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Kommentar: Mohr oder Nichtmohr – Das ist nicht die Frage

Warum der Mohr gehen kann

Kommentar von Siegfried Zagler

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Es gibt unsterbliche Fixierungen in der Sprache, unabhängig davon, ob eine “Seele”, ein “Gott” oder ein “Sonnenuntergang” real existiert. Es handelt sich um emotionale Fixierungen, die sich tief in unser Bewusstsein eingelagert haben und als Kulturklammer Generationen verbinden und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Spätestens seit Kepler wissen wir in Mitteleuropa zum Beispiel, dass die Sonne nicht untergeht. Dennoch kommt niemand auf die Idee, die falsche Begrifflichkeit “Sonnenuntergang” abzuschaffen. Warum auch? Die Sonne wird sich nicht diffamiert fühlen, wenn man sie gegen den wissenschaftlichen Erkenntnisstand unter- oder aufgehen lässt. Und bei der Orientierung hilft dieses falsche Weltbild auch – nicht nur bei der Seefahrt.

Menschen reagieren auf falsche Zuschreibungen dagegen sensibel. Die pseudo-ethnische Bezeichnung “Neger” wurde von der schwarzen Befreiungsbewegung bereits in den Siebzigern  als rassistische Beleidigung markiert und bekämpft. Und im Lauf der Zeit verschwand dieser Begriff aus dem Sprachgebrauch, trotz hartnäckigem Widerspruch derjenigen, die sich “ihren Negerkuss” nicht nehmen lassen wollten. “They never called me nigger”, sagte Muhammad Ali als er gegen den Vietcong den Kriegsdienst verweigerte. Damit dämmerte selbst der deutschen Nachkriegsgeneration, dass mit der Zuschreibung “Neger” etwas nicht in Ordnung sein könnte.

Es besteht auch kein Zweifel daran, dass der Name “Drei Mohren” eine dunkle Phase der Zivilsationsgeschichte konnotiert, eine Phase, die nie ganz zu Ende gegangen ist und deren matter Spiegel allzu oft in die Gegenwart scheint. Die Umbenennung ist deshalb ein richtiger Schritt. Das “Drei Mohren” wird als historische Klammer weiter bestehen und jenseits der sozialromantischen Erinnerungskultur (Kinderfaschingsbälle) und jenseits der Märchenerzählung (drei Mönche) wird das Hotel im Sprachgebrauch weiter existieren – wie das Cafe Drexl oder der Magesberg.

Ob in Frankfurt Eschersheim (Mohrenapotheke) oder die “Mohrenstraße” in Berlin, die “Mohrengasse” in Ulm, oder bei “Pippi Langstrumpf”, wo der “Negerkönig” zum “Südseekönig” wurde, oder als der “Kleinen Hexe” die “Negerlein” aus dem Buch gestrichen wurden: Es ist immer das gleiche Prozedere: Die Verteidiger und Inhaber der Namensrechte müssen sich weniger Kritik gefallen lassen als diejenigen, die gegen rassistische Sprachhülsen vorgehen.

Die Illusion der “unbefleckten Empfängnis” ist nicht nur ein katholisches Konstrukt. Niemand lässt sich gerne sagen, dass etwas “altvertraut Eigenes”, besser: die Reinheit der Erinnerungsbiografie in der Moderne eine rassistische Konnotation erhalten hat. Rassismus-Kritik wirkt in den meisten Fällen in offenen Gesellschaften, wenn auch langsam: Das Verschwinden des “Mohrenkopfes” ist bekannt. Er wurde als “Schaumkuss” wiedergeboren. Mindestens ein Vierteljahrhundert hat sich ein großer Schokoladenwarenhersteller gegen die Kritik an seinem “Mohren-Labeling” gewehrt. Nun heißt der “Sarotti-Mohr” “Magier der Sinne”.

“Das Wort Mohr ist eine stereotypische Darstellung von schwarzen Menschen, und das sind nicht die schwarzen Menschen, die ich kenne. Und das bin ich auch nicht. Ich möchte als Individuum gesehen werden.” Das sagt Pearl Hahn, Stadtverordnete der Partei “Die Linke” in Frankfurt. Sie hat eine deutsche Mutter und einen kenianischen Vater. Das ist ernst zu nehmen.

Bei der Frage “Mohr oder Nichtmohr” geht es nicht um ein lokalpolitisches Phänomen. Der gesamtgesellschaftliche Wandel lässt sich auch in Augsburg nicht aufhalten. Europa, Deutschland ist offener und komplexer denn je, die von Jürgen Habermas bereits in den Achtzigern dahin geraunte “Neue Unübersichtlichkeit” ist Realität geworden.

Unsere Geschichte wurde von den Mächtigen in ihrer Zeit geschrieben. Vieles davon blieb bis heute kaum hinterfragt. Das geschieht nun – und dieser Prozess hat erst begonnen. Ihre Historizität ist das größte Kapital der Stadt Augsburg. Es zählt zu den großen Herausforderungen der Geschichtsschreibung, die Geschichte dieser Stadt zu hinterfragen und neu zu erzählen.