, dass es in Hittisau/Österreich noch M*****köpfe zu kaufen gibt, die ganz “guat und scheee sind”, nicht Schaumkuss oder sonstwie heißen, sondern eben M*****kopf. Das ist für Lippert ein Bild und eine Story auf ihrer Facebookseite wert.

Eine Oberbürgermeisterin kann sich blamieren, wie sie will, sie bleibt unangreifbar. Bei einer Kreisvorsitzenden einer Partei ist es anders. Wären die Augsburger Freien Wähler eine normale Partei, käme eine Parteichefin mit diesem rassistischem Posting ganz schnell unter Druck.



Maximilianmuseum erhält bedeutende Dauerleihgabe

Mit ihrer zarten Schlichtheit, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Augsburger Goldschmieden geschaffen wurde, bereichern zwei Wärmeglocken und Servierteller aus dem vergoldeten Prunkservice Augusts des Starken die Sammlung des Maximilianmuseums.

Bildnachweis: Michael Aust, Kunstsammlungen und Museen Augsburg

Zwei große Servierteller mit Wärmeglocken aus dem vergoldeten Prunkservice Augusts des Starken (1670-1733) erhält das Maximilianmuseum nun als Dauerleihgabe. Geschaffen wurden diese 1730 in Augsburg von den Goldschmieden Christian Winter und Gottlieb Menzel.

Schlichte Noblesse: Einziger Blickfang ist das Wappen

Um 1718 bestellte August der Starke, Kurfürst von Sachsen, König von Polen und Großherzog von Litauen, in Augsburg Silbermöbel und ein doppelt vergoldetes Tafelservice. Anlass waren die Hochzeitsfeierlichkeiten des Kurprinzen Friedrich August mit der Kaisertochter Maria Josepha im Herbst 1719. Das Service wurde nochmals 1730 erweitert für das sogenannte Zeithainer Lustlager als grandioser Abschluss der sächsischen Heeresreform. Die schlichte Noblesse des Tafelservices, dessen einziger Blickfang das gravierte Wappen Augusts des Starken bildet, und seine speziellen Gerätschaften orientierten sich bewusst am Vorbild König Ludwigs XIV. von Frankreich.

Dokumentiert den Einfluss des französischen Tafelkults

Die Wärmeglocken, die die Speisen warmhielten und vor Verunreinigung schützten, waren damals in Deutschland noch nicht fester Bestandteil des Tafelgeschirrs. Das rund 400 Teile umfassende Service Augusts des Starken zählt zu den frühesten Augsburger Tafelservicen überhaupt. Es dokumentiert auf einzigartige Weise den Einfluss der französischen Tafelkultur auf die Gestaltung fürstlicher Prunkservice in Deutschland. Stets kam es im 18. und 19. Jahrhundert bei bedeutenden Galatafeln und Festsoupers zum Einsatz. 1924 wurde es dem Haus Wettin zugesprochen, das dann einzelne Teile veräußerte. Seit 1994 befinden sich zehn Teile wieder im Grünen Gewölbe in Dresden, darunter zwei kleine und zwei große Wärmeglocken samt Serviertellern. Ein weiteres Paar kleiner Wärmeglocken mit Tellern befindet sich als Leihgabe im Bayerischen Nationalmuseum in München. Die beiden Wärmeglocken des Maximilianmuseums sind von mittlerer Größe. Die Servierteller haben einen Durchmesser von 39 Zentimeter. Das Gesamtgewicht des Ensembles beträgt ca. 6 Kilogramm.

Spektakuläre Bereicherung für die Sammlung

Der Ankauf der von der Kunsthandlung Christian Eduard Franke in Bamberg angebotenen Wärmeglocken erfolgte mit der Bestimmung, sie dem Maximilianmuseum als Dauerleihgaben in Erinnerung an den gebürtigen Augsburger Fritz Dennerlein zur Verfügung zu stellen. Das Ensemble stellt eine spektakuläre Bereicherung und Aufwertung der Sammlung des Maximilianmuseums dar.