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BRECHTFESTIVAL

Festival: Brecht im Bild

In der Filmreihe zum Brechtfestival zeigt das Liliom Brechts letzten Urlaubstag kurz vor seinem Tod

Von Halrun Reinholz

Filmplakat aus dem Jahr 2000

Auch beim diesjährigen Brechtfestival tritt der unermüdliche Leiter des Brecht-Kreises Dr. Michael Friedrichs in Erscheinung, um Brecht in all seinen vielen Facetten darzustellen. Im historischen Ambiente des Liliom-Kinos zeigte eine Filmreihe Brecht in drei verschiedenen Produktionen: Erstens als Drehbuchautor bei dem Fritz-Lang-Film „Hangmen also Die“ aus dem Jahr 1943. Zweitens als Hauptperson in Jan Schüttes fiktionaler Filmerzählung über den letzten Urlaubstag der Brechts in Buckow im Sommer 1956. Und schließlich als Regisseur bei der 1950 entstandenen Inszenierung des Stückes „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz, die mit großem Aufwand minutiös fotografisch dokumentiert worden ist. 

Nach einem Konzept von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sind diese Fotos von Schauspielern des Deutschen Theaters live synchronisiert worden.

Jan Schüttes „Abschied – Brechts letzter Sommer“ aus dem Jahr 2000 erzählt den letzten Urlaubstag Brechts im Ferienhaus in Buckow und liefert gleichzeitig ein vielschichtiges Bild der Beziehungsgeflechte rund um Brecht, der von Josef Bierbichler etwas bayrisch-behäbig dargestellt wird. „Jan Schütte hatte bei der Besetzung die geradezu geniale Idee, Sepp Bierbichler den Brecht spielen zu lassen. Auf den ersten Blick sieht er zu massiv aus, seine körperliche Präsenz wirkt stärker als die intellektuelle: Aber gerade damit wird die Widersprüchlichkeit dieses Mannes noch gravierender, lässt seine Krankheit ihn stets etwas eingebildet und allürenhaft aussehen – und macht es der Umgebung leichter, Brechts Gesundheitszustand zu ignorieren. Bierbichlers optische Unähnlichkeit bewahrt den Film zudem vor jenem Imitations-Effekt, der so viele ‚biopics‘ unterschwellig immer ein wenig zum Kuriosum macht.“ So die Süddeutsche Zeitung nach der Premiere im September 2000.

Monica Bleibtreu ist eine überzeugende Verkörperung von Helene Weigel, die in dem Ferienhaus das Regiment führt. Denn anwesend sind außer der Tochter Barbara (verkörpert von Birgit Minnichmayr) auch etliches weibliches Begleitpersonal des großen Brecht – die in die Jahre gekommene und alkoholabhängige Ruth Berlau (Margit Rogall), die treue „Sekretärin“ Elisabeth Hauptmann (Elfriede Irrall), die junge Schauspielerin Käthe Reichel (Jeannette Hain) und die hübsche Isot Kilian (Rena Zednikova) und ihr Mann, der politische Rebell Wolfgang Harich, der „in Abstimmung mit Moskau“ die Absetzung von Walter Ulbricht plant und mit Brecht über dessen politische Feigheit diskutiert. 

Im übrigen teilt er jedoch viel mit dem Dichter, auch seine Frau, „da bin ich vollkommen unbürgerlich“, wie er bekennt. Die menschlich-erotischen Konstellationen konterkarieren die politischen und Brecht wird zunehmend kranker, sein Herzleiden wird nur wenige Tage nach seiner Rückkehr nach Berlin zum Tod führen. 

So wirkt der Film wie eine Bestandsaufnahme, ein Vermächtnis. Nicht zuletzt auch durch einen Brückenschlag in seine Jugend, der über den Kunstgriff einer Gruppe junger Pioniere erfolgt, die den „Genossen Brecht“ mit einem Gedicht erfreuen: Erinnerung an die Marie A. „Weinst du?“, fragt die junge Schauspielerin Käthe erstaunt. „Mir ist nur was ins Aug gekommen“, wehrt er ab.

In seiner Einführung erinnert Michael Friedrichs daran, in welchem Zeitgeist der Film entstanden ist. Nach der Wende, als man dachte, die Konflikte zwischen den Blöcken seien, wie diese selbst, für immer verschwunden. Der hohe Symbolgehalt des Films entrückt ihn aber auch der Realität. Barbara Brecht-Schall verwehrte sich seinerzeit dagegen, dass dieses gesamte „Personal“ gleichzeitig in Buckow gewesen sein soll. An Birgit Minnichmayr als ihr „alter Ego“ ließ sie zudem kein gutes Haar.

Und Werner Hecht, der Biograf Brechts, kritisierte ebenfalls die konstruierte Person Brecht, den er von Bierbichler schlecht verkörpert sah. Wie auch immer, der Film mit hochkarätiger Besetzung zeigte den Festivalbesuchern über Brecht und sein Begleitpersonal ein Stimmungsbild der DDR am Vorabend der Revolution in Ungarn, das Persönliches und Politisches wirksam verwebt



KUNST IM SCHAEZLERPALAIS

Ausstellung: Kunstschätze der Zaren / Meisterwerke aus Schloss Peterhof geht in die Verlängerung

Wer den Zumutungen des Alltags nachhaltig eine Nase drehen will, dem sei der Besuch des Schaezlerpalais empfohlen. Dort sind neben den Meisterwerken der Zarenzeit immer wieder von schwer erklärbaren Gefühlen gezeichnete Augsburger mit russischem Migrationshintergrund anzutreffen, also Russen, die mit den Tränen kämpfen oder ihnen freien Lauf lassen: “Nostalgia” heißt nach unseren Begriffen auf russisch “Heimweh”. “Unsere” Russen sind nicht immer leicht zu nehmen, sind komplex, sind unterschiedlich und wunderbar. Was aber alle gemeinsam haben, woher sie auch kommen, welcher Schicht sie auch immer angehören, scheint diese, besser: ihre Nostalgia zu sein, die immer dann hervortritt, wenn es ruhig wird – und die alten Bilder einer verloren geglaubten Welt über die Netzhaut in das innerste einer gelebten Existenz eindringen, die sich fern der alten Heimat vollzieht. Diese erstaunliche Kraft des Erinnerns wird von der Ausstellung “Kunstschätze der Zaren / Meisterwerke aus Schloss Peterhof” offenbar beflügelt. Ein Indiz dafür, dass die unsichtbare Aura der Kunst etwas Unverzichtbares ist, etwas Großes, das bewahrt und gepflegt werden muss. Die Ausstellung wurde nun um drei Wochen verlängert. Anlass genug, um die ebenfalls meisterhafte Besprechung von Dr. Gier neu aufzulegen. (sz)

„Raub und Rettung“, so lautete der Titel eines im Mai diesen Jahres erschienenen, von deutschen und russischen Historikern sowie Museumsleuten erarbeiteten Werks über „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“. Seit Samstag werden Kunstschätze aus dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schloss Peterhof im Augsburger Schaezlerpalais gezeigt.

Von Dr. Helmut Gier

Virgilius Eriksen: Porträt Katharinas II. vor einem Spiegel, 1764 © The Peterhof S

Neben den Städten Pskow und Nowgorod werden darin exemplarisch vor allem die vier Zarenschlösser bei St. Petersburg betrachtet. Auf dem Umschlag des Werks ist denn auch das zerstörte Schloss Peterhof abgebildet. So ist es eine wunderbare Fügung, dass nun zum Ende des Jahres im Augsburger Schaezlerpalais zum ersten Mal in Deutschland Kunstschätze aus diesem Schloss, die gerettet werden konnten, gezeigt werden.

In dem prachtvoll bebilderten Katalog behandelt ein Beitrag mit zahlreichen Fotos auch das Schicksal dieses Vorortschlosses während der zweieinhalbjährigen Belagerung von Leningrad, der heute wieder St. Petersburg genannten einstigen russischen Hauptstadt. Während der Blockade verlief hier die Front, das zusammengeschossene und ausgebrannte Schloss diente als Stützpunkt der Wehrmacht. Die Ausstellung im Schaezlerpalais ist damit ein Zeugnis dafür, dass trotz der Verbrechen im Zweiten Weltkrieg die beiden Länder unterhalb der Ebene der machtpolitischen Spannungen um Verständigung und ein gutes Verhältnis zueinander bemüht sind.

Bayern nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein, denn es ist das einzige Bundesland, das ein förmliches Kulturabkommen mit der Russischen Föderation abgeschlossen hat. Dem Willen des Wissenschaftsministeriums, dieses Abkommen mit Leben zu erfüllen, und dem Bestreben Russlands im Rahmen des Projektes „Russian Seasons“ die Präsenz und Ausstrahlung der Kultur Russlands im Ausland zu verstärken, verdankt sich die Ausstellung in Augsburg. Denn ohne die Bereitschaft des Freistaats und Russlands, das Projekt finanziell zu einem erheblichen Teil mitzutragen, wäre es der Stadt Augsburg nicht möglich gewesen, eine so große Ausstellung auf die Beine zu stellen. Man bedenke allein die Versicherungssummen und auch die Transportkosten für diese Kunstschätze. So darf sich die Stadt glücklich schätzen, gleichsam stellvertretend für Bayern diese große Schau zu zeigen.

Großes Medieninteresse beim Abhängen und Verpacken der Kunstgüter am 26.11.2019 im Schloss Peterhof

Die Ausstellung im Schaezlerpalais mit über hundert hochkarätigen Objekten aus fast allen  Bereichen der Kunst und des Kunsthandwerks ist ein Beweis dafür, dass es den russischen Museumsleuten nach dem Ausbruch des Kriegesmit der Sowjetunion glücklicherweise gelungen ist, viele Kunstschätze zu retten. Zeitlich erstreckt sich die Schau auf die glanzvollste Zeit von Schloss Peterhof, von seiner Erbauung durch Zar Peter dem Großen nach dem entscheidenden Sieg 1709 im Großen Nordischen Krieg  bis zum Tode der berühmten Zarin Katharina der Großen. Es war das Jahrhundert des Aufstiegs des Zarenreichs zur europäischen Großmacht sowie des Ausbaus und der Festigung dieser Stellung. Dem entsprach der Wille, in der Schlossarchitektur und Hofkultur mit der führenden Großmacht Frankreich zu rivalisieren und eine neue Hauptstadt, St. Petersburg, zu errichten, die neben den großen westeuropäischen Hauptstädten Paris, London, Berlin und Amsterdam bestehen konnte.

Das Bestreben, Anschluss an die westeuropäische Kultur zu finden und diese noch zu übertrumpfen, prägte nicht nur Architektur und Städtebau sondern auch alle Bereiche der Kultur, wie die Ausstellung eindrücklich vor Augen führt. Die geplante Modernisierung Russlands führt bei allen Herrschern und Herrscherinnen dieses Jahrhundert zu einer Abwendung von den einheimischen Kunstraditionen. So viel Westeuropa war in Russland vorher und nachher nie mehr wie im Zeitalter der Aufklärung im absolutistischen Zarenreich. Am deutlichsten lässt sich das an den 26 Gemälden in der Ausstellung ablesen: Nur ein einziges Mal taucht dabei unter den Künstlern ein russisch klingender Name auf (Fjodor Rokotov), sonst heißen die Maler Georg Christoph Grooth, Willem van de Velde, Adam Silo, Pietro Antonio Rotari, Stefano Torelli oder Catharina Treu.

Selbst die  Herrscherbildnisse schufen ausländische Künstler: Der Lieblingsmaler von Peter dem Großen Louis Caravaque, das Portrait von Kaiserin Elisabeth Petrovna, das in seiner Dimension mit dem ausladenden Rahmen eindrucksvollste Bild, schuf Charles-André van Loo, das dagegen geradezu intim wirkende Portrait Katharinas der Großen vor einem Spiegel, das auf allen Werbematerialien prangt, malte Virgilius Eriksen. Neben der höfischen Portraitmalerei stechen unter den übrigen Gemälden die anmutigen und ausdrucksstarken Mädchenbildnisse von Rotari und vor allem am Beginn der Ausstellung eine ganze Reihe niederländischer Gemälde mit maritimen Themen und Motiven ins Auge, in denen sich die  Leidenschaft für die Schifffahrt Peters des Großen spiegelt.

Die Austellung ist chronologisch nach den Herrschern und Herrscherinnen aufgebaut, doch insgesamt im besten Sinne kulturhistorisch angelegt, da sie von Beginn bis zum Ende die gänze Fülle höfischer Kultur und Lebensart, Mobiliar, Wandteppiche, Metall- und Steinarbeiten, Porzellan- und Fayence-Service, Tafelschmuck, Fächer und Kleidungsstücke ausbreitet. Viele reizvolle Objekte verdienen besondere Aufmerksamkeit, hervorgehoben werden sollen nur ein in Silber gearbeites Modell des Segelbootes Peters des Großen und der Thronsessel von Zarin Katharina der Großen. Dass bei der russischen Vorliebe für die westeuropäischen Zentren der Kunst und des Kunsthandwerks auch Objekte aus  der damaligen Luxusgütermetropole Augsburg Eingang in die Sammlungen der Zaren und Zarinnen in dieser Epoche fanden, versteht sich fast von selbst. Zu bewundern sind eine Horizontaluhr eines Augsburger Meisters aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, eine Besteckgarnitur und ein Degen mit einer Scheide aus Augsburger Werkstätten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Den Augsburger Kunstsammlungen ist große Anerkennung dafür zu zollen, dass sie mit ihren begrenzten personellen und finanziellen Mitteln nach der großen Schau über Kaiser Maxinilian I. noch im selben Jahr 2019 eine weitere bedeutende, anspruchsvolle und attraktive Ausstellung möglich gemacht haben. Dem Augburger Publikum wurde und wird damit die einmalige Gelegenheit geboten, großen Herrschergestalten unterschiedlicher Zeitalter von europäischem Rang und der mit ihnen verbundenen Kunst und Kultur zu begegnen. Der Glanz der Kunstschätze der Zaren strahlt jetzt für drei Monate im Schaezlerpalais. Man sollte nicht versäumen, ihn auf sich wirken zu lassen.

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Kunstschätze der Zaren / Meisterwerke aus Schloss Peterhof

Zeit: Di – So 10 – 17 Uhr / Austellungsdauer bis 29. März 2020

Ort: Schaezlerpalais / Maximilianstraße 46  in Augsburg

Katalog 29,90 EUR