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Rassismusdebatte: Regio-Chef Beck räumt Schwächen ein, verteidigt Gesamtkonzept und will Fugger Welser Museum “noch besser” machen

Im Fugger und Welser Erlebnismuseum könne man Sklavenhandel „zum Anfassen“ erleben, so der verantwortliche Regio-Chef Götz Beck in einer Stellungnahme. Das unter Becks Leitung konzipierte und 2014 eröffnete “Erlebnismuseum” steht derzeit im Fokus der Rassismus-Kritik.

Von Siegfried Zagler

© DAZ

Der Vorwurf lautet, dass das Museum die Handelsimperien der Fugger und Welser sowie ihre Art des Wirtschaftens, ihre politische Einflussnahmen glorifiziere und in diesem Zusammenhang in dieser “goldenen Augsburger Zeit” Kinderarbeit und Sklavenhandel plausibilisiere. Das Augsburger Museum reagiert nun auf die von der DAZ veröffentlichten Rassismus- und Glorifizierungskritik, indem es das bisherige Konzept verteidigt, Zugeständnisse macht und Nachschärfungen verspricht.

Nach eigenen Recherchen zeigt sich Götz Beck, Tourismusdirektor der Regio Augsburg Tourismus GmbH, überrascht: “Es gibt fast kein Museum in Deutschland, dass sich annähernd umfassend wie das Fugger und Welser Erlebnismuseum mit dem Sklavenhandel auseinandersetzt.” –  Thematisiert werde Sklaverei zwar auch im Missionsmuseum Sankt Ottilien, im Museum Soul of Africa in Essen oder auch im Schifffahrtsmuseum Flensburg – aber kaum irgendwo derart massiv wie im Augsburger Wieselhaus: 18 Manillen – Armreife aus Bronze oder Messing – würden als Exponate eine Museumswand dominieren. Anfassen sei erlaubt, und auch die Geschichte dieser Artefakte, die als Primitivgeld Zahlungsmittel beim Sklavenhandel in Westafrika waren, werde im Museum erklärt. Das dafür benötigte Kupfer stamme nicht selten aus Fugger‘schen Bergwerken in Tirol oder in der heutigen Slowakei. 

Auch die Rolle der Welsergesellschaft in den Frühzeiten der Globalisierung werde nicht geschönt. Beck verweist in diesem Zusammenhang auf ein Zitat aus dem Text einer Museumsstele: „Wie in allen spanischen Nachbarprovinzen wurden gefangene Ureinwohner verkauft, um Beutezüge zu finanzieren. Indianer wurden ermordet, gefoltert und beraubt. Selbst getaufte Indianer wurden als Träger versklavt, wenige überlebten.“ Dass das Welser’sche Conquista-Unternehmen mit der Einfuhr versklavter Afrikaner finanziert wurde, werde im Museum ebenfalls “deutlichst formuliert”.

Der Kulturwissenschaftler Dr. Mark Terkessidis beschreibt in seinem Buch „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“ (Hoffmann und Campe) das glorifizierende und verharmlosende Narrativ des Museums.

“Götz Beck, Chef der Regio Augsburg Tourismus GmbH, ist durchaus nicht in jedem Punkt der Kritik einverstanden, doch er nimmt sie durchaus ernst”, wie es in der Stellungnahme der Regio heißt. Die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsel sei aber nicht notwendig, da das Fugger und Welser Erlebnismuseum nicht nur die Vergangenheit durchaus kritisch beleuchte, sondern sogar die globale Wirtschaft von heute und ihre negativen Folgen hinterfrage.

„Nachschärfen“, so Beck, wird das Museum in den kommenden Monaten dennoch. Die Rolle der Fugger und Welser bei den Schattenseiten der beginnenden Globalisierung soll markanter herausgearbeitet werden. „Wir werden deutlich machen, dass immer irgendwer für den Reichtum Weniger bezahlen muss – und wer das jeweils war“, so Beck.

“Sie grüßen nicht freudig, sondern sie drohen mit Keule und Bogen”: Drei nackte “Indianer” als Wandgemälde im Welserzimmer © DAZ

“Kritisiert wird auch”, so Beck, “eine Darstellung von Indianern an der Küste Venezuelas im Museum, zu der Mark Terkessidis schreibt”: „Nackt winkten sie ihren ,Entdeckern‘ freudig zu.“ Dabei habe der Autor übersehen, dass diese Indianer nicht freudig grüßen, sondern mit Keulen und Bogen drohen. Eventuell werde deshalb künftig eine Texttafel das umstrittene Motiv beschreiben.

“Jeder Raum und jedes Motiv wird geprüft”, so Beck. „Missverständliche Museumsinhalte werden wir in Zukunft einfach besser erklären müssen, das ein oder andere werden wir neu installieren“. Dabei wird die Zusammenarbeit mit Kritikern gesucht werden. Auch bei der Neugestaltung einer zuletzt umstrittenen Museums-App zum Thema Sklaverei will Beck diese Kritiker und andere Experten einbinden. Beck sieht die Kritik aber auch als Chance: „Dadurch, dass wir uns mit dieser Thematik befassen, wird das Museum nur noch besser.“

 

 



Coronavirus: In einem Monat soll in Russland geimpft werden

Russlands Impfstoff „Sputnik V“ klingt wie ein politscher Kampfstoff, der kurz vor der umstrittenen Massenerprobung steht. Handelt es sich dabei um ein unverantwortliches Risiko oder ist Kritik unbegründet?

Von Annika Kögel

Die Nachricht über die Zulassung des Corona-Impfstoffes „Sputnik V“ in Russland hat international für Kritik gesorgt. Spätestens nächsten Monat sollen dort bereits Risikogruppen wie Lehrer und Ärzte geimpft werden. Wie wird in Russland selbst über die äußerst rasche Entwicklung des Impfschutzes reagiert? Ein russischer Arzt erzählt, was er über die momentane Situation denkt und ob er sich selbst impfen lassen wird.

Russland steht momentan weltweit mit fast 928.000 Infizierten auf Platz 4 der Länder mit den meisten Corona-Infizierten. Aber wird es dort bald kaum noch Neuinfektionen geben? Präsident Putin ist von der Wirksamkeit des neuen Impfstoffs bereits überzeugt. Er beteuerte dessen Wirksamkeit und dass die notwendigen Tests durchlaufen wurden. Seine Tochter habe sich bereits damit impfen lassen. 

Auch die Aussagen auf der offiziellen Homepage des neuen, russischen Impfstoffes „Sputnik V“ klingen erstmal vielversprechend: Da es sich bei dem Mittel um einen sogenannten Vektor-Impfstoff handelt, konnte in der Entwicklung Zeit gespart werden und der Einsatz der verwendeten Vektoren gelte als sicher, da zu diesen bereits viele Forschungsergebnisse verfügbar sind. Bei dieser Art von Impfstoff wurden Viren, die normalerweise eine Erkältung übertragen, als Vektoren verwendet indem diesen die gefährlichen Krankheitsgene entfernt werden. Danach wurde stattdessen ein Gen des Coronavirus eingefügt, welches sicher für den Körper ist, ihn jedoch dazu veranlasst, Antikörper zu bilden. Die russische Impfung nutzt zwei verschiedene Vektorenarten, welche in zwei Dosen geimpft werden. Dies soll den Wirkungseffekt noch erhöhen. 

Die Website des Impfstoffs verweist auf Links zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die die Sicherheit und hohe Effizienz von Impfstoffen auf der Basis von adenoviralen Vektoren bestätigen und erklärt, dass der Impfstoff alle Phasen vorklinischer Studien durchlaufen und mit Experimenten an Tieren abgeschlossen habe. Die klinischen Studien der Phasen 1 und 2 wurden vor 2,5 Wochen ohne Nebenwirkungen und mit der gewünschten Immunantwort abgeschlossen, so die offiziellen Angaben.

Warnung von der WHO

Was jedoch als kritisch betrachtet wird: Die Phase 3 der Erprobung hat gerade erst parallel zur Zulassung begonnen. Zuvor wurden nur 75 Freiwillige geimpft. Sowohl die geringe Anzahl der getesteten Personen, als auch das fehlende Vorliegen einer großen klinischen Studie widersprechen dem normal üblichen Vorgehen bei der Entwicklung von Impfstoffen. Zwischen 5.000 und 50.000 Probanden nehmen normalerweise an den Studien der 3. Testphase teil, bevor ein Serum zugelassen wird. Treten bei einigen Teilnehmern Nebenwirkungen auf, kann dies hochgerechnet auf die Bevölkerung Tausende betreffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Russland daher kurz vor der Zulassung aufgefordert, sich an die Richtlinien für die Produktion sicherer und wirksamer Medikamente zu halten.

In Russland selbst gibt es geteilte Meinungen

Die Vereinigung der Pharmaunternehmen und Labore in Russland hatte das Gesundheitsministerium um eine Verschiebung der Zulassung gebeten, da nicht ausreichend getestet wurde und dies die Bürger unnötig in Gefahr bringen könnte. Auch dem Virologen Alexander Tschepurnow fehlen normale Studien und Publikationen, er warnt vor einer möglichen Verstärkung der Infektion in Abhängigkeit von Antikörpern, welche vorher erforscht werden müsse, wie die DW berichtet.

Der Chefepidemiologe  des russischen Gesundheitsministeriums, Nikolai Briko, berichtet jedoch der Nachrichtenagentur „Interfax“, dass es gegenwärtig kein Wundermittel gibt, das die Krankheit verhindern oder heilen könnte. Daher sei es wichtig, das zu nutzen, was die Menschen schützen kann, die ein erhöhtes Risiko einer Infektion haben. Er sehe daher keinen Anlass für eine Verzögerung der Zulassung.

“Ich werde mich bei der ersten Gelegenheit impfen lassen”

Dmitry Sek bei seiner Arbeit mit Covid-Patienten © DAZ

Dmitry Sek wohnt und arbeitet als Arzt in Russlands Stadt Smolensk. Auch er ist der Meinung, je schneller die Impfung eingeführt wird, desto mehr Menschenleben können gerettet werden. Die gesamte ungünstige Situation der Pandemie und deren gesundheitlichen Folgen haben dazu geführt, dass man sich für die Entwicklung und Einführung des Impfstoffes weniger Zeit gelassen habe. „Innerhalb der nächsten zwei Wochen werden die ersten Partien der Impfung an alle Regionen Russlands geliefert. Danach wird mit der Impfung von Risikogruppen begonnen: Medizinische Kräfte, Lehrer und Menschen im Alter von über 65 Jahren. Als Arzt nehme ich die Gefahr besonders wahr, da meine tägliche Arbeit mit COVID-19 Patienten zu tun hat. Ich möchte mich selbst und Menschen aus meinem näheren Umfeld schützen und werde mich bei der ersten Gelegenheit impfen lassen.“

Auf die Frage hin, wie die russische Bevölkerung hinter der Impfung steht, erklärt er, dass die Mehrheit der Menschen im Allgemeinen rücksichtsvoll ist, wenn es um Schutzimpfungen geht. Dennoch gibt es auch viele, die Impfungen generell misstrauisch gegenüber stehen. „Das Gesundheitsministerium in Russland berichtete, dass die Impfung gegen COVID-19 für die ganze Bevölkerung kostenlos und freiwillig sein wird. Es gab soweit ich weiß keine offiziellen Befragungen der Bevölkerung zur Impfbereitschaft, ich hoffe aber auf die Rücksicht der Menschen und dass sie die Richtige Wahl für ihre Gesundheit und die Sicherheit ihrer Mitmenschen treffen“.

Langsam abnehmende Infektionszahlen und Angst vor zweiter Welle

Sek berichtet, dass die Situation mit dem Virus in Russland aktuell besser geworden sei, die Krankenhäuser kehren langsam zu einem regulären Arbeitsalltag zurück. „Die Durchführung der Plan-OPs und Behandlungen kann wieder beginnen. Gleichzeitig besteht natürlich immer noch die Gefahr der Ansteckungen  und trotz der etappenweisen Lockerungen wird der Bevölkerung empfohlen, in öffentlichen Einrichtungen eine Atemschutzmaske zu tragen. Langsam öffnen hier die Einkaufscentren, Restaurants und Cafés wieder.  Die Infektionszahlen haben eine Tendenz zu sinken.“

Dennoch: Epidemiologen erwarten eine „zweite Welle“: „Nach der Wiederöffnung der Grenzen und des Flugverkehrs gehen viele Menschen in den Urlaub ins Ausland. Und bisher haben wir hier noch keine Quarantänepflicht für die Rückkehrer“, so Dmitry Sek.



Coronavirus in Augsburg: 628 Fälle bestätigt

Das Gesundheitsamt der Stadt Augsburg meldet neun weitere Covid-19-Fälle

Nachgewiesen wurden die Neuinfektionen bei Reiserückkehrenden aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, dem Kosovo, Italien und Spanien. Auch eine Kontaktperson eines bestätigten Covid-19-Falles wurde positiv getestet. – Insgesamt wurden in Augsburg bisher 628 Infektionen mit dem Coronavirus bestätigt. 571 von 628 Personen sind genesen, 41 sind aktuell erkrankt, 16 Personen sind verstorben.

In den vergangenen sieben Tagen wurden 43 Neuinfektionen im Stadtgebiet gemeldet. Das entspricht etwa 14,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen.