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Kommentar: FCA in Köln – Eine Glanznummer im Theater der Grausamkeit

Welches Wissen lässt sich sichern, wenn man die Spiele des FCA analysiert? Was dürfen wir hoffen? Anmerkungen zum FCA, der sich nach einem neuen Trainer umsehen sollte

Von Siegfried Zagler 

Fan-Choreografie © DAZ-Archiv

FCA-Trainer Martin Schmidt kam vergangene Saison nach Augsburg, als die Klubverantwortlichen sich nicht mehr sicher waren, ob man mit Manuel Baum die Klasse halten kann. Mit Schmidt schien der richtige Mann an den Lech gelotst: Zu seinem Einstand gab es zwei Paukenschläge gegen Frankfurt und Stuttgart, der Klassenerhalt war gesichert. Dann war Schluss mit Schmidt-Einander. Der FCA blieb anschließend fast durchgehend unter seinem Niveau. 

Das gilt auch für diese Saison. Sieben Punkte aus den ersten zehn Spielen war zu wenig Ertrag, der immerhin in Relation zu den gezeigten Leistungen stand. Dazu zählt auch das Glücksunentschieden gegen Bayern München. Ein Spiel, das man mit fünf, sechs Toren Differenz hätte verlieren können, ja müssen. Man könnte FCA-Trainer Martin Schmidt entlastend zugestehen, dass er in die Saison mit einer für die erste Liga unzureichend bestückten Abwehr starten musste, die im laufenden Betrieb mit drei Neuzugängen verstärkt wurde. Doch war es nicht Schmidt, der – im Gleichklang mit Reuter – den Kader, der zur Saisonvorbereitung zur Verfügung stand, für bundesligatauglich hielt?

In den letzten drei Spielen holte der FCA mit zwei Siegen gegen Paderborn und Berlin sowie mit einem Unentschieden gegen Köln sieben Punkte. Alles gut, könnte man meinen, schließlich steht man nun mit 14 Punkten dort, wo in der aktuellen Tabelle das untere Mittelfeld beginnt. Könnte man diesen Schnitt halten, stünden am Ende 37 Punkte zu Buche. Das reicht sehr wahrscheinlich aus, um nicht abzusteigen. Ein Sieg am Samstag zu Hause gegen Mainz und alles wäre bestens. So denkt vermutlich FCA-Präsident Claus Hofmann, dessen Fußballverstand nicht von der kühlen Analyse, sondern von der Emotion und vom Tabellenstand geleitet wird.

Nichts ist nämlich gut: Der FCA hat ein Trainerproblem erster Güte: Es gibt kein erkennbares Offensivsystem, keine eingespielte Abwehr, kein Händchen bei der Aufstellung, kein taktisches Gespür, keine Spielverlauf-Lesefähigkeit bei den Einwechslungen, keinen nachvollziehbaren Matchplan und auch keine enge Verzahnung der Mannschaftsteile. Und gerade gegen Köln war zu erkennen, dass beim FCA noch nicht einmal dann der Bundesliga-Underdog-Standard (frühe Balleroberung, schnelles Umschaltspiel mit schnellem Abschluss) funktioniert, wenn sich die Bälle leicht erobern lassen, wie das in Köln gute 60 Minuten der Fall war.

Florian Niederlechner bildet hier die große Ausnahme. Er war stets hellwach und wurde zweimal gefoult, als er durchbrechen hätte können. Den Vorteil, der dadurch entstand, machte André Hahn kaputt, indem er einen Elfmeter kläglich vergab und eine Kölner Hinausstellung kurz vor der Halbzeit egalisierte, indem er sich zweimal eine dumme Gelbe Karte abholte. Köln spielte gegen Augsburg dergestalt schlecht, sodass man den Eindruck gewinnen konnte, die Rheinländer betteln um eine Demütigung, um eine Packung, die sie wohl auch von jedem anderen Bundesligisten bekommen hätten. Der FCA aber passte sich den Kölnern an. Die Leistungen der Mannschaften, das Spiel waren grauenvoll. Doch auch dies wäre zu verkraften, hätte der FCA ab der 80. Minute nicht angefangen, den Sieg zu verschenken.

Tin Jedvajs beschämendes Verhalten in der 86. Minute, als Philipp Max in der Vorwärtsbewegung einen irrwitzigen Fehlpass spielte und Hector Cordoba schickte, war eine Glanznummer im Zirkus der Grausamkeiten: Weit aufgerückt trabte Innenverteidiger Jedvaj gemütlich zurück, statt einen Sprint anzuziehen. Wäre er gesprintet, hätte er diesen Ball nach Koubeks Amoklauf noch auf der Linie verteidigen können. Warum Jedvaj, der nicht nur in dieser Szene entrückt wirkte, spielt, während ein gesunder Uduokhai auf der Bank sitzt, bleibt Schmidts exklusives Geheimnis. 

Noch ein Satz zu Tomáš Koubek, dessen Herauslaufen bei dieser Szene ebenfalls völlig entrückt wirkte. Der Sachverhalt, dass er wenige Minuten später diese Wahnsinnsaktion ums Haar wiederholt hätte, gibt Anlass zur Sorge, ob bei Augsburgs neuer Nummer eins nicht zu schwache Nerven attestiert werden müssen. Wird es im Spiel eng und dramatisch, bleibt Koubeck nicht cool, sondern wirkt tödlich wie eine losgerissene Kanone unter Deck in stürmischer See.

Über Hahn sollte man an dieser Stelle keine Zeile verschwenden. Er spielte für Richter, der ebenfalls gesund auf der Bank saß. Max, Koubek, Hahn und Jedvaj haben das Spiel verloren. Gäbe es bei der DAZ Noten, hätten drei dieser Spieler eine 6 erhalten. Max eine 5, weil er eine Flanke schlägt, sobald er drei Meter Platz hat, und zwar völlig unabhängig davon, ob es potentielle Abnehmer gibt oder nicht. Er hat mit einem Katastrophenpass, was ihm nicht selten passiert, die Grausamkeit eingeleitet, die zum Ausgleich führte. In einer einzigen Szene lässt sich manchmal die Wahrheit eines Spiels, der wahre Charakter einer Mannschaft erkennen.

Dass es beim FCA nach vorne so viele Fehlpässe gibt, hat auch damit zu tun, dass es weder auf beiden Flügeln, noch in der Mitte einen Zielspieler mit Gestaltungsqualitäten gibt, der – sobald die erste Linie des Gegners überspielt ist, anspielbar wäre, wie das etwa bei Altintop oder Koo der Fall war. Ein Spieler, mit Ballsicherheit und Verarbeitungsfähigkeiten, einer der das Spiel beschleunigen oder verzögern kann, einer der Gassen und Schnittstellen sucht und schafft, einer, der aus dem Mittelfeld heraus Tempo, Raffinesse und Torgefährlichkeit generiert. 

Vargas dribbelt mal dort hin, mal da lang – ohne Ziel und Verstand. Das Gleiche gilt für Richter, wenn er denn spielt. Beide sind hochbegabte Techniker, die die Augsburger Ballsicherheit und Kombinationsfähigkeit, das schnelle und enge Spiel Richtung Tor deutlich verstärken könnten. Doch Martin Schmidt lässt es zu, dass sich beide viel zu oft in Dribblings auf den Außenpositionen aufreiben, in Aktionen verzetteln, die weder Raumgewinn, noch Torgefährlichkeit erzeugen.

Der FCA besitzt aktuell den stärksten Kader aller Zeiten. Es wäre zu wünschen, dass dieser Kader seine Qualität auch auf den Platz bringt. Dazu bräuchte man in Augsburg einen Trainer, der die Qualitäten des Kaders erkennt, einen Spielverlauf richtig interpretiert und ein tieferes Verständnis für das Spiel hat, als das bei Martin Schmidt der Fall ist.