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Brechtfestival: Schwejk im Nebel der Verfremdung

Große Erwartungshaltung bei der Schauspielpremiere zum Brechtfestival: Armin Petras verwob den braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hasek mit der Arbeit an Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“. In Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen Prag entstand auch noch eine (zweisprachige) „Spurensuche“ nach Hasek und Schwejk im Tschechien der Gegenwart. Aus den vielversprechenden Ideen entwickelte sich einiges, aber leider kein schlüssiges Gesamtkonzept.

Von Halrun Reinholz

Den echten Schwejk  gibt es nicht… © Jan-Pieter Fuhr

Eine Frau in „militärischem“ (an Mao-China erinnernden) Uniform-Look telefoniert, liest aus Brechts Arbeitsnotizen vor, aus seinem Briefwechsel mit Erwin Piscator, dem Regisseur, der Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“ verfilmen soll. Oder aus seinen Briefen an Hanns Eisler und Ruth Berlau, die die Arbeit am „Schwejk“ betreffen. Eva Salzmanova gibt Brecht mit Brille, Schiebermütze und Zigarre. Sie  gehört zum Team der Prager Schauspieler, die an dieser Uraufführung beteiligt sind und zeigt, mal tschechisch, mal deutsch sprechend (wie ihre Kollegin Sarah Havacova und ihr Kollege  Tomas Milostny übrigens  auch), hohe Professionalität und Theater-Erfahrung.  Selbst der Hund gehorcht ihr aufs Wort. Bemerkenswert in diesem Teil die expressionistisch verfremdete, stark überspielte Interpretation der Brecht-Eisler-Songs, die einen Bezug zu Prag haben: „Das Lied von der Moldau“  und das Lied mit dem Witwenschleier („Und was bekam des Soldaten Weib?“).  

Der dreiteilige Theaterabend startet mit Brecht und seinem Stück über Schwejk im Zweiten Weltkrieg, aber eigentlich geht es um Jaroslav Hasek und die Figur des Schwejk, oder vielmehr Svejk, der für Tschechen Kult-Charakter hat.

Eva Salzmanova als Brecht © Jan-Pieter Fuhr

Jaroslav Hasek ist der zweite Teil der Produktion gewidmet. Hier wird viel Film gezeigt, gedreht wurde in Prag. Völlig unnötigerweise wird zum Einstieg die chaotische „Arbeitsatmosphäre“ am Set filmisch gezeigt, was allerdings Aufschluss über Petras wohl sehr spontane Arbeitsweise gibt. Die Ensemble-Schauspieler aus Augsburg (Anatol Käbisch, Andrej Kaminsky,  Jonas Koch und Katja Sieder) sind mit nach Prag gereist, um gemeinsam mit den dortigen Kollegen  Szenen aus dem bewegten und wohl extremen Leben von Jaroslav Hasek anhand seiner (eigenen und fremden) Biografien auf die Bühne zu bringen. 

Die autobiografischen Passagen sind zum Teil so surreal, dass sie wie absurdes Theater anmuten. Anatol Käbisch spricht auf der Bühne einen entsprechenden Monolog, den er virtuos mit Radschlägen und akrobatischen Verrenkungen flankiert. Einer der starken Momente der Inszenierung. Auch sonst lernen wir Jaroslav Hasek als Mensch der Extreme kennen – ein Deserteur, Anarchist, Bigamist, starker Trinker und manischer Schreiber begegnet dem Publikum auf der Bühne und in drastischen Bildern auf der Leinwand.

Der dritte Teil inszeniert einen Text der tschechischen Schriftstellerin Petra Hulova, wo es um die Bedeutung von „Svejk“ für die tschechische Identität geht. Es ist für das deutsche Publikum nicht so ohne weiteres nachvollziehbar, dass es sich um einen Nationalhelden handelt – durchaus im ambivalenten Sinne, vielleicht auch um einen Antihelden, wie eben Schwejk auch in Haseks Roman alles andere als ein strahlender Held ist. Aber ein Böhme eben. Petra Hulova lässt ihn monologisieren über die „mit Watte ausgelegte Streichholzschachtel, diese tschechische Miniausgabe der Welt ohne Meere“, wo die Liste der Berühmtheiten überschaubar ist: Havel, Kundera, Karel Gott (der wird in der Inszenierung dem Text hinzugefügt, denn kein Tscheche ist bei den Deutschen wohl  bekannter als er).

Aber Schwejk, das glaubt er zumindest selber, ist von allen Tschechen der berühmteste. Hulovas Text macht sich auf die Suche nach dem „Wesen“ von Schwejk, bei Petras entsteht eine Casting-Show daraus – zwanzig Männer und Frauen im bunten Radlerdress mit Nummern am Rücken wetteifern vor einer skurrillen „Frauen-Jury“ darin, der „echte“ Schwejk zu sein. Auch wenn diese Menge an Statisten beeindruckend ist, der Dramaturgie schadet sie. Die zunehmend nervigen Sprechchöre lenken von Hulovas pointiertem Text eher ab, als ihm Nachdruck zu verleihen. Viel Slapstick, inklusive sexistischer Anspielungen, soll das kompensieren. Die Botschaft wohl letztlich: Den echten Schwejk  gibt es nicht. „Sie entsprechen leider keinen Vorgaben, Herr Schwejk. Böhmen setzt sie vor die Tür.“ Was Schwejk freut, denn vor der Tür, „an der frischen Luft“, kann er das tun, was er am liebsten macht: Menschen gucken.

Die bunte Casting-Show bringt diese Erkenntnis, das Ergebnis der Identitätssuche, nicht wirklich zu den Zuschauern. Und auch in den anderen beiden Teilen der Inszenierung überwiegt das Drastische, teils Obszöne. Das ist schade, denn das Team leistete gute Arbeit. Johannes Cotta richtete die Musik von Hanns Eisler hervorragend ein, Rebecca Riedel war für die opulenten Filmszenen verantwortlich, Patricia Talacko für Bühne und Kostüme.  Und die Darstellerinnen und Darsteller beider Theater überzeugten durch gestenreiches bis clowneskes Spiel. Schwejk, der am Anfang des Stückes als lehmverschmierter Golem da steht und zum Schluss im Radlerdress blödelt – der Bogen, der da gespannt wird, will alles mitnehmen und wirkt dadurch überspannt.



“Eine aus dem vorigen Jahrhunderts stammende Förderstruktur” – Kommentar zur Augsburger Kulturpolitik

In den 12 Jahren der Gribl-Ära scheint die Gestaltungskompetenz der Augsburger Kulturpolitik 2020 auf dem Nullpunkt angekommen zu sein. Zwei Kulturreferenten ohne Weitsicht und Visionen haben der kulturellen Identität der Stadt zugesetzt und die Stimmung unter den Kulturschaffenden vereist.  

Peter Grab und Thomas Weitzel waren und sind Untergeher, die nie begriffen haben, wie ihr Job geht. Grab wollte immerhin schlechte Kulturpolitik machen. Was Weitzel wollte/will, blieb bisher verborgen. Er war lange ein getarnter CSU-Referent, der zwar in die CSU-Kasse einbezahlte, aber nach außen so tat, als sei er überparteilich unterwegs. Die Bilanz seiner Amtszeit ist gezeichnet von repressiven Gutachten und beflissener Verwaltungsarbeit im stillen Einverständnis mit der CSU. Sein unpolitisches Dahinwursteln, sein Bürovermächtnis könnte zu der These führen, dass man in Augsburg keinen speziellen Kulturreferenten braucht – und diese Stelle mit einem erweiterten Kultur/Bildungsreferat abschafft. Peter Bommas spricht in seinem Kommentar von einem schwarzen Loch. Es ist schlimmer! (sz)

Kultur als kommunalpolitische Leerstelle – ein kleiner Rundumschlag zu einem Fiasko

Kommentar von Peter Bommas

Zum wiederholten Mal ist kulturelle Stadtentwicklung und deren Stellenwert für die Stadtgesellschaft im Kommunalwahlkampf ein großes schwarzes Loch. Mit Ausnahme eines gelegentlich verschämten Hinweises zur  problematischen Finanzierungssituation bezüglich der Theatersanierung gab es bisher im Wahlkampf keine Statements in Sachen Kultur, keine Ausblicke in zukünftige Szenarien. Der Begriff „Kultur“ ist weder auf Plakaten noch in Interviews oder auf Netzplattformen zu lesen.

Offene Kulturbaustellen

Das steht im krassen Widerspruch zu den vielen offenen Kulturbaustellen: Der Entwicklungsplan zur Museumlandschaft dümpelt unter  Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin,  die Ausstellungssituation für moderne Kunst ist unterirdisch und ungeklärt, die gehypte Entwicklung des Gaswerks zum Kreativzentrum steckt in einer veritablen Krise, Szene- und Subkultur werden konzeptionell und finanziell ausgegrenzt, seit Jahren gibt es kein Filmfestival mehr in der Stadt. 

Das Brechtfestival leidet an popkultureller Beliebigkeit (Berliner Brot und Spiele Ideen), Respektlosigkeit gegen über dem lokalen Publikum (Stars die nicht liefern), literaturtheoretischer Konzeptlosigkeit (Brecht wird verhökert, das Brechthaus wird ausgegrenzt), Etatproblemen und zu kurzfristiger Planungsvorgabe. Es braucht eine neue Festivalidee!

Das einzigartige, partizipative und interkulturelle Friedensfestival muss nach politischen Eingriffen jedes Jahr aufs Neue nach seinem endgültigen Format suchen, die Idee von einem literarischen Zentrum mit Strahlkraft verpufft im Klein-Klein der Stadtbücherei, die von der Politik so hofierte Bedeutung der kulturellen Bildung als Querschnittsaufgabe ist in der Versenkung verschwunden und die schon lange geführte Diskussion um ein „Artist-In Residence“-Projekt im Brechthaus versickert wieder in den politischen Kanälen. Zu guter Letzt noch die „Augsburger Krankheit“: Seit Jahrzehnten gelingt es nicht, den Posten für kulturelle Gestaltung – das Kultureferat – durch eine Ausschreibung interessant, innovativ und zukunftszugewandt zu besetzen.

Und gleichzeitig hat es die Politik der übergroßen Koalition geschafft, die zahlreichen, von vielen hundert Bürger*innen  wahrgenommenen Teilhabeprojekte der „Bürgerwerkstätten“ – zum Theater, zum Gaswerk, zur Museumslandschaft, zu den Konversionsflächen – durch die weitgehende Nichtberücksichtigung der Ergebnisse ad absurdum zu führen. Ein besseres Beispiel für die „Mitmach-Falle“ als Augsburger Modell für misslingende Partizipation gibt es bundesweit nicht. Ganz zu schweigen von der inzwischen total überholten, aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammenden kulturellen Förderstruktur.

Desolate Förderstruktur

Der Kulturetat in Augsburg beträgt zur Zeit zirka 32 Millionen. Die Fördersituation ist unübersichtlich, intransparent, von Traditionen und parteipolitischen Deals geprägt und beruht auf einem in den letzten 30 Jahren entstandenen und nie nachhaltig hinterfragten „Vier-Klassen-Förder-System“, das wenig Spielraum für Neues, Unerwartetes etc. lässt und partizipative, temporäre Formate wie kreative Zwischennutzungen und Pop-Up Projekte sowie szenekulturelle und transkulturelle Diskurse komplett negiert.

Im Haushalt festgeschrieben und jeder Diskussion entzogen, gleichgültig ob noch up to date oder in ihrer schieren Existenz einfach überholt, sind die sakrosankten städtischen Kultureinrichtungen Theater, Kunstsammlungen, Museen, Stadtarchiv, Brechthaus, Mozarthaus, Kulturhaus Abraxas und seit der letzten Legislaturperiode auch die wieder unter kommunaler Hoheit betriebene Kresslesmühle.

Ebenso über jede Diskussion erhaben und im städtischen Haushalt einfach immer fortgeschrieben sind die kulturellen Einrichtungen, die seit den 80er Jahren quasi städtische Aufgaben wahrnehmen – über langfristige Verträge, teilweise mit Querfinanzierung aus Sozial- und Kulturetat – Bürgerhaus Kreßlesmühle, Puppenkiste, Friedensfest, Lange Kunstnacht. Diese beiden Förderstufen verschlingen über 90% des Kulturetats.

An dritter Stelle der Förderhierarchie rangieren Einrichtungen, Projekte, Festivals (seit Ende der 80er Jahre), die über konkrete Leistungsvereinbarungen mit Ein- oder Mehrjahres-Verträgen ausgestattet sind und regelmäßig neu ausgehandelt werden müssen. Beispiele: dafür sind die Kinder- und Jugendtheater im Abraxas, der BBK, das Modularfestival, Mozartfestival, Brechtfestival, S’Ensemble-Theater, LAB30, Klapps Figurentheater Festival, Jazz-Sommer, BlueSpot Production.

Und ganz am Ende der Fördertreppe steht die sogenannte, jährlich immer dünner werdende, Projektförderung für die freie Szene in mittlerer fünfstelliger Höhe, jährlich zu beantragen, z.B. Taubenschlag, Raumpflegekultur, Stadtraum e.V., Klubkommission, KUKI e.V., Theaterwerkstatt, Karmann e.V., Tether, Just Kids Festival, Ganze Bäckerei, Unser Haus e.V.  etc. – hier unten gelangen also knapp 0,25 % des Gesamtetats an, obgleich hier die interessantesteen und innovativsten Entwicklungen stattfinden.

Fatale Mechanismen

Richtige Planungssicherheit (natürlich innerhalb des Haushalts) haben nur die Förderstufen 1 und 2. Die zur Förderstufe 3 gehörenden Einrichtungen, Projekte, Festivals unterliegen immer den anteiligen Haushaltskürzungen (im Vertrag festgeschrieben), haben Chancen auf eine Zuschusserhöhung eigentlich nur vor oder nach Kommunalwahlen und sind ansonsten auf die Wahrung des status quo ausgerichtet.Konsequenz aus dieser Förderstruktur ist das Buhlen um politischen Einfluss, um aus der Stufe 4 in die Stufe 3 aufzusteigen und das politische Lavieren der in Gruppe 3 regelmäßig vor neuen Vertragsverhandlungen stehenden Projekte – siehe Diskurs um Förderung von BlueSpotProductions und der Kindertheater. 

Der Aufstieg aus der Stufe 3 zur Stufe 2 ist in den letzten 20 Jahren keiner Einrichtung gelungen, früher übliche 5-Jahresverträge sind politisch zur Zeit nicht erwünscht, weil sie oft über einen Regierungswechsel hinaus Kontinuität garantieren würden und so nicht Verhandlungsmasse sein würden. Darüberhinaus hat die Biennale-Regelung zusätzlich Unsicherheit in dieses System gebracht, das auch von der „Dachmarken-Philosophie“ noch überlagert wird: Je nach politischer Ausrichtung werden neue Prioritäten gesetzt (siehe die Mozart-Diskussion, die permanente Diskussion zum Thema Frieden und Interkultur,  Brechtfestival, Modular). Für eine grundsätzliche Neuausrichtung, kreative Ideen und kurzfristig lancierte, partizipative Module (Green Belt, Bohnenfestival, Contemporallye etc.) fehlt die Struktur, der Etat und letztlich der politische Wille.

Eine transparente Förderstruktur, die Tradition mit Innovation verbindet, benötigt völlig andere Voraussetzungen, andere Förderschwerpunkte und deshalb einen kulturpolitischen Fahrplan, der über Wahltermine hinaus Ziele und Wege definiert, der genügend Mittel für innovative Projekte bereithält, von traditionellen Einrichtungen mehr Synergien einfordert, eben einen echten, politisch gewollten Kulturentwicklungsplan und keine Alibiveranstaltungen. Möglicherweise gibt es eine Chance auf Veränderung nach der Kommunalwahl 2020. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt.