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KOMMUNALWAHL 2020

Kommentar: Im Presseclub bei einer Sonntagsmatinee mit den OB-Kandidaten Wild, Wurm und Weber

Der Presseclub Augsburg lud unter dem Titel „WWW – Wer macht das Rennen?“ zu einer Matinee mit den drei OB-Bewerbern Martina Wild (Bündnis 90/ Die Grünen), Dirk Wurm (SPD) und Eva Weber (CSU). Themenschwerpunkte der von Anja Marks-Schilffarth (BR-Moderatorin) und Wolfgang Bublies (Vorsitzender Presseclub, Chefredakteur Augsburg Journal) gestalteten Diskussion waren Mobilität, Theatersanierung und Wohnungsnot. Außerdem ein Herr namens Martin Wendler.

Von Bernhard Schiller

Wolfgang Bublies, Eva Weber, Martina Wild, Dirk Wurm und Anja Marks-Schilffarth (v.l.) Foto: © Agentur Lima

Martin Wendler ist ein leidenschaftlicher Naturschützer und Fotograf aus der Region Augsburg. Die Augsburger Allgemeine berichtete über sein Engagement, sogar die Tageszeitung (taz) aus Berlin. Er beobachtet bedrohte Vogelarten und setzt sich für deren Schutz ein. Seine Fotografien sind zärtliche Dokumente der stillen Naturwunder vor unserer Haustür. Sonnenuntergänge, die ersten Frühlingsblüten, Kiebitze. 

Der Kiebitz ist eine bedrohte Art und Herr Wendler, so scheint es, auch. In der Kongresshalle sorgte er mehrfach für Unruhe. Erst stritt er mitten in der Podiumsdiskussion lautstark mit Umweltreferent Reiner Erben, was von vielen Besuchern zurecht als störend empfunden und unterbunden wurde. Dann, als das Publikum Fragen an die Kandidaten richten durfte, hielt Wendler einen in Folie eingeschweißten Artikel in die Höhe, den er – vermutlich im Jahr 1999 – im Augsburg Journal veröffentlicht hatte und forderte vehement eine Stellungnahme der drei großen W zu dem Umstand ein, dass auf der Augsburger Jagdmesse regelmäßig Produkte für die Großwildjagd in Afrika beworben werden. 

Irgendwann im Laufe von Wendlers ehrenvoller Tätigkeit zum Schutz der Natur scheint er eine Kränkung erlitten zu haben. Außenstehende können darüber nur mutmaßen. Den drei Bewerbern um das Amt der Stadtspitze sowie dem Moderator und Chefredakteur des Augsburg Journals ist Herr Wendler bekannt. 

Dirk Wurm reagierte zuerst. Aufgrund der persönlichen Färbung seines Anliegens sei hier und jetzt kein Platz für eine Diskussion, aber Herr Wendler sei eingeladen zum Austausch bei einem persönlichen Termin in Wurms Büro. Auch Martina Wild will Wendlers Anliegen aufgreifen und mit ihrem Parteikollegen Erben besprechen. Eva Weber verwies auf die vielen Antwortschreiben, die Herr Wendler bereits von der Messeverwaltung bekommen habe, womit der Fall für sie erledigt sei. Das Kontinuum zwischen bürokratischer Distanz und zuhörender Bürgernähe wurde damit von den drei großen W abgesteckt. Wendler, das kleine w, muss sich damit (vorerst) zufrieden geben. 

Von evidenten Kränkungen auf Seiten der drei Bewerber um die Leitung der Stadtverwaltung kann dagegen nicht gesprochen werden. Der Glanz auf dem Bild des harmonischen Trios, als das die drei noch in der Januar-Ausgabe der Neuen Szene verkauft wurden, hat inzwischen durchaus sichtbare Trübungen erhalten. 

Insbesondere Eva Weber vermied die inhaltliche Diskussion durch das wiederholte argumentum ad hominem. Etwa als sie die Frage, welche Vorschläge zur Verkehrspolitik sie habe, mit einem Verweis auf das Fehlen von Florian Freund (SPD) bei einzelnen Sitzungen beantwortete. Die eigentliche Antwort blieb sie dagegen schuldig. Es sei denn, Webers Feststellung, die Parkhäuser aus den 1970er Jahren böten nicht ausreichend Platz für heutige Autobreiten, darf als Argument interpretiert werden. Dirk Wurm sprach sich dafür aus, den ÖPNV attraktiver machen und pochte mehrfach auf günstigere Tarife unter dem Einsatz von Steuermitteln. Martina Wild machte auf ein bemerkenswertes Missverhältnis aufmerksam. Während die Parkgebühren in Augsburg in den vergangenen zwölf Jahren nur einmal erhöht worden seien, diese Erhöhung durch die „Semmeltaste“ aber wieder ausglichen wurde, seien die Tarife für den ÖPNV kontinuierlich angehoben worden. 

Wild will die autofreie Innenstadt. Sie sagt, dabei müssen die Interessen der Anwohner berücksichtigt werden. Für Moderatorin Marks-Schilffarth Anlass, Wild eine Politik der „Umerziehung“ zu unterstellen. Immerhin ein Begriff, mit dem AfD-Politiker andauernd gegen die Grünen polemisieren und der bestimmte Maßnahmen in Heimen und Lagern menschenfeindlicher Systeme umschreibt.

Dass sie nicht nur ein Herz für zu überbreite Autos bzw. deren Besitzer hat, bewies Eva Weber beim Thema Wohnungsnot. Anders, als es oft dargestellt würde, seien Vermieter keine Unmenschen, verriet sie dem Publikum. Außerdem würden aktuell tausende neue Wohnungen für, so Weber wörtlich, „neue Augsburger“ gebaut. Kein Wort zu alten Augsburgern, die unter steigenden Mieten leiden und konkret vom Verlust ihres Wohnraums bedroht sind. Und kein Wort zu anonymen Immobilienkonsortien, die mit einfachen Vermietern soviel gemeinsam haben, wie Amazon mit einem Tante-Emma-Laden. 

Wurm und Wild wussten immerhin von den Bedürfnissen der leidtragenden Mieter zu berichten. Weber legte dagegen nahe, dass die Mietpreissteigerungen durch energetische Sanierung und demnach grüne Politik vorangetrieben wurden. Das konnte Wild natürlich nicht so stehen lassen und so verwies sie aufs europäische Ausland, wo es möglich sei, Betondecken dünner zu bauen als hierzulande. Dünnere Betondecke, geringere Baukosten, geringere Miete. Logisch. Bis zu diesem Moment hatte Eva Weber Missbilligungen aus dem Publikum allein für sich gepachtet.

Was die dringendste Problematik für die Stadt Augsburg sei, wollten die Moderatoren des Presseclubs noch von jedem der Kandidaten wissen. Dirk Wurm verzichtete auf eine eindimensionale Festlegung und zeigte stattdessen auf ein Exemplar des Wahlprogramms seiner Partei. Martina Wild Wild antwortete seufzend: „Der Klimawandel.“ Für Eva Weber steht das Thema Digitalisierung über allem. Das sagte sie nicht nur an dieser Stelle. Eine digitalisierte Verwaltung werde alles einfacher machen. Wörtlich sagte Weber, dass „sich alle ändern müssen“, um bei der Digitalisierung mitzuhalten. Alle. Ändern. Müssen. 

Warum Frau Marks-Schilffarth mit dieser Formulierung kein totalitäres Umerziehungsprogramm assoziierte, blieb am Ende offen.



Polit-Thriller auf der Brechtbühne

Mit der Uraufführung des Recherchestückes “Auf dem Paseo del Prado mittags Don Klaus” bringt das Staatstheater Augsburg ein spannendes Stück Dokumentationstheater auf die Bühne

Von Halrun Reinholz

Auf dem Paseo del Prado mittags Don Klaus – Foto © Jan-Pieter Fuhr

Der Titel ist sperrig und macht zunächst nicht viel Lust, sich auf den (über drei Stunden dauernden) Theaterabend einzulassen. Doch bei näherem Hinsehen wird die Neugierde geweckt. Klaus Barbie, der berüchtigte „Schlächter von Lyon“, war, das ist manchen bekannt, nach dem Krieg für den amerikanischen Geheimdienst in Augsburg tätig. Danach gelangte er, auch unter aktiver Mitwirkung der katholischen Kirche, nach Bolivien, wo er aufgespürt und schließlich 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In seinem Fall waren das gerade noch vier Jahre, die er vor seinem Tod absitzen musste. Soweit die dürren Fakten, die, wenn überhaupt, noch  im heutigen kollektiven Bewusstsein sind.

Dem Inszenierungsteam “Futur II Konjunktiv” ist es ein Anliegen, den Einzelheiten solcher Fälle auf den Grund zu gehen. 2014 haben sich Mathias Naumann und Johannes Wenzel unter diesem Namen zusammengeschlossen, um das Ergebnis ihrer soliden Recherchen in eine theatrale Ausdrucksform zu bringen. Nun eben den Fall Klaus Barbie ins Augsburger Theater.

„Irgendwas stimmt hier nicht, also in größerem Zusammenhang“, ist die Prämisse, die eine Kette von unglaublichen Vorkommnissen wie einen Polit-Thriller vor den Zuschauern ausbreitet. Der Plot entwickelt sich anhand von drei zentralen Figuren: Klaus Barbie kann in Diensten des amerikanischen Geheimdienstes seine Kenntnissen und seine Vernetzung zunächst in Augsburg anwenden. Als seine NS-Vergangenheit den Amerikanern zu heiß wird, sorgen sie für seine Abschiebung nach Bolivien, wo er mit seiner Familie unter der neuen Identität die Geheimdienste der wechselnden Militärdiktaturen schult und gleichzeitig sein Netzwerk aus Nazi-Zeiten weiter pflegt. 

Eine weitere Protagonistin ist Monika Ertl, Tochter des NS-Kameramannes Hans Ertl, die ebenfalls in Bolivien aufwächst, wo ihr Vater Minenbesitzer ist. Barbie kennt sie als „Onkel Klaus“, einen Freund ihres Vaters. Die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft führt sie in den späten 1960er Jahren zu der einst von Che Guevara gegründeten linksrevolutionären Guerillaorganisation ELN. Als Rächerin von Che Guevara ermordet sie Roberto Quintanilla Pereira, der seinerzeit für dessen Ermordung verantwortlich war. 

Der Bolivianische Geheimdienst (unter maßgeblicher Mitwirkung von Klaus Barbie) sorgt dafür, dass sie mit nur 35 Jahren („das Durchschnittsalter eines Bergmanns in Bolivien“) liquidiert wird. Die dritte  Figur des Plots ist Michel Cojot-Goldberg, der in Lyon als Kind die Verhaftung und Deportation seines Vaters durch Klaus Barbie miterleben musste. Auch er gelangt beruflich nach Südamerika und wird mit der dort kaum verhohlenen Nazi-Szene konfrontiert („Mit der Zeit sieht man, Nazis sind überall“). Als er die wahre Identität von Klaus Altmann erfährt, will er Rache nehmen. Als Journalist getarnt sitzt er ihm gegenüber, zieht aber die Waffe nicht. Erst Serge und Beate Klarsfeld gelingt es, durch ihre hartnäckige Recherche die Auslieferung und den Prozess gegen Barbie zu erwirken, der schließlich zu seiner Verurteilung führt.

Naumann und Wenzel bringen diese Erzählstränge nicht linear, aber in schnellen Szenen schlüssig auf die Bühne. Da es sich um Dokumentartheater handelt, sprechen die Fakten, was den Zuschauern, aber vor allem dem Schauspielteam, ein Höchstmaß an Konzentration auf sehr viel Text abverlangt. Es handelt sich dabei jedoch nicht um philosophische Überlegungen (wie es die Grundfrage um Recht und Gerechtigkeit nahelegen könnte), vielmehr werden die Geschehnisse in fast comichaften (und durchaus manchmal auch komischen) Szenen rekonstruiert. 

Den Hauptakteuren sind zwar feste Rollen zugeordnet, doch stellen alle Darsteller wechselweise mit schneller Verkleidung auch andere Figuren dar. Thomas Prazak  gibt im Brustton der Überzeugung Klaus Barbie, Marlene Hoffmann verkörpert Monika Ertl, Roman Pertl und Sebastian Müller-Stahl teilen sich (auch, indem sie immer mal ihre Sakkos und Jacken tauschen) die Rolle von Michel Cojot-Goldberg, letzterer verkörpert aber auch  den fürsorglichen Ehemann Serge Klarsfeld, dessen Frau Beate (Karoline Stegemann) den Fall Barbie schließlich zum Gerichtsfall werden lässt.

Gerald Fiedler gibt generell (und nicht ohne Komik) den Typen im steifen Hut ab, Kurt Merk, aber auch Staatsanwälte und sonstige Beamte. Das Bühnenbild von Christina Nyffeler ist ein raffiniertes Arrangement in rosa, das sowohl an ein Schwimmbad (oder an einen Folterkeller), als auch im rechten Teil mit Säulen an einen Gerichtssaal erinnert. Unebenheiten erschweren die allzu glatte Spielweise. Trotz der hohen Textdichte und der langen Dauer wirkt die Aufführung nicht langatmig. Keine Fiktion hätte einen besseren Thriller-Effekt als die nackten Fakten, die einem um die Ohren fliegen – als hohe Theaterkunst. Der lange Applaus des Premierenpublikums zeigt, dass der Nerv getroffen wurde.