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Radentscheid: 12.819 gezählte Unterschriften – Aktivisten fordern Taten von Stadtregierung

Dem Bürgerbegehren “Augsburger Radentscheid” fliegen die Unterschriften zu. Verkehrspolitik der Stadt steht im Fokus der Kritik.

Symbolische Aktion vor dem Augsburger Rathaus: Drei Initiatoren des Radentscheids „hämmern“ ihre Forderungen an das Portal. Foto: © Max Hennemuth

Vor sechs Monaten ging das Aktionsbündnis „Fahrradstadt jetzt“ an die Öffentlichkeit, um bessere Rahmenbedingungen für den Fahrradverkehr in Augsburg durchzusetzen. Am 1. März startete die Unterschriftensammlung für das Bürgerbegehren „Fahrradstadt jetzt“. Die ersten 6500 Unterschriften waren innerhalb von 14 Tagen zusammen. Aber dann verordnete Corona eine dreimonatige Zwangspause. Seit Mitte Juni sind die Radaktivisten wieder auf Augsburgs Straßen. Am Klimacamp, auf dem Rathausplatz, in der ganzen Innenstadt, aber auch am Hochablass und an der Kulperhütte werden Unterschriften gesammelt. Laut eigener Zählung dieser Woche sind jetzt 12.819 Unterschriften auf den Listen eingetragen.

Jens Wunderwald, einer der Sprecher des Aktionsbündnisses berichtet: „Platz für Fußgänger und Radfahrer, saubere Luft und singende Vögel, das wünschen wir uns auch ohne Corona. Inzwischen ist das Geschichte, und der Autoverkehr hat Augsburg wieder im Griff. Wahrscheinlich schlimmer als zuvor. Für uns aber ist entscheidend: Wir können wieder Unterschriften sammeln. Wir haben gelernt, dass dies auch unter den aktuellen Auflagen geht. Und die Zustimmung ist riesig – das zeigt das Ergebnis unserer neuesten Auszählung.“

Bei der Rathausspitze wird die Zustimmung zwar angedeutet, ohne dass daraus konkrete Beschlüsse oder Maßnahmen resultieren würden, so jedenfalls der Eindruck auf dem Augsburger Klimacamp, dass den Radentscheid unterstützt. Die Aktivisten haben deshalb ihre Forderungen in einer symbolischen Aktion ans Augsburger Rathausportal geschlagen. Das Unterschriftensammeln ist noch nicht beendet. „Solange zwei Drittel aller Bürgerinnen und Bürger, die wir auf der Straße ansprechen, unser Radbegehren unterschreiben, wissen wir, dass wir erstens auf dem richtigen Weg sind und zweitens noch lange nicht alle Stimmberechtigten erreicht haben“, so Andreas Leitschuh von den „Parents for Future“. 

Viele Städte in Deutschland haben die Corona-Zeit genutzt, um großzügig neue Radwege auszuweisen. Oder, wie München, ehrgeizige Planungen für mehr Radinfrastruktur anzupacken. „In Augsburg ist leider praktisch nichts passiert in den letzten 12 Monaten“, so Arne Schäffler, Vorstand beim Radfahrverband ADFC und ebenfalls Sprecher des Aktionsbündnisses. „Es reicht nicht, in Interviews zu bekennen, dass Augsburg mehr Radwege braucht. Wir erwarten, dass endlich Beschlüsse gefasst werden für sicherere Kreuzungen und neue Radwege. Andere deutsche Großstädte beweisen, dass da viel geht in 6 oder 12 Monaten. Aber eben nicht Augsburg.“

Konkret mahnt das Aktionsbündnis an, dass die überholten Planungen rund um den Hauptbahnhof korrigiert werden. „Wir bedauern zutiefst, dass der Radverkehr bei der Untertunnelung des Hauptbahnhofs außen vor blieb“, argumentiert Schäffler. „Um so dringender ist, dass die Bahn endlich zusagt, die Posttunnel genannten Rampen zu den Gleisen 1-9 langfristig offen zu halten. Die wenigen Aufzüge zu den Gleisen werden nie in der Lage sein, den Andrang der Rad-Reisenden aufzunehmen. Und wenn sich MdB Volker Ullrich hinter diese Forderung stellt, sollte das für das Baureferat doch Anlass sein, die Verantwortlichen der Bahn zusammen mit uns an einen Tisch zu bekommen.“

Aber auch um den Hauptbahnhof herum passiert wenig. Schäffler erneuert die Forderung des ADFC, den Pferseetunnel in einer Fahrtrichtung für Kraftfahrzeuge zu sperren. Diese Fahrzeuge sollen dann die Schlettererstraße benutzen: „So gewinnen wir Platz für eine bessere Radverkehrsführung – und mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer“.

Dem Aktionsbündnis sei bewusst, dass die Verkehrsführung im Pferseetunnel auch von der Linienführung der neuen Tramlinie 5 abhänge. “Aber auch bei deren Planung scheint nichts voran zu gehen”, so das Aktionsbündnis unisono. „Ende 2019 sollten die Planungen genehmigungsreif sein. Stattdessen herrscht Schweigen im Dickicht der Planungsstäbe“. 

 



Nach öffentlicher Kritik: Fugger/Welser-Erlebnismuseum nimmt skandalöse App aus dem Betrieb

Bereits zu Beginn dieses Jahres monierten die Wissenschaftler Ina Hagen-Jeske, Philipp Bernhard und Claas Henschel bei der Museumsleitung des Fugger und Welser Erlebnismuseums eine App, die das Leben eines Sklaven in ein pädagogisch nicht verantwortbares Narrativ formt. Nichts geschah. Vor einer Woche veröffentlichten Hagen-Jeske, Philipp Bernhard und Claas Henschel ihre Kritik in der DAZ. Darauhin stieg die Augsburger Allgemeine ein und übernahm die Denkungsart der DAZ-Autoren – mit maximaler Wirkung: Der für die Inhalte des Musuems verantwortliche Regio-Chef Götz Beck ging gestern mit einer Stellungnahme in die Vorwärtsverteidigung und kündigte an, die App aus dem Portfolio des Museums zu entfernen. Die DAZ veröffentlicht die komplette Beck-Stellungnahme ungekürzt.

Stellungnahme von Tourismusdirektor Götz Beck zur Diskussion um die Museums-App des Fugger und Welser Erlebnismuseums:

Beschönigt ausgerechnet das Fugger und Welser Erlebnismuseum in Augsburg die Folgen und Auswirkungen von Sklavenhandel und Massenmord an indigenen Völkern? Diesen Eindruck könnte man bekommen, wenn man in den letzten Tagen die Berichterstattung über eine Museums-App dieses Hauses verfolgt hat. Wer jedoch diesen Vorwurf erhebt oder über Medien weiterträgt, hat die Vorgeschichte der Museumseröffnung entweder nicht mitbekommen oder mittlerweile vergessen beziehungsweise verdrängt.

Ich darf an folgende Tatsache erinnern: Im Jahr 2014 – kurz vor der Museumseröffnung – haben die ursprünglich von mir beauftragten beiden Kuratorinnen ihre Arbeit für das Museum im Streit niedergelegt. Auslöser für diesen Bruch war, dass sich das Fugger und Welser Erlebnismuseum kritisch mit der Kinder- und Frauenarbeit im frühneuzeitlichen Bergbau sowie nicht zuletzt mit der Geschichte des beginnenden Kolonialismus, mit dem transatlantischen Sklavenhandel sowie der Versklavung und Ermordung der indigener Bevölkerung in Venezuela und Kolumbien durch deutsche Kolonisatoren – Vertretern des Handelshauses der Welser – auseinandersetzen wollte (und dies dann auch verwirklichte).

Jedermann kann diesen kritischen Ansatz heute in Ausstellungstexten im Fugger und Welser Erlebnismuseum wiederfinden. Mehr noch: Dieses Museum stellt nur wenige Exponate aus. Aber jeder, der sie sehen will, sieht an einer Wand im Gewölbekeller des Museums, wo das Thema Montanwirtschaft behandelt wird, rund 20 kupferne oder bronzene Manillen. Solche Artefakte – gefertigt aus Kupfererz, das in Bergwerken in Tirol oder in der Slowakei abgebaut wurde, waren millionenfach Zahlungsmittel der Portugiesen beim Kauf von Sklaven an der Küste Westafrikas. Diese Themen werden also im Museum deutlichst und mitnichten unkritisch angesprochen. Dass wir explizit dafür seinerzeit sogar von zwei Seiten angegriffen worden sind, hat 2014 ausgerechnet ein Teil jener Medien völlig unkritisch und unreflektiert wiedergegeben, die uns nun für die Verharmlosung von Menschenhandel und dem Genozid an der indigenen Bevölkerung kritisieren. Jeder, der diese Diskussion fair und sachlich führen will, kann dies nachlesen (siehe: „Großer Streit um ein kleines Haus“, https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Grosser-Streit-um-ein-kleines-Haus-id31300917.html).

Haben wir also alles richtig gemacht? Ich muss einräumen: Nein, das haben wir nicht. Wir haben zunächst einmal unterschätzt, was man Kindern zumuten darf, soll und vielleicht sogar muss. Wir haben die Kritik aus der Wissenschaft zwar wahrgenommen und intern auch darüber diskutiert, und es ist klar, dass wir diese App in der kritisierten Form nicht mehr einsetzen werden. Die kritisierte App nehmen wir aus dem Museumsbetrieb: Wir werden sie unter Einbeziehung von Expertenrat überarbeiten und verbessern. Wenn ich mir persönlich Kritik gefallen lassen muss, ist dies – vielleicht – in einem Punkt: Ja, wir wissen seit einem halben Jahr, dass diese App verbesserungswürdig ist, und wir hätten in den Zwischenzeit auf diese Kritik reagieren können, möglicherweise müssen.

Auf einen anderen Punkt, und das ist keine billige Ausrede, darf ich dann aber doch verweisen: Dieses halbe Jahr waren die Monate der Corona-Pandemie, die der Tourismuswirtschaft so stark zugesetzt haben wie kaum einem zweiten Wirtschaftszweig dieses Landes. Wir haben in diesen Monaten intensivst gearbeitet und um Existenzen gekämpft, um jedes Hotelbett und um jeden Tisch in der Gastronomie. Wir mussten völlig neue Konzepte für den Tourismus und die Tagungswirtschaft erarbeiten.

Jeder, der in den vergangenen Monaten die Verzweiflung und die Überlebensängste von Hoteliers, Gastronomen und Dienstleistern in der Tourismusbranche mitbekommen hat, wird Verständnis dafür aufbringen, dass die sicher nicht geglückte Museums-App für uns nicht die erste Priorität hatte. Jetzt, da sich die Lage zwar noch nicht zu normalisieren, aber doch immerhin etwas zu entspannen beginnt, muss auch Zeit für solche Nachbesserungen sein. Und ich verspreche: Wir werden nachbessern – ich habe verstanden. Verstanden mit einer Ausnahme: Dass ausgerechnet dieses Museum mit seinem dezidiert kritischen Ansatz wegen Schönfärberei und Verharmlosung bekrittelt wird, ist angesichts seiner „Eröffnungsgeschichte“ ein kaum nachvollziehbarer Vorwurf.