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Gesellschaft & Bildung

Rassismusdebatte: Fugger und Welser Erlebnismuseum verändert Konzept

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd brechen durch die Black Lives Matter-Bewegung Dämme, die für die Ewigkeit gebaut schienen. Selbst das erst 2014 eröffnete Fugger und Welser Erlebnismuseum muss einen “Schlag in die Magengrube” verarbeiten.

Von Siegfried Zagler

Rassistisch gestalteter Welser-Raum im Fugger Welser Erlebnismuseum © DAZ

Im Augsburger Fugger und Welser Erlebnismuseum lässt sich in Erfahrung bringen, wie der sagenhafte Reichtum der Augsburger Kaufmannfamilien zustande kam. Dabei wird nicht unter den Teppich gekehrt, dass, als den Welsern das heutige Venezuela unterstellt war, eben dort in den 28 Jahren ihrer Lehensherrschaft gemordet, gefoltert und mit Menschen gehandelt wurde. Und dennoch ist der Tonfall des “Erzählmuseums” voller Respekt und Bewunderung für die Genialität und Risikobereitschaft der Welser und der Fugger.

Dass die Fugger am Ablasshandel mitverdienten, Fürsten “schmierten”, Kinder in den Stollen ihren Bergwerken schuften ließen, die Niederschlagung der Bauernaufstände mitfinanzierten wird selbstverständlich angeführt. Und dennoch besteht kein Zweifel daran, dass das Fugger Welser Erlebnismuseum die Geschichte “Augsburgs goldener Zeit”, wie es im Eingangsbereich heißt, aus der Perspektive des Staunen und Bewunderns erzählt. In der Zeit, die im geistigen Sinn von der Renaissance und der Reformation geprägt war, waren 99 Prozent der Menschen bitterarm. Das Wirken der Fugger und der Welser hat daran nichts verändert.

In Tonalität und Dramaturgie von oben nach unten erzählt

Die Erfolgsgeschichte der Fugger wird im Augsburger Fugger und Welser Erlebnismuseum in einer Tonalität und einer Dramaturgie erzählt, als gäbe es nur Quellen aus den Erinnerungsfedern der Erzählmächtigen der europäischen Geschichte: Der Handel mit Textilien und Gewürzen, der Kunst – und auch der viel beschriebene Ablasshandel waren lediglich „Begleitgeräusche“ des kometenhaften Aufstiegs der Augsburger Fugger. Ihren schwer zu fassenden Reichtum erwirkten die Fugger durch Bergbau, Hüttenwerke und Montanhandel. Und auch die legendären Bankgeschäfte der Fugger waren mit der Montanwirtschaft in den Alpen und in den Karpaten verbunden. Vor allem Kupfer und Silber, Blei und Quecksilber machten die Fugger reich. Aber auch Gold, Zinn und Eisen gehörten zu den Metallen, die im Montankonzern der Fugger eine Rolle spielten. Standorte des fuggerischen Montanimperiums – Erzgruben, Hüttenwerke und Faktoreien – lagen in Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Polen, Tschechien und der Slowakei.

Das Metall der Fugger wurde auf Schiffen der Hanse und der Venezianer, der Spanier und vor allem der Portugiesen über Europa hinaus bis nach Afrika, Ostindien sowie nach Mittel- und Südamerika transportiert. Zentrale Umschlagplätze für die Metalle waren Venedig, Nürnberg und seit der Entdeckung der Seeroute um Afrika nach Indien vor allem Antwerpen. Das alles lässt sich mittels übersichtlicher Erzählblöcke in Erfahrung bringen.

Den Quecksilbergruben der Fugger und Welser wurden Sklaven zugeteilt

Die Monopolstellung und unglaubliche Kapitalanhäufung der Fugger wurden bereits von Zeitgenossen (erfolglos) angegriffen; Luther wetterte jedenfalls deutlich gegen die “verdammte Fuckerei”, die an der alten Kirche festhielt. “Man forderte diese Unternehmen zu zerschlagen, ihr Kapital und die Zahl ihrer Faktoreien zu beschränken sowie Kapitaleinlagen gegen Zins (Depositen) zu verbieten”, wie es im Museum im Wieselhaus heißt.

“In Südeuropa und in den Kolonien waren nichtchristliche Sklaven üblich. Sklaven arbeiteten in der Zuckermühle der Welser in Santo Domingo ebenso wie in ihrer Seifenproduktion in Sevilla. Den von den Fuggern und Welsern gepachteten Quecksilber- und Zinnobergruben von Almadén wurden Sklaven, Morisken und Häftlinge (…) zugeteilt.” Auch das ist im Museum zu lesen, doch im Gesamtkontext der Dauerausstellung wirkt das nebensächlich.

Im Gewölbekeller des Fugger und Welser Erlebnismuseums ist eine animierte Bergwerkskarte zu sehen: Die Karte zeigt in dieser Form erstmals zeitlich abgestuft und vor allem vernetzt die europaweite Verflechtung fuggerischer Erzgruben, Hüttenwerke und Transportwege einschließlich der Transportmittel – Saumpferde und Flößerei, Transporte auf der Achse zu Lande und per Schifffahrt über das Mittelmeer, über die Ost- und Nordsee und den Atlantik. Zeitlich gestaffelt werden dabei die Anfänge der Fugger im Goldbergbau im Salzburger Land um 1490, der Aufstieg des Konzerns durch die Kupfererzgruben in der Slowakei und in Tirol sowie die Dominanz des Augsburger Imperiums im europäischen Kupfermarkt dargestellt.

Mit interaktiver Erzähltechnik zeigt der „Indien-Tisch“ im Fugger und Welser Erlebnismuseum den Weg des Kupfers aus der heutigen Slowakei über die Ost- und Nordsee nach Antwerpen und via Lissabon nach Indien. Das Fuggerkupfer wurde in Antwerpen an portugiesische Seefahrer übergeben, damit waren die Geschäfte des Augsburger Unternehmens dort im Grunde abgeschlossen. Doch dass Kupferbarren mit der Handelsmarke der Fugger von den Portugiesen bis nach Afrika und Indien vertrieben wurden, hat viel zum Nimbus der Augsburger Familie beigetragen – auch wenn sie nach der ersten und einzigen Handelsfahrt in den Jahren 1505/06 vom König von Portugal aus dem Indiengeschäft gedrängt wurde und „nur“ noch unersetzlicher Zulieferer war. Der „Indien-Tisch“ – bei dem Museumsbesucher mit den Augsburger Fuggern und Welsern auf „Merfart“ gehen können – wurde durch die Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern gefördert.

In den Unternehmensberatersprech von heute transformiert

In den Unternehmensberatersprech von heute transformiert © DAZ

Mithilfe allerlei digitalem Schnickschnack erfährt man auf kurzweilige Art und Weise über die Strukturen der Augsburger Handelsimperien, erhält verdichtete Information, die in dieser Dichte überraschend schnell ermüdet. Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass sich das Museum redlich Mühe gibt, das gesamte Bild der ersten deutschen Weltwirtschaftsverflechtungen zu zeichnen, und sich dabei nicht selten im Banalen verläuft, wenn zum Beispiel im 2. Stock die Fähigkeiten und Entwicklungen der ersten Superkapitalisten in den Unternehmensberatersprech von heute transformiert und an die Wand geworfen werden: Eine zeitgenössische Form der politischen Kommunikation, die Bestechung, Rechtsbruch und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausblendet.

“In dem Raum, in dem es im Museum um die “Welser in Venezuela“ geht, kann von einer Aufarbeitung der Kolonialgeschichte nicht die Rede sein. Der Raum wird dominiert von einer Schiffsinstallation, von Frachttonnen und nautischen Geräten. Den Gästen wird die Perspektive des modernen reisenden Menschen angeboten. Demgegenüber sind die “Eingeborenen” von der Reeling des Schiffes aus als naiv gezeichnetes Wandbild zu sehen: Nackt winken sie ihren “Entdeckern” freudig zu.” – So beschreibt nicht ohne Sarkasmus der “Über die Banalität des Rassismus” promovierte Kulturwissenschaftler Mark Terkessidis den rassistisch gestalteten Welser-Raum im Fugger Welser Erlebnismuseum (Wessen Erinnerung zählt? – Hoffmann und Campe).

Von diesem Museum könne man vielleicht keinen reflektierteren Umgang bezüglich der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte erwarten, so Terkessidis, der in seiner sicher zutreffenden Bewertung “vielleicht” nicht berücksichtigt, dass die Aufarbeitung des Kolonialismus in der Fuggerstadt Augsburg nicht der konzeptionelle Anspruch ist, der von den Museumsmachern ursprünglich verfolgt wurde.

Regio-Chef Beck will “nachschärfen”

Unabhängig davon reagierte der in der Verantwortung stehende Götz Beck, der als Chef der Regio, die das Museum entwickelte und betreibt, auf die konkret formulierte Rassismus-Kritik sensibel und nahm umgehend die zuerst von der DAZ kritisierte “Perico-App” aus dem Portfolio. Diese App möchte Beck nun zusammen mit den Kritikern Ina Hagen-Jeske, Philipp Bernhard und Claas Henschel neu entwickeln. “Falls sie kein Interesse daran haben sollten, verschwindet die App eben komplett”, so Götz Beck im Gespräch mit der DAZ.

Auch in Sachen Dauerausstellung werde man “nachschärfen”, so Regio-Chef Beck, der sich am heutigen Dienstag mit dem Museumsteam darüber berät, was an der Dauerausstellung zu verändern sei. Möglicherweise wird die glorifizierende Sprache dort entrümpelt, wo es unumgänglich erscheint und dort die Kritik sprachlich verschärft, wo sie bisher zu beiläufig-flach daherkam. Denkbar sei auch, dass zusätzliche Stelen aufgestellt werden, die die Verbrechen des Kolonialismus verstärkt herausarbeiten. Möglich sei zusätzlich, dass die Globalisierungstransformation herausgenommen wird und das primitive Bild im Welserzimmer verschwindet. Außerdem sollen Vortragsreihen stattfinden, die die Kolonialisierungsunternehmungen aus dem Blickwinkel der Opfer thematisieren. Man denkt auch daran, eine digitale Bibliothek einzubauen, wie Texter Martin Kluger in einem Gespräch mit der DAZ verriet.

Für uns ist die Kritik “wie ein Schlag in die Magengrube”, so Regio-Mitarbeiterin und mitverantwortliche Museumsleiterin Katharina Dehner, da man sich im Kuratorenstreit durchgesetzt habe und über Dinge informiere, die sonst nirgendwo in Bayern thematisiert würden. “Aber wir nehmen die Kritik ernst, wir befinden uns in einem Work-in-Progress-Prozess und sind dabei, das Konzept umzuarbeiten.”