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Kulturwahlkampf – das Finale im Martinipark

Die Ständige Konferenz lädt am Dienstagabend (3. März) ins Staatstheater Augsburg ein. Im Martinipark sollen die Defizite und die Stärken der Augsburger Kulturpolitik herausgearbeitet werden: Was darf man hoffen, was ist zu befürchten?

Wenige Tage vor der Kommunalwahl 2020 stellen sich prominente Kandidaten von CSU (Eva Weber), SPD (Dirk Wurm), den Grünen (Martina Wild), den Linken (Rebecca Lindner), der Polit-WG/DiB (Oliver Nowak), den Freien Wählern (Peter Hummel), der Partei (Lisa McQueen), Augsburg in Bürgerhand (Bruno Marcon) und Generation Aux (Raphael Brandmiller) den Fragen der Kulturschaffenden und dem Moderationsteam der Ständigen Konferenz. In freier Rede und im Rahmen eines Parteienmarkts im Theaterfoyer gibt es für die Gruppierungen Gelegenheit, die anwesenden Wähler zu überzeugen. Publikumsfragen sind an diesem Abend ausdrücklich erwünscht. Für musikalische Begleitung sorgt Fred Brunner.

Im Vorfeld erarbeiteten Akteure aus vielen kulturellen Szenen der Stadt in Kooperation mit a3kultur einen 33 Punkte starken Fragenkatalog, der den Kandidaten vorliegt und unter anderem unter www.staendige-konferenz.de frei abrufbar ist. Die Antworten werden zeitgleich mit dem Kulturwahlkampffinale am 3. März im Staatstheater veröffentlicht. Präsentiert wird Kulturwahlkampf 2020 – das Finale von der Ständigen Konferenz.

Einlass: 18:30 Uhr, Beginn: 19 Uhr, Dauer: zirka 2 Stunden ohne Pause. Freie Platzwahl bei freiem Eintritt.



AEV holt Punkt gegen Ingolstadt und kann sich am Sonntag gegen Iserlohn für die Playoffs qualifizieren

Die Augsburger Panther haben beim ERC Ingolstadt nach ordentlicher Leistung immerhin einen Punkt im Kampf um die Playoffs eingefahren, verloren am Ende aber im Penaltyschießen mit 2:3. Die Treffer für die Panther erzielten David Stieler (17.) und Drew LeBlanc (41.). Für Ingolstadt waren Wayne Simpson (25., 66.) und Brandon Mashinter (29.) erfolgreich. 

DAZ-Archiv / S. Kerpf

Tray Tuomie musste sein Team im Vergleich zum Sieg gegen Mannheim dabei auf einer Position verändern. Markus Keller rückte für den verletzten Olivier Roy zwischen die Pfosten, aber Henry Haase wurde rechtzeitig fit. Und der Verteidiger war – genau wie seine Teamkollegen – sofort im Spiel. In einem schnellen und abwechslungsreichen ersten Durchgang waren die Panther das etwas aktivere Team mit den besseren Chancen.

Stieler trifft zur Führung

Die gefährlichsten Möglichkeiten vergaben Jaroslav Hafenrichter (5.), Daniel Schmölz (12.) und LeBlanc (15.), die allesamt an ERC-Goalie Jochen Reimer scheiterten. Auch Keller konnte sich hin und wieder auszeichnen, aber der einzige Treffer fiel dann doch verdientermaßen für den AEV. Adam Payerl setzte gut nach, T.J. Trevelyan schaltete schnell und spielte den Puck scharf in die Mitte, wo Stieler schneller war als sein Gegenspieler und flach zum 0:1 einschoss (17.).

Im zweiten Drittel waren nur wenige Sekunden gespielt, als LeBlanc die große Chance auf den zweiten Treffer hatte, aber erneut keinen Weg vorbei an Reimer fand (21.). Das gleiche Schicksal ereilte Schmölz weniger später und Scott Kosmachuk schlug beim Nachschussversuch über die hoppelnde Scheibe (je 23.).

Ingolstadt dreht das Spiel

Effektiver präsentierten sich die Schanzer, die etwas überraschend zum Ausgleich kamen. Ein Schuss von Maury Edwards ging neben das Tor, kam von der Bande zurück und Simpson staubte ab, nachdem Keller kurz nicht wusste, wo der Puck war (25.). Und dieser Treffer zeigte Wirklung, denn plötzlich waren die Hausherren voll da und drehten das Spiel in Überzahl: Ein Schuss des völlig freistehenden Mirko Höfflin rutschte Keller durch die Beine, Mashinter ging auf Nummer sicher und bugsierte den Puck aus kurzer Distanz zum 2:1 über die Linie (29.).

Matt Fraser hatte fast im direkten Gegenzug den Ausgleich auf dem Schläger, aber Reimer war beim Gewaltschuss sehenswert mit der Fanghand zur Stelle (30.). Es sollte der letzte Hochkaräter des Abschnitts gewesen sein – beide Teams suchten zwar den Weg nach vorne, aber die Defensivreihen standen gut und beide Goalies hielten, was aufs Tor kam.

LeBlanc gleicht aus

Doch das Schlussdrittel begann dann mit einem Paukenschlag, denn gerade mal 26 Sekunden nach Wiederbeginn stand es 2:2, als Leblanc durch die Beine von Reimer abstauben konnte (41.). Beide Teams drückten nun vehement auf den dritten Treffer, wobei der ERC in dieser Phase etwas gefährlicher war. Keller konnte sich aber mehrfach auszeichnen – zum Beispiel gegen Simpson (45.). Mit zunehmender Spielzeit war beiden Mannschaften anzumerken, dass man keinen Fehler machen wollte. Dieser unterlief dann letztlich auch niemandem mehr, so dass es bis zum Ende beim 2:2 blieb.

Simpson verwandelt entscheidenden Penalty

Auch in der Overtime fiel kein Treffer, so dass das Penaltyschießen über den Zusatzpunkt entscheiden musste. Diesen sicherten sich nach einem langen Shootout letztlich die Schanzer, für die Simpson den entscheidenden Penalty verwandelte (66.).

Der AEV hat damit drei Spieltage vor Schluss nach dem Parallel-Sieg der Kölner Haie noch sieben Punkte Vorsprung auf Platz 11 und kann mit einem Sieg im Heimspiel gegen die Iserlohn Roosters den Playoff-Einzug endgültig perfekt machen. Los geht es im Curt-Frenzel-Stadion um 16:30 Uhr.



Kommentar: Der Feind auf meiner Liste

Man kann sich bei jeder Kommunalwahl köstlich amüsieren. Heuer zum Beispiel darüber, dass man die WSA-Liste einem Casting-Büro als Besetzungsliste für einen Fassbinder-Film hätte verkaufen können.

Kommentar von Siegfried Zagler

Ein in die Jahre gekommener Vorstadtcasanova, eine junge Schönheit mit ukrainischen Wurzeln, ein Besitzer einer Hausmeisterfirma, eine Prokuristin eines Bestattungsinstituts schließen sich zusammen, um der Welt zu zeigen, wie herzlos die Welt ist: Die Augsburger Stadtmusikanten? Nein, “Fassbinder-Film” ist unpassend! Der erste Schelmenroman von Eckhart Henscheid würde besser zu den genannten WSA-Protagonisten passen, wäre da nicht plötzlich im eigenen Stall ein Feind entsprungen.

Der Zug nach Nirgendwo ist bei der WSA-Liste bereits vor der Abfahrt entgleist. Das Schlimmste, das einer politischen Gruppierung kurz vor einer Wahl passieren kann, ist der WSA-Liste passiert: Nun steht auf Platz 6 dieser Liste mit Marcella Reinhardt eine Frau, die sich von dieser Liste distanziert, weil sie rechtslastig sein soll und sich Peter Grab im Augsburger Stadtrat einst in einer Ausschussgemeinschaft mit der AfD befunden hat. Letzteres stimmt jedenfalls. Zutreffend ist auch der Sachverhalt, dass bunt zusammen gewürfelte Listen oft schneller auseinander fliegen als ein aufgerissenes Kopfkissen im Wind.

Marcella Reinhardt muss man vorwerfen, dass sie noch Cemal Bozoglus Postings auf Facebook abwiegelte, in dem er sie darauf hinwies, wer zum Beispiel Guido Fiedler ist (Listenplatz 34). Damals hätte sie die WSA-Liste noch verlassen können. Frau Reinhardt ist also ab heute zu einem blinden Passagier auf dem WSA-Dampfer geworden. Zu einem Passagier, der den ohnehin kaum seetüchtigen Kutter zum sinken bringen kann, bevor er den Hafen verlässt. Das hat es so noch nie gegeben: Eine prominente Frau steht auf einer Liste, deren Gruppierung sie nun von innen heraus bekämpft. Was für ein Schachzug, was für eine Hinterlist! Shakespeares Dramen sind dagegen ein reiner Kindergeburtstag.

Diejenigen, die die WSA-Liste gut finden, müssen nun bei der Wahl Marcella Reinhardt durchstreichen und diejenigen, die der WSA schaden wollen, könnten Reinhardt drei Stimmen geben, sodass sie weit nach vorne gewählt wird und zum Beispiel an Peter Grabs Stelle in den Stadtrat einzieht. Reinhardt könnte die WSA-Liste implodieren lassen.

Wahrscheinlicher ist aber, dass der Wähler dieses alberne Theater komplett abstraft, indem er die WSA-Liste als Gesamtkonstrukt ignoriert.



Eine ganz persönliche Brechtfestival-Bilanz

Es ist vorbei! Und als es vorbei war, dachte ich, es ist gut, dass es vorbei ist. Ich dachte nicht: endlich! oder Gottseidank! Auch nicht: schade! Ich dachte nur: gut, dass es vorbei ist.

Von Knut Schaflinger

Denn:
• der Kopf rauschte – das kam vom Hören, vom Schauen, vom Wegsehen, vom Staunen, vom Reden und, vielleicht, vom Nachdenken auch.
• die Beine schmerzten – das kam vom vielen Anstehen, vom viel zu langen Warten, vom Hin- und Hergerenne.
• der Nacken rebellierte – das kam zunächst einmal vom Wenden des Halses von der Bühne zu den Monitoren und wieder zurück. Ein andermal vom Suchen, wo es Bier gäbe und wo jemand zu finden wäre, der einem sagen würde, wie man reinkäme, dort, wo man rein gehen wollte. Ging aber nicht.

Natürlich stimmt es, wenn Jürgen Kuttner sagt: »Wenn auf dem Rummel die Geisterbahn voll ist, dann ist sie eben voll.« Na klar, wenn die Nacht finster ist, ist sie eben finster! Aber wenn der Rummel als Schmalspurbahn daher kommt, ist der Rummel eben falsch geplant.

So war denn, was ich sehen konnte, nicht immer, was ich sehen wollte. Und wo ich Platz fand, fand sich auch noch reichlich Luft nach oben.

Wegen Überfüllung geschlossen! Das mag, der Zahlen wegen, die Veranstalter freuen, da mag sich, als marktwirtschaftlicher Coup, die Neuausgabe von Karten gelohnt haben, fürs Publikum ist es, wenn es zum Programm gemacht wird, ein Ärgernis. Von den Horatiern kommend, bei Charly Hübner anstehen – vergeblich! Auf Wuttke wartend, von der »Mini Playbrecht«-Show leidlich amüsant für Anspruchslose unterhalten, vom Standplatz auf der Treppe im Foyer nach einer halben Stunde mit dem Hinweis vertrieben, dieser Aufstieg sei frei zu machen, weil ein Fluchtweg.

Ja, flüchten, das wollte ich. Oft!

Aber dann kam doch noch Martin Wuttke, ich blieb, an die Wand gedrückt und geklebt und auch Martin Wuttke klebte Buchstaben an die Wand, so als wäre kein Platz mehr für Sprache und Text. Versalien zunächst, sinnfrei, und irgendwie ahnte man, neu geschüttelt und gerüttelt, könnten sich daraus die Worte »Der Schnittchenkauf« zusammensetzen lassen, aber da würde ein Buchstabenrest bleiben und so, ja, als Überbleibsel, hörte sich auch der Text auch an, den Marin Wuttke uninspiriert vorzulesen sich vorgenommen hatte. Aus den Gedanken von René Pollesch, bald Intendant der Volksbühne Berlin, konnte zumindest ich mir kein Schnittchen, geschweige denn eine Scheibe Erkenntnis abschneiden.

Also doch flüchten? Oder würde gar Brecht höchstselbst zu uns sprechen: »Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt.« Alles gut also?

Nein! Es reicht eben nicht, was die Kuratoren schon im Dezember bei der Vorstellung des Programms anmerkten, nämlich mit Leuten wie Martin Wuttke keinen Vertrag zu machen. Der kommt einfach. Und wie. Netzwerk ist gut, Stars sind gut, Engagement und Ernsthaftigkeit wären es auch.

Dann gäbe auch keinen Grund zum Meckern. Wie überhaupt die Kuratoren ihre Arbeit unter der Zirkuskuppel mit einem ziemlich simplen Trapez zu sichern vermochten: alles spontan, alles im status nascendi. Da wurde schon vor Beginn gegen Kritik vorgebeugt und gegen Erwartungen auch. Das Nichtfunktionieren als neue Qualität etikettiert. Bei allem Wohlwollen: Das reicht aber nicht!

Gewiss, es gab großartige Momente. Berührende. »Der Auftrag. Eine Erinnerung an eine Revolution«. So geht Theater. Episches. »Das Wesentliche am epischen Theater ist vielleicht, dass es nicht so sehr an das Gefühl, sondern mehr an die Ratio des Zuschauers appelliert. Nicht Miterleben soll der Zuschauer, sondern sich auseinandersetzen.« Sagt Brecht. Bingo! Das hat geklappt. Großartig Corinna Harfouch. »Der Auftrag«, eine Koproduktion des Schauspiels Hannover mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, zum Auftakt präsentiert, freilich schon fünf Jahre alt.

Warum aber in die Ferne schweifen, läge das Gute doch so nah. Produktionen aus Augsburg, ja das gabs auch. Gutes Schülertheater. Engagiert. Aber lässt sich damit wirklich Staat machen? Oder nur aus der Not eine Tugend? Zu geringer Etat, zu wenig Planungssicherheit, zu kurzer Vorlauf? Das müsste die Stadtpoltitik klären. Endlich! Und wenn sie es nicht kann: nachdenken! Länger!

Über den »Švejk/Schwejk« zum Beispiel, eine Koproduktion des Staatstheaters Augsburg mit den Städtischen Bühnen Prag. »Da will ich mir mal«, mit Brecht, »das Maul verbrennen.«: Das war entschieden zu wenig, ging an mir, dem Zuschauer, buchstäblich, vorbei. Die Übersetzungen aus dem Tschechischen von Monitoren in der Größe von Zündholzschachteln lesen zu müssen, nenne ich eine Zumutung. Es nötigt mich, meine Aufmerksamkeit entweder dem Geschehen auf der Bühne oder dem Text zu widmen – ganz so, als wollte mir die Regie irgendetwas verbergen. Dass die Produktion am Ende die Entprofessionalisierung des Theaters als Klamauk ausgibt, ist den Statisten nicht anzulasten, aber Sätze wie: »Du sollst nur sprechen, wenn du gefragt wirst«, oder »der Mensch ist alles«, oder so ähnlich, nein, da will ich dann, wieder mit B.B. »nichts lieber, als etwas anders.«

Lars Eidinger vielleicht. Der uns den Brecht aus der Hauspostille vorträgt, wie er sich abgearbeitet hat an den Rändern der Gesellschaft. Ja, da blitzte mir jener Geist auf, der mich rief, endlich zu hören und zu sehen, weswegen es sich hätte lohnen können, Gast beim Brechtfestival gewesen zu sein.

Und die Lange Brechtnacht? Schön, dass die Bude voll war – aber, dass der Großteil des, großartiger Weise, vor allem jugendlichen Publikums, Voodoo Jürgens wegen kommen würde, hätten die Veranstalter ahnen können. Den Wiener und sein Publikum in eine Schuhschachtel zu zwängen nenne ich mangelnde Weitsicht. Oder man kennt sein Publikum nicht. Oder nimmt es nicht ernst.

Und Brecht an diesem Abend? Na gut, Hauptsache die Leute versammeln sich hinter seinem Namen und denken, wenn Voodoo Jürgens mit Wiener Schmäh und hinterfotzig singt »Heite grob ma Tote aus« an a scheene Leich!

Derweil sich The Notwist mit dem Rechner quälte, Gisbert zu Knyphausen mit der Stimme, hing ein Teil des Publikums zwischen Tür und Angel fest. »Eine kleine Festivität kann nicht schaden«, hat uns Brecht gelehrt.

Summiert sich all diese Beliebigkeit zu einem Festival, trägt das über zehn Tage, hat all das Fragen gestellt, beantwortet? Nein! Es blieb ein bunter Haufen Konfetti, in der Faschingswoche manchmal kühn, manchmal delikat aber, wie mir schien, zu häufig probeweis nur in die Luft geworfen und vom Wind verblasen. Immerhin: ein Zentrum im martini-Park. Immerhin: auch Handwerk. Immerhin: überraschende, witzige, gute Gespräche in den Warteschlangen. Aber: zu viel Zufall, zu viel unfertige Werkstattberichte, zu viel Planloses. Zu wenig Inspiration. »Das Chaos ist aufgebraucht.«

»Reden über Angelegenheiten, die durch Reden nicht entschieden werden können, muss man sich abgewöhnen.« Sagt Brecht.

Schwamm drüber!                     ——-    (Erstveröffentlichung in a3kultur)

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Knut Schaflinger, geb. 1951 in Graz/Österreich, Studium in Wien, bis 1995 freier Filmemacher beim Bayerischen Fernsehen in München. Bis 2016 Redakteur und Chef vom Dienst bei den ARD-Tagesthemen in Hamburg. Ehemals Dozent an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und an der Bayerischen Akademie für Fernsehen in München. Wohnhaft in Augsburg.

 



KULTURPOLITIK

Brechtfestival: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner dürfen weitermachen

Die Entscheidung, ob das Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner als künstlerische Leiter des Augsburger Brechtfestivals weitermachen dürfen oder nicht, ist gefallen.

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner (v.l.) © Fabian Schreyer/ Stadt Augsburg

Die Augsburger CSU ist nach Informationen der DAZ nun doch auf die Linie des Augsburger Kulturreferenten Thomas Weitzel eingeschwenkt und wird am kommenden Montag im Kulturausschuss geschlossen einem Antrag zustimmen, der Kuttner und Kühnel für zwei weitere Jahre als Festivalleitung vorsieht. Damit folgt der Kulturausschuss relativ spät einer Empfehlung des Kulturbeirats, der bereits vor vielen Wochen eine Vertragsverlängerung für die aktuelle Festivalleitung vorschlug. Im 13-köpfigen Ausschuss sitzen sechs CSU-Stadträte. Otto Hutter (Linke) und Oliver Nowak (Polit-WG) werden ebenfalls zustimmen, wie sie heute auf Anfrage erklärten. Damit steht bereits eine Mehrheit für die Vertragsverlängerung von Kühnel und Kuttner fest.

Kurz vor der Kommunalwahl will sich keine Partei auf eine anstrengende Brecht-Diskussion einlassen. Nach den K&K-Brechtspielen soll es einen Neustart für das Brechtfestival geben.



Coronavirus: Stadt gibt Tipps

Das Coronaviris kommt näher. Die Stadt Augsburg informiert aus diesem Grund auf ihrer Webseite 

Am vergangenen Wochenende wurde der Bus einer Schulklasse aus einem betroffenen Gebiet Norditaliens auf dem Weg nach Augsburg gestoppt. Die Schüler wollten eine Woche in einem großen Augsburger Bildungsträger Deutsch lernen. Die Uniklinik zeigt sich vorbereitet. Um Panik zu vermeiden hat nun die Stadt Augsburg eine Informationsseite eingestellt: https://www.augsburg.de/umwelt-soziales/gesundheit/coronavirus



KOMMUNALWAHL 2020

Überwerfungen bei WSA: Marcella Reinhardt tritt aus – Vorstand spricht von “gezielter Diffamierungskampagne”

Die Augsburger Kommunalwahl hat ihren ersten Skandal: Marcella Reinhardt, die dem Regionalverband der Sinti und Roma vorsitzt und auf Platz 6 der Liste “Wir sind Augsburg” steht, hat heute ihren Austritt aus dem Verein erklärt und sich gegenüber der DAZ  erklärt.

M. Reinhardt

Sie könne sich nicht mit einer Liste identifizieren, deren Frontmann sich in einer Ausschussgemeinschaft mit der AfD befunden habe, so Reinhardt auf Anfrage. Außerdem sei sie nicht informiert worden, dass ein Betreiber eines Kampfsportstudios auf der WSA-Liste steht, dem Rechtslastigkeit nachgesagt werde. “Ich werde mich ab heute nicht mehr als Stadtratskandidatin der WSA präsentieren”, so Reinhardt, die aus rechtlichen Gründen so kurz vor der Wahl die Liste nicht mehr verlassen kann. “Falls ich dennoch als erste Sintezza in den Stadtrat gewählt werde, werde ich mein Mandat als parteilose Stadträtin ausführen.”

Auf die Frage, warum sie sich denn erst jetzt zu diesem Schritt entschieden habe, sagte Reinhardt zwei Sätze: “Ich habe Peter Grab vertraut, denn schließlich hat auch er einen Migrationshintergrund, außerdem bin ich nicht informiert worden.” Am morgigen Freitag erklärt Marcella Reinhardt ihren Rücktritt der Öffentlichkeit. Ort: Ulmer Str. 199. Zeit: 18 Uhr.

Inzwischen hat auch der WSA-Vorstand Stellung bezogen: “Mit großem Bedauern müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass unsere Listenkandidatin auf Platz 6, Marcella Reinhardt (Vorsitzende des schwäbischen Verbands der Sinti und Roma), ihre WSA-Mitgliedschaft heute beendete und dies veröffentlichte.” Als Grund für den Rückzug vermuten Tabak und Co., ein systematisches “Mobbing” und “Bashing” gegen WSA-Mitglieder.

“Nicht jedes Mitglied hält diesem Mobbing stand. Wir haben Verständnis dafür, dass eine Vorsitzende des Verbandes der Sinti und Roma in keinster Weise sich öffentlich als rechts oder als Nazi bezeichnet wissen will – wie übrigens keines unserer Mitglieder. Marcella Reinhardt hat diesem Druck nicht mehr standhalten wollen und wir bedauern diese Entwicklung sehr. Nichtsdestotrotz haben wir einerseits Verständnis für ihre Konsequenzen, andererseits kein Verständnis dafür, dass Hater wie Thomas Milasevic oder Peter Hummel so lange unbehelligt in den sozialen Medien ihr Unwesen treiben können.” So der WSA-Vorstand in einer gemeinsamen Erklärung.

Anna Tabak, OB-Kandidatin von WSA, kündigt nun juristische Schritte an: “Statt sich mit WSA inhaltlich und sachlich politisch auseinander zu setzen, haben sich einige Vertreter der Freien Wähler Augsburg-Stadt und deren Nahestehende dazu entschlossen, im Wahlkampf auf eine gezielte Diffamierungskampagne zu setzen und sich so politisch zu profilieren. WSA und seine Mitglieder sind nicht mehr gewillt, sich das gefallen zu lassen. Juristische Schritte sind eingeleitet, weitere werden folgen.”

Darauf hat nun wiederum der OB-Kandidat der Freien Wähler Peter Hummel reagiert: “Dass ich von WSA als einer der Verursacher dieses Skandals erwähnt werde, ist einigermaßen albern. Ja, ich habe vor Jahren die Seite WSA-AfD-Watch gegründet, als die beiden politischen Gruppen eine Ausschuss-Gemeinschaft gegründet haben, bin da aber seit Ewigkeiten raus. Richtig ist, dass ich es problematisch finde, dass WSA auf ihrer Stadtrats-Liste jemanden hat, der in seinem Sportstudio die Reichkriegsflagge aufhängt und Rechtsextremisten trainiert. Sowas muss man kritisieren dürfen – zumal dann, wenn man die AfD-Vergangenheit von WSA kennt.”


“Sinti und Roma leben seit Jahrhunderten in Europa. In ihren jeweiligen Heimatländern bilden sie historisch gewachsene Minderheiten, die sich selbst Sinti oder Roma nennen, wobei Sinti die in West- und Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit, Roma diejenigen ost- und südosteuropäischer Herkunft bezeichnet. Außerhalb des deutschen Sprachraums wird Roma als Name für die gesamte Minderheit verwendet.

Der Begriff “Zigeuner” ist dagegen eine in seinen Ursprüngen bis ins Mittelalter zurückreichende Fremdbezeichnung der Mehrheitsbevölkerung und wird von der Minderheit als diskriminierend abgelehnt. Wird er im Kontext historischer Quellen verwendet, so sind die hinter diesem Begriff stehenden Klischees und Vorurteile stets mit zu bedenken. Etymologisch ist der Begriff nicht eindeutig ableitbar. Er beinhaltet sowohl negative als auch romantisierende Bilder und Stereotypen, die real existierenden Menschen zugeschrieben werden. Daher ist der Begriff zuallererst ein Konstrukt.

In Deutschland sind Sinti und Roma seit 600 Jahren beheimatet. Die etwa 70.000 hier lebenden deutschen Sinti und Roma sind eine nationale Minderheit und Bürgerinnen und Bürger dieses Staates. Neben Deutsch sprechen sie als zweite Muttersprache die Minderheitensprache Romanes.”

Quelle: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma



Operettenglanz im Martinipark

Das Hallen-Flair des Martiniparks wurde am Rosenmontag schon zum zweiten Mal zur Glitzerkulisse der BR-Gala mit Verleihung des  Operettenpreises

Von Halrun Reinholz

Bildquelle: BR/Nadia Weber

Die wilden 20er“ waren das Motto der Operettengala, die der Bayerische Rundfunk im Martinipark zelebrierte. Die Operette – ein totes Genre? Den Eindruck hatte man nicht, wenn auch das zahlreich anwesende Publikum doch noch einen Tick ergrauter schien als sonst. Immerhin hatten einige der anwesenden Damen sich dem Motto gemäß mit Federboas und Kopfschmuck ausgestattet. Auch die Moderatoren des Abends waren entsprechend ausstaffiert: Franziska Stürz mit goldglitzerndem Charleston-Kleid und Stefan Frey mit Knickerbocker und Schiebermütze. Die Augsburger Philharmoniker saßen unter Kronleuchtern, flankiert vom Opernchor. Ein gut gelaunter Ivan Demidov dirigierte im ersten Teil Melodien von Franz Lehár, dessen 150. Geburtstag man in diesem Jahr feiert und dessen „Lustige Witwe“ derzeit in Augsburg auf dem Spielplan steht. 

Olena Sloia und Roman Poboinyi überzeugten in den Solopartien oder Duetten. Für heitere Schauspiel-Intermezzi sorgte mit schmelzendem Charme Sebastian Baumgart als „Danilo“, dem leichtlebigen Grafen aus der „Lustigen Witwe“. Im zweiten Teil kam mit Jacques Offenbach und Hervé eine französische Komponente ins Spiel. Gleichzeitig stellten die Moderatoren die Gewinner des jeweils monatlichen „Frosch“ vor – dieser Preis (benannt nach dem berühmten Gefängniswärter in der „Fledermaus“) wird von der BR-Klassik-Sendung „Operettenboulevard“ jeden Monat an besondere, zeitgemäße und/oder innovative  Operetteninszenierungen verliehen. Aus den zwölf „Monatsfröschen“ wurde dann der „Frosch“ des Jahres 2019 gekürt, in dem Fall die „Palazzetto Bru Zane“  Stiftung für  Tourneetheater-Produktionen für die Produktion „Yes“. 

Ein weiterer  Programmpunkt des Abends war die Verleihung der „Orpheus-Nadel“  des gleichnamigen Opernmagazins. Sie geht alljährlich an Personen, die sich um die zeitgemäße Pflege der Operette verdient gemacht haben. Gekürt wurde diesmal der Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters Ernst Köpplinger, der in dieser Spielzeit mit einer aufsehenerregenden Inszenierung von „Drei Männer im Schnee“ bereits einen der monatlichen „Frösche“ zugesprochen bekommen hatte. Zur Gala hat er Camille Schnoor mitgebracht, die als Gast die Arie “Vilja, oh Vilja“ aus der Lustigen Witwe sang. 

Die Laudatio hielt Orpheus-Chefredakteurin Iris Steiner, deren Augsburger Herkunft und Vernetzung wohl die Gala im Martinipark zu verdanken ist. Tatsächlich ist es für das Augsburger Staatstheater eine bemerkenswerte Präsentation nach außen. Nicht nur unter den Zuschauern waren offenbar viele Auswärtige, der Mitschnitt der Gala wurde vielmehr traditionell am Faschingsdienstag in BR Klassik übertragen. Es schadet auf jeden Fall nicht, wenn die doch sehr vorzeigbare musikalische Qualität des Augsburger Theaters auch über den schwäbischen Tellerrand hinaus leuchtet. Die „Operettenrevue“ endete jedenfalls im begeisterten operettenseligen Applaus des Publikums für Orchester, Chor und Solisten und mit einem Glas Sekt für jeden Besucher.



Brechtfestival: Schwejk im Nebel der Verfremdung

Große Erwartungshaltung bei der Schauspielpremiere zum Brechtfestival: Armin Petras verwob den braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hasek mit der Arbeit an Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“. In Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen Prag entstand auch noch eine (zweisprachige) „Spurensuche“ nach Hasek und Schwejk im Tschechien der Gegenwart. Aus den vielversprechenden Ideen entwickelte sich einiges, aber leider kein schlüssiges Gesamtkonzept.

Von Halrun Reinholz

Den echten Schwejk  gibt es nicht… © Jan-Pieter Fuhr

Eine Frau in „militärischem“ (an Mao-China erinnernden) Uniform-Look telefoniert, liest aus Brechts Arbeitsnotizen vor, aus seinem Briefwechsel mit Erwin Piscator, dem Regisseur, der Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“ verfilmen soll. Oder aus seinen Briefen an Hanns Eisler und Ruth Berlau, die die Arbeit am „Schwejk“ betreffen. Eva Salzmanova gibt Brecht mit Brille, Schiebermütze und Zigarre. Sie  gehört zum Team der Prager Schauspieler, die an dieser Uraufführung beteiligt sind und zeigt, mal tschechisch, mal deutsch sprechend (wie ihre Kollegin Sarah Havacova und ihr Kollege  Tomas Milostny übrigens  auch), hohe Professionalität und Theater-Erfahrung.  Selbst der Hund gehorcht ihr aufs Wort. Bemerkenswert in diesem Teil die expressionistisch verfremdete, stark überspielte Interpretation der Brecht-Eisler-Songs, die einen Bezug zu Prag haben: „Das Lied von der Moldau“  und das Lied mit dem Witwenschleier („Und was bekam des Soldaten Weib?“).  

Der dreiteilige Theaterabend startet mit Brecht und seinem Stück über Schwejk im Zweiten Weltkrieg, aber eigentlich geht es um Jaroslav Hasek und die Figur des Schwejk, oder vielmehr Svejk, der für Tschechen Kult-Charakter hat.

Eva Salzmanova als Brecht © Jan-Pieter Fuhr

Jaroslav Hasek ist der zweite Teil der Produktion gewidmet. Hier wird viel Film gezeigt, gedreht wurde in Prag. Völlig unnötigerweise wird zum Einstieg die chaotische „Arbeitsatmosphäre“ am Set filmisch gezeigt, was allerdings Aufschluss über Petras wohl sehr spontane Arbeitsweise gibt. Die Ensemble-Schauspieler aus Augsburg (Anatol Käbisch, Andrej Kaminsky,  Jonas Koch und Katja Sieder) sind mit nach Prag gereist, um gemeinsam mit den dortigen Kollegen  Szenen aus dem bewegten und wohl extremen Leben von Jaroslav Hasek anhand seiner (eigenen und fremden) Biografien auf die Bühne zu bringen. 

Die autobiografischen Passagen sind zum Teil so surreal, dass sie wie absurdes Theater anmuten. Anatol Käbisch spricht auf der Bühne einen entsprechenden Monolog, den er virtuos mit Radschlägen und akrobatischen Verrenkungen flankiert. Einer der starken Momente der Inszenierung. Auch sonst lernen wir Jaroslav Hasek als Mensch der Extreme kennen – ein Deserteur, Anarchist, Bigamist, starker Trinker und manischer Schreiber begegnet dem Publikum auf der Bühne und in drastischen Bildern auf der Leinwand.

Der dritte Teil inszeniert einen Text der tschechischen Schriftstellerin Petra Hulova, wo es um die Bedeutung von „Svejk“ für die tschechische Identität geht. Es ist für das deutsche Publikum nicht so ohne weiteres nachvollziehbar, dass es sich um einen Nationalhelden handelt – durchaus im ambivalenten Sinne, vielleicht auch um einen Antihelden, wie eben Schwejk auch in Haseks Roman alles andere als ein strahlender Held ist. Aber ein Böhme eben. Petra Hulova lässt ihn monologisieren über die „mit Watte ausgelegte Streichholzschachtel, diese tschechische Miniausgabe der Welt ohne Meere“, wo die Liste der Berühmtheiten überschaubar ist: Havel, Kundera, Karel Gott (der wird in der Inszenierung dem Text hinzugefügt, denn kein Tscheche ist bei den Deutschen wohl  bekannter als er).

Aber Schwejk, das glaubt er zumindest selber, ist von allen Tschechen der berühmteste. Hulovas Text macht sich auf die Suche nach dem „Wesen“ von Schwejk, bei Petras entsteht eine Casting-Show daraus – zwanzig Männer und Frauen im bunten Radlerdress mit Nummern am Rücken wetteifern vor einer skurrillen „Frauen-Jury“ darin, der „echte“ Schwejk zu sein. Auch wenn diese Menge an Statisten beeindruckend ist, der Dramaturgie schadet sie. Die zunehmend nervigen Sprechchöre lenken von Hulovas pointiertem Text eher ab, als ihm Nachdruck zu verleihen. Viel Slapstick, inklusive sexistischer Anspielungen, soll das kompensieren. Die Botschaft wohl letztlich: Den echten Schwejk  gibt es nicht. „Sie entsprechen leider keinen Vorgaben, Herr Schwejk. Böhmen setzt sie vor die Tür.“ Was Schwejk freut, denn vor der Tür, „an der frischen Luft“, kann er das tun, was er am liebsten macht: Menschen gucken.

Die bunte Casting-Show bringt diese Erkenntnis, das Ergebnis der Identitätssuche, nicht wirklich zu den Zuschauern. Und auch in den anderen beiden Teilen der Inszenierung überwiegt das Drastische, teils Obszöne. Das ist schade, denn das Team leistete gute Arbeit. Johannes Cotta richtete die Musik von Hanns Eisler hervorragend ein, Rebecca Riedel war für die opulenten Filmszenen verantwortlich, Patricia Talacko für Bühne und Kostüme.  Und die Darstellerinnen und Darsteller beider Theater überzeugten durch gestenreiches bis clowneskes Spiel. Schwejk, der am Anfang des Stückes als lehmverschmierter Golem da steht und zum Schluss im Radlerdress blödelt – der Bogen, der da gespannt wird, will alles mitnehmen und wirkt dadurch überspannt.



“Eine aus dem vorigen Jahrhunderts stammende Förderstruktur” – Kommentar zur Augsburger Kulturpolitik

In den 12 Jahren der Gribl-Ära scheint die Gestaltungskompetenz der Augsburger Kulturpolitik 2020 auf dem Nullpunkt angekommen zu sein. Zwei Kulturreferenten ohne Weitsicht und Visionen haben der kulturellen Identität der Stadt zugesetzt und die Stimmung unter den Kulturschaffenden vereist.  

Peter Grab und Thomas Weitzel waren und sind Untergeher, die nie begriffen haben, wie ihr Job geht. Grab wollte immerhin schlechte Kulturpolitik machen. Was Weitzel wollte/will, blieb bisher verborgen. Er war lange ein getarnter CSU-Referent, der zwar in die CSU-Kasse einbezahlte, aber nach außen so tat, als sei er überparteilich unterwegs. Die Bilanz seiner Amtszeit ist gezeichnet von repressiven Gutachten und beflissener Verwaltungsarbeit im stillen Einverständnis mit der CSU. Sein unpolitisches Dahinwursteln, sein Bürovermächtnis könnte zu der These führen, dass man in Augsburg keinen speziellen Kulturreferenten braucht – und diese Stelle mit einem erweiterten Kultur/Bildungsreferat abschafft. Peter Bommas spricht in seinem Kommentar von einem schwarzen Loch. Es ist schlimmer! (sz)

Kultur als kommunalpolitische Leerstelle – ein kleiner Rundumschlag zu einem Fiasko

Kommentar von Peter Bommas

Zum wiederholten Mal ist kulturelle Stadtentwicklung und deren Stellenwert für die Stadtgesellschaft im Kommunalwahlkampf ein großes schwarzes Loch. Mit Ausnahme eines gelegentlich verschämten Hinweises zur  problematischen Finanzierungssituation bezüglich der Theatersanierung gab es bisher im Wahlkampf keine Statements in Sachen Kultur, keine Ausblicke in zukünftige Szenarien. Der Begriff „Kultur“ ist weder auf Plakaten noch in Interviews oder auf Netzplattformen zu lesen.

Offene Kulturbaustellen

Das steht im krassen Widerspruch zu den vielen offenen Kulturbaustellen: Der Entwicklungsplan zur Museumlandschaft dümpelt unter  Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin,  die Ausstellungssituation für moderne Kunst ist unterirdisch und ungeklärt, die gehypte Entwicklung des Gaswerks zum Kreativzentrum steckt in einer veritablen Krise, Szene- und Subkultur werden konzeptionell und finanziell ausgegrenzt, seit Jahren gibt es kein Filmfestival mehr in der Stadt. 

Das Brechtfestival leidet an popkultureller Beliebigkeit (Berliner Brot und Spiele Ideen), Respektlosigkeit gegen über dem lokalen Publikum (Stars die nicht liefern), literaturtheoretischer Konzeptlosigkeit (Brecht wird verhökert, das Brechthaus wird ausgegrenzt), Etatproblemen und zu kurzfristiger Planungsvorgabe. Es braucht eine neue Festivalidee!

Das einzigartige, partizipative und interkulturelle Friedensfestival muss nach politischen Eingriffen jedes Jahr aufs Neue nach seinem endgültigen Format suchen, die Idee von einem literarischen Zentrum mit Strahlkraft verpufft im Klein-Klein der Stadtbücherei, die von der Politik so hofierte Bedeutung der kulturellen Bildung als Querschnittsaufgabe ist in der Versenkung verschwunden und die schon lange geführte Diskussion um ein „Artist-In Residence“-Projekt im Brechthaus versickert wieder in den politischen Kanälen. Zu guter Letzt noch die „Augsburger Krankheit“: Seit Jahrzehnten gelingt es nicht, den Posten für kulturelle Gestaltung – das Kultureferat – durch eine Ausschreibung interessant, innovativ und zukunftszugewandt zu besetzen.

Und gleichzeitig hat es die Politik der übergroßen Koalition geschafft, die zahlreichen, von vielen hundert Bürger*innen  wahrgenommenen Teilhabeprojekte der „Bürgerwerkstätten“ – zum Theater, zum Gaswerk, zur Museumslandschaft, zu den Konversionsflächen – durch die weitgehende Nichtberücksichtigung der Ergebnisse ad absurdum zu führen. Ein besseres Beispiel für die „Mitmach-Falle“ als Augsburger Modell für misslingende Partizipation gibt es bundesweit nicht. Ganz zu schweigen von der inzwischen total überholten, aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammenden kulturellen Förderstruktur.

Desolate Förderstruktur

Der Kulturetat in Augsburg beträgt zur Zeit zirka 32 Millionen. Die Fördersituation ist unübersichtlich, intransparent, von Traditionen und parteipolitischen Deals geprägt und beruht auf einem in den letzten 30 Jahren entstandenen und nie nachhaltig hinterfragten „Vier-Klassen-Förder-System“, das wenig Spielraum für Neues, Unerwartetes etc. lässt und partizipative, temporäre Formate wie kreative Zwischennutzungen und Pop-Up Projekte sowie szenekulturelle und transkulturelle Diskurse komplett negiert.

Im Haushalt festgeschrieben und jeder Diskussion entzogen, gleichgültig ob noch up to date oder in ihrer schieren Existenz einfach überholt, sind die sakrosankten städtischen Kultureinrichtungen Theater, Kunstsammlungen, Museen, Stadtarchiv, Brechthaus, Mozarthaus, Kulturhaus Abraxas und seit der letzten Legislaturperiode auch die wieder unter kommunaler Hoheit betriebene Kresslesmühle.

Ebenso über jede Diskussion erhaben und im städtischen Haushalt einfach immer fortgeschrieben sind die kulturellen Einrichtungen, die seit den 80er Jahren quasi städtische Aufgaben wahrnehmen – über langfristige Verträge, teilweise mit Querfinanzierung aus Sozial- und Kulturetat – Bürgerhaus Kreßlesmühle, Puppenkiste, Friedensfest, Lange Kunstnacht. Diese beiden Förderstufen verschlingen über 90% des Kulturetats.

An dritter Stelle der Förderhierarchie rangieren Einrichtungen, Projekte, Festivals (seit Ende der 80er Jahre), die über konkrete Leistungsvereinbarungen mit Ein- oder Mehrjahres-Verträgen ausgestattet sind und regelmäßig neu ausgehandelt werden müssen. Beispiele: dafür sind die Kinder- und Jugendtheater im Abraxas, der BBK, das Modularfestival, Mozartfestival, Brechtfestival, S’Ensemble-Theater, LAB30, Klapps Figurentheater Festival, Jazz-Sommer, BlueSpot Production.

Und ganz am Ende der Fördertreppe steht die sogenannte, jährlich immer dünner werdende, Projektförderung für die freie Szene in mittlerer fünfstelliger Höhe, jährlich zu beantragen, z.B. Taubenschlag, Raumpflegekultur, Stadtraum e.V., Klubkommission, KUKI e.V., Theaterwerkstatt, Karmann e.V., Tether, Just Kids Festival, Ganze Bäckerei, Unser Haus e.V.  etc. – hier unten gelangen also knapp 0,25 % des Gesamtetats an, obgleich hier die interessantesteen und innovativsten Entwicklungen stattfinden.

Fatale Mechanismen

Richtige Planungssicherheit (natürlich innerhalb des Haushalts) haben nur die Förderstufen 1 und 2. Die zur Förderstufe 3 gehörenden Einrichtungen, Projekte, Festivals unterliegen immer den anteiligen Haushaltskürzungen (im Vertrag festgeschrieben), haben Chancen auf eine Zuschusserhöhung eigentlich nur vor oder nach Kommunalwahlen und sind ansonsten auf die Wahrung des status quo ausgerichtet.Konsequenz aus dieser Förderstruktur ist das Buhlen um politischen Einfluss, um aus der Stufe 4 in die Stufe 3 aufzusteigen und das politische Lavieren der in Gruppe 3 regelmäßig vor neuen Vertragsverhandlungen stehenden Projekte – siehe Diskurs um Förderung von BlueSpotProductions und der Kindertheater. 

Der Aufstieg aus der Stufe 3 zur Stufe 2 ist in den letzten 20 Jahren keiner Einrichtung gelungen, früher übliche 5-Jahresverträge sind politisch zur Zeit nicht erwünscht, weil sie oft über einen Regierungswechsel hinaus Kontinuität garantieren würden und so nicht Verhandlungsmasse sein würden. Darüberhinaus hat die Biennale-Regelung zusätzlich Unsicherheit in dieses System gebracht, das auch von der „Dachmarken-Philosophie“ noch überlagert wird: Je nach politischer Ausrichtung werden neue Prioritäten gesetzt (siehe die Mozart-Diskussion, die permanente Diskussion zum Thema Frieden und Interkultur,  Brechtfestival, Modular). Für eine grundsätzliche Neuausrichtung, kreative Ideen und kurzfristig lancierte, partizipative Module (Green Belt, Bohnenfestival, Contemporallye etc.) fehlt die Struktur, der Etat und letztlich der politische Wille.

Eine transparente Förderstruktur, die Tradition mit Innovation verbindet, benötigt völlig andere Voraussetzungen, andere Förderschwerpunkte und deshalb einen kulturpolitischen Fahrplan, der über Wahltermine hinaus Ziele und Wege definiert, der genügend Mittel für innovative Projekte bereithält, von traditionellen Einrichtungen mehr Synergien einfordert, eben einen echten, politisch gewollten Kulturentwicklungsplan und keine Alibiveranstaltungen. Möglicherweise gibt es eine Chance auf Veränderung nach der Kommunalwahl 2020. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt.