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BUNDESLIGA

FCA in Köln: Not gegen Elend

In einem durchgehend schwachen Bundesligaspiel trennten sich der 1. FC Köln und der FC Augsburg 1:1. Die Treffer erzielten Niederlechner (43.) für den FCA und Cordoba (86.) für den 1. FC Köln. Der FCA präsentierte sich über weite Strecken als das etwas bessere Team, das es versäumte, gegen desolate Kölner einen Dreier an den Lech zu holen.

Von Siegfried Zagler

Augsburgs Trainer Martin Schmidt begann gegenüber dem 4:0 gegen Hertha mit André Hahn für Marco Richter, der auf der Bank Platz nehmen musste.

Nach Teroddes Halbchance für Köln (5.), hätte der FCA, nachdem Czichos Niederlechner elfmeterreif gefoult hatte, mit einem Strafstoß in Führung gehen müssen, doch Hahns “Halbschuss” vom Punkt stellte FC-Keeper Horn nicht auf die Probe. Jeder Torhüter hätte diesen Schuss gehalten (9.). Beide Mannschaften übertrafen sich anschließend mit Ungenauigkeiten und fahrigen Zuspielen, sodass die 49.200 Zuschauer in der Kölner Arena in der ersten wie in der zweiten Halbzeit kaum einen korrekt zu Ende gespielten Angriff zu sehen bekamen. In einer temporeichen Partie, die mehr von Kampf und Krampf gezeichnet war, als von der Kunst, einen Ball kontrolliert Richtung Tor zu spielen, waren bei den Kölnern bereits nach 20 Minuten drei Spieler Gelb-belastet. Der FCA war von zwei schlechten Bundesligamannschaften die deutlich weniger schlechte, sodass die Augsburger auch gefährlich vors Kölner Tor kamen, ohne allerdings ihre Chancen in Tore umzumünzen, was in erster Linie mit der Unfähigkeit der Augsburger Offensive zu tun hatte. Die Augsburger bekamen von den Kölnern im Mittelfeld zahlreiche Bälle “geschenkt”, doch der letzte Pass im Augsburger Angriff war meist ungenau, falls nicht, wurde die daraus resultierende Chance kläglich vergeben.

Trotz dieser Abschlussschwächen schien der FCA die Kölner zu beherrschen. Der FC rettete sich von einer Verlegenheit in die andere und kam selten mit einem kontrollierten Passspiel aus der eigenen Hälfte. Und so kam es, wie zu vermuten war: Nach Jakobs Zuspiel auf Czichos misslang dem Kölner Innenverteidiger die Ballkontrolle, daraus resultierte eine Torchance für Niederlechner, der von Czichos deshalb sogleich niedergestreckt wurde. Gelb-rot für den bereits verwarnten Kölner.

Selbst die hochverdiente Augsburger Führung entsprang dem Zufall: Zunächst säbelte Cordova an einer zu weiten Hahn-Flanke vorbei, ohne den Ball zu berühren, das Leder kam zu Max, dessen Torschuss weit am Tor vorbei gegangen wäre, hätte Florian Niederlechner nicht den Fuß hingehalten (43). Eine Minute später war der Vorteil, mit einem Mann mehr spielen zu können für den FCA dahin: André Hahn (bereits) verwarnt, säbelte blind über einen hohen Ball, traf aber nur seinen Gegenspieler: Gelb-rot für Hahn.

Köln war in der zweiten Halbzeit zunächst nur bei Standards gefährlich, doch Koubek und die FCA-Abwehr hielten den Augsburger Kasten sauber. Köln spielte aber langsam wieder mit. Die größte Chance hatte aber der FCA: FC-Keeper Horn konnte einen abgelenkten Vargas-Schuss, der zur Bogenlampe mutierte, gerade noch parieren (54.). Kölns Aufbäumen schien nur von kurzer Dauer. Der FCA kontrollierte nun mit dem eingewechselten Moravek (für Cordova / 57.) das Spiel und schien dem 2:0 näher zu sein, als die verunsicherten Rheinländer dem Ausgleichstreffer.

Doch dann kam Cordoba für den enttäuschenden Modeste (64.). Der FC schien mit Cordoba wie verwandelt. Er gab dem Spiel neue Qualität und die Kölner spielten plötzlich mutigen Fußball nach vorne. Augsburg kam immer weniger zu Entlastungsaktionen, auch wenn der nach einer Ecke vollkommen freistehende Vargas aus fünf Metern übers Tor köpfte. Dann folgte Koubeks Aussetzer: Cordoba wurde von Hector geschickt, Koubek irrte auf Platz herum, wurde von Cordoba umspielt und es hieß 1:1 (86.). Dem FC Augsburg konnte man in den verbleibenden 9 Minuten ansehen, dass sie nicht wussten, ob sie das Unentschieden halten – oder eher auf Sieg spielen sollen.

Am kommenden Samstag (15.30 Uhr) haben die Augsburger in der WWK-Arena gegen Mainz mit einem Dreier die Gelegenheit, die beiden in Köln auf dumme Art und Weise liegen gelassene Punkte vergessen zu machen.

FCA: Tomáš Koubek; – Jeffrey Gouweleeuw; Tin Jedvaj; Raphael Framberger; Philipp Max; – Rani Khedira; Daniel Baier; Ruben Vargas; André Hahn; – Florian Niederlechner; Sergio Córdova;

Eingewechselt: Stephan Lichtsteiner (28.); Jan Morávek (57.); Fredrik Jensen (84.);

Ausgewechselt: Raphael Framberger (28.); Ruben Vargas (84.); Sergio Córdova (57.); –

Auswechselbank: Andreas Luthe; Mads Pedersen; Felix Uduokhai; Julian Schieber; Marco Richter; Amaral Borduchi Iago;

Tore :

1:0 Florian Niederlechner (43.)
1:1 Jhon Cordoba (86.)

Gelbe Karte: Philipp Max (45.);

Gelb/Rote Karte: André Hahn (44.);

Rote Karte:

 



LOKALPOLITIK

Kommunalwahl: Polit-WG und DiB bilden eine gemeinsame Liste

Eine Überraschung gibt es in Sachen Lokalpolitik zu vermelden: Die Augsburger Polit-WG und “Demokratie in Bewegung” bilden eine Gesamtliste für die kommende Kommunalwahl im März

60 Stadträte und ein Oberbürgermeister werden am 15. März in den Augsburger Stadtrat gewählt

60 Stadträte und ein Oberbürgermeister werden am 15. März in den Augsburger Stadtrat gewählt © DAZ

Die erste Listenaufstellungsversammlung für die ersten 20 Plätze hat bereits am vergangenen Montag stattgefunden. Nach Informationen der DAZ führt die Liste Polit-WG Stadtrat Oliver Nowak an, auf Platz 2 folgt Alexander Süßmair (ebenfalls Polit-WG), der für die Linke in den Stadtrat einzog, dann eine zeitlang parteilos war und vor wenigen Wochen bei der Polit-WG eintrat. Auf Platz 3 folgt Lisa Brüller, auf Platz 4 Hanna Weiler, beide kommen von der Bundespartei “Demokratie in Bewegung”, eine kleine Partei, die erstmalig bei den zurückliegenden Europawahlen antrat und von Akteuren aus dem linksalternativen Spektrum gegründet wurde. Deshalb sind im DiB-Wahlprogramm auch viele Punkte aufgeführt, die auch bei den Linken, den Grünen und der SPD zu finden sind. Am kommenden Montag trifft sich Oliver Nowak mit dem Augsburger Wahlleiter Dieter Roßdeutscher, um abzuklären, ob es Formalien gibt, die dieser Listenbildung Erschwernisse bereiten könnten.

Die Polit-WG sammelte bereits 2014 die notwendige Anzahl der Unterstützerunterschriften und brachte es bei der anschließenden Stadtratswahl auf einen Sitz. Damals stellte die Polit-WG keinen OB-Kandidaten auf. Ob sie 2020 den gleichen Fehler begehen werden, wollte die DAZ von Nowak wissen. “Kann sein, kann nicht sein”, so Nowak, der vermutlich intern zum OB-Kandidaten gewählt werden würde, würde er kandidieren. Doch Nowak will nicht, im Gegensatz zu Alexander Süßmair, der seit knapp 12 Jahren im Stadtrat sitzt und auch 2009 für die Linken in den Bundestag gewählt wurde. Süßmair würde es machen, will sich aber als Newcomer nicht in Position bringen, da er als OB-Kandidat möglicherweise Nowak überholen könnte. Alexander Süßmair, das hat er als OB-Kandidat der Linken 2014 unter Beweis gestellt, wäre ein starker Kandidat, weil er in vielen Themen “drin” ist und Wahlkampf kann.

Von den 15 Parteien und Listengruppierungen, die aktuell zur Kommunalwahl antreten, haben bis jetzt nur die Polit-WG/DiB und Generation aux keinen OB-Kandidaten aufgestellt. Bei der Kommunalwahl 2014 trat neben der Polit-WG auch die CSM ohne einen OB-Kandidaten an, da Hermann Weber und Co. den CSU-Kandidaten Kurt Gribl für den besten Mann für dieses Amt hielten. “Wahltaktisch für die CSM ein Fehler”, wie Weber nach der Wahl zur DAZ sagte, “da”, so Weber, “ein guter OB-Kandidat immer einen Sitz zusätzlich bringt.”



AEV in Nürnberg: Ein Punkt, irres Spiel, Callahan trifft

Die Augsburger Panther mussten die vierte Niederlage in der DEL in Folge hinnehmen, präsentierten sich bei den Thomas Sabo Ice Tigers aber stark formverbessert und holten einen Punkt. Bei der 4:5-Niederlage nach Penaltyschießen trafen die Gäste dabei in der ersten und in der 60. Minute. Die Treffer für die Panther erzielten Scott Kosmachuk (1.), T.J. Trevelyan (26.) und Mitch Callahan (49., 60.). Für Nürnberg waren Patrick Reimer (12.), Chris Brown (17. /39.), Joachim Ramoser (58.) und Brandon Buck (66.) erfolgreich.

Wenig Grund zur Freude hatte “Sterni” Sternheimer, der bereits nach 16 Minute mit einer Schnittwunde am Bein vom Eis musste © Siegfried Kerpf/ DAZ-Archiv

Das Spiel begann mit einem Paukenschlag, denn die Panther gingen bereits nach elf (!) Sekunden in Führung. Vom Eröffnungsbully weg schnappte sich Trevelyan die Scheibe, umspielte einen Gegenspieler und zog ab. Niklas Treutle im Tor der Hausherren konnte abwehren, aber Kosmachuk stand goldrichtig und staubte zum 0:1 ab (1.). Dieser Treffer gab den Panthern, die ohne den angeschlagenen Kapitän Steffen Tölzer antraten, Auftrieb, denn immer wieder störten die Panther früh und kamen gefährlich vor das Gehäuse der Ice Tigers.

Vor allem die Reihe mit Kosmachuk, Trevelyan und Drew LeBlanc konnte dabei überzeugen, aber auch die anderen Formationen – Christoph Ullmann und Alex Lambacher standen nicht im Kader – waren im Spiel.

Sternheimer verletzt

Von den Ice Tigers war dagegen in der Anfangsphase wenig zu sehen: Eine erste Chance von Brown in der 7. Minute entschärfte Markus Keller mit der Schulter. Dennoch kamen die Hausherren zum Ausgleich, als man die neutrale Zone einmal schnell überbrücken konnte und Will Acton bei einer Zwei-auf-Eins-Situation den mitgelaufenen Reimer bediente und dieser Keller keine Chance ließ (12.). Eine Schrecksekunde dann in der 16. Minute, als Panther-Eigengewächs Marco Sternheimer einen Schlittschuh eines Nürnbergers knapp unterhalb des Schienbeinschoners abbekam und verletzt abtransportiert werden musste.

Und wenig später erzielte Nürnberg die Führung, denn kurz danach hatte Brown im Slot vor Keller zu viel Platz, Dupuis fand den Topscorer der Ice Tigers und es stand 2:1 (17.). Es war auch der Zwischenstand nach dem ersten Drittel, denn der AEV konnte das erste Powerplay des Spiels – trotz einiger gefährlicher Schüsse – nicht nutzen.

Trevelyan gleicht aus

Dies holten die Panther dann aber im zweiten Drittel bei numerischer Gleichzahl nach. Nach einem schnellen Angriff tauchte Trevelyan frei vor Treutle auf und versenkte eiskalt im kurzen Kreuzeck zum 2:2 (26.).  Anschließend neutralisierten sich beide Mannschaften lange Zeit und die Abwehrreihen dominierten das Geschehen. Doch als es schien, dass die Teams mit dem Remis in die zweite Pause gehen würden, schlug Nürnberg noch einmal zu. Und wie schon beim 2:1 bediente Dupuis Brown vor dem Tor und dieser hatte wenig Mühe, aus kurzer Distanz seinen zweiten Treffer zu erzielen (39.).

Callahan mit erstem Saisontor

Doch die Panther ließen sich auch vom zweiten Rückstand nicht von ihrem Matchplan abbringen und waren auch im dritten Drittel voll im Spiel. John Rogl traf gleich zu Beginn den Pfosten (42.), der AEV blieb weiter dran und belohnten sich in Überzahl: Patrick McNeill zog aus der Distanz ab und Mitch Callahan fälschte unhaltbar ab und erzielte damit endlich sein langersehntes erstes Saisontor (49.). Doch das Spiel hatte noch einige Pointen bereit, denn in der Schlussphase ging es richtig rund. Zunächst ging Nürnberg ein drittes Mal durch Ramoser in Führung (58.). Keller parierte den Schuss zwar überragend, aber nach Videostudium stellten die Unparteiischen fest, dass Puck und Fanghand des Augsburger Goalies hinter der Linie waren.

Doch die Panther fanden noch einmal zurück ins Spiel – und das wieder in Überzahl gegen das beste Unterzahlteam der DEL. In der Schlussminute – auch Keller war bereits vom Eis – stand erneut Callahan goldrichtig und erzwang mit seinem Doppelpack die Overtime (60.).

Callahan schnürt Doppelpack – Ice Tigers holen Extrapunkt

Dort hatten die Hausherren die besseren Möglichkeiten, aber Keller und seine Vorderleute ließen keinen Treffer zu, sodass das Penaltyschießen über den Zusatzpunkt entscheiden musste. Und diesen holte sich Nürnberg. Zwar traf Kosmachuk als Erster, aber Buck verwertete gleich zwei Penalties und besorgte somit den 5:4-Endstand.

Für die Panther geht es am Sonntag gleich mit dem nächsten Derby gegen RB München weiter. Das Eröffnungsbully im Curt-Frenzel-Stadion steigt um 16:30 Uhr.



LOKALPOLITIK

Ledvance: Stadt verzichtet auf Vorkaufsrecht

Das Frage, ob die Stadt das 120000-Quadratmeter-Areal an der Berliner Allee erwirbt oder nicht, ist entschieden: Die Stadt verzichtet auf ihr Vorkaufsrecht, das Grundstück ist damit von Ledvance an einen Frankfurter Immobilienentwickler verkauft.

Foto: © DAZ

Der Kaufpreis liegt bei rund 40 Millionen Euro. Dem Investor sind die Risiken einer Altlastenentsorgung offensichtlich nicht zu groß. Im Stadtrat ging es am Donnerstagabend unter anderem genau darum. Zirka 40 bis 50 Millionen Euro wären insgesamt zu investieren, wäre dort mehr als Quecksilber zu entsorgen, wozu sich der Altbesitzer verpflichtet hat. Den Stadträten schien das Risiko zu hoch, die Ausschussgemeinschaft zog ihren Antrag zurück, der die Stadt zum Kauf verpflichten sollte. Wie die DAZ im Vorfeld berichtete, kann sich die Stadt aus dem Haushalt heraus das Grundstück nicht leisten. Die Regierung von Schwaben hatte auf Anfrage von Wirtschaftsreferentin Weber einen angedachten 40-Millionen Kredit abschlägig beschieden. Die Stadt hat nun im Rahmen von baurechtlichen Verfahren Gestaltungsmöglichkeiten.

 



Bundesliga: Wirkt Windhorsts Buddha in Berlin?

Kommentar: Trainerkiller FCA: Ante Covic muss bei Hertha BSC Jürgen Klinsmann weichen – Möglicherweise eine gute Nachricht für den FCA

Von Siegfried Zagler

Jürgen Klinsmann ist zurück im Trainergeschäft. Wie Hertha BSC offiziell bestätigte, übernimmt Jürgen Klinsmann bis zum Saison-Ende den Job von Ante Covic, der seit heute nicht mehr für die erste Mannschaft von Hertha BSC verantwortlich ist. Hertha-Aufsichtsrat und Ex-DFB-Teamchef Jürgen Klinsmann ist nun der neue Cheftrainer der Berliner. Der 44-jährige Covic ist damit der 7. Bundesligatrainer, der nach einer Niederlage gegen den FCA einen anderen Arbeitgeber suchen muss(te). 

Aus Augsburger Sicht sollte aber wichtiger sein, dass nun bei Hertha mit Klinsmann ein Trainer mit Showtalent, aber wenig Bundesligaerfahrung für den Umschwung sorgen soll. In München war Klinsmann in der Saison 2008/9 Cheftrainer und sorgte dort für diverse Schrullen, bis es Hoeneß und Co. zu bunt wurde. Unter anderem ließ “Klinsi” große Buddha-Statuen an der Säbenerstraße errichten, damit mehr Gelassenheit ins hektische Tagesgeschäft der Tabellenstände einziehen solle. Die Scheinehe zwischen dem Schwaben Klinsmann und den Bayern hielt immerhin 29 Spieltage und sorgte für das erfolgreichste Trainer-Comeback der Bundesligageschichte: Das Greenhorn wurde durch ein Urgestein ersetzt: Jupp Heynckes kam am 30. Spieltag zum zweiten Mal nach München und feierte anschließend dort große Erfolge.

Mit Klinsmann, so die gewagte DAZ-Prognose, fängt der Niedergang der “alten Dame” jetzt richtig an. Der FCA hatte seit seinem Bundesligaaufstieg meist das Glück, dass alteingesessene Vereine sich selbst erschossen, einige davon gar mehrmals: Kaiserslautern, Nürnberg, Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Hannover und nun wieder Köln und wieder Berlin? Der Anfang des Niedergangs ist bei einigen Bundesligisten durch den Einstieg eines Großinvestors gekennzeichnet, siehe Hamburg, Hannover, früher Schalke oder 1860 München. Windhorsts Investition soll durch den Fußballfachverstand Klinsmanns veredelt werden. Das ist so, als würde man Peter Handke bei Union als Torwarttrainer vorschlagen, weil er sich als junger Mann Gedanken über die Angst des Torwarts beim Elfmeter machte.

Sollte der FCA am Samstag in Köln gewinnen und eine Woche später im Heimspiel gegen Mainz ebenfalls einen Dreier verbuchen, dann darf man in Augsburg jedenfalls nach vorne (in diesem Fall in der Tabelle nach oben) schauen, und dabei die Abstiegssorgen anderen überlassen. Ohne Häme soll an dieser Stelle unserem Ex-Teamchef der Wunsch vermittelt werden, dass er das Rückspiel gegen den FCA noch als Hertha-Trainer erleben soll, damit sich der FCA die achte Kerbe in den Revolvergriff schnitzen kann.



LOKALPOLITIK

Ledvance-Gelände steht zum Verkauf an: Stadt im Zugzwang

Die Stadt Augsburg hat sich für das Areal des Ledvance-Geländes ein Vorkaufsrecht gesichert. Nun könnte sie das Gelände kaufen, darf dafür aber keinen Kredit aufnehmen.

Die Stadt sei laut RvS nicht mehr kreditfähig und aus dem Haushalt heraus seien 40 Millionen für die Stadt nicht zu stemmen. Ein Topgründstück zu einem günstigen Preis steht zum Verkauf an und die Stadt muss passen © DAZ

Aktuell liegt Ledvance ein Angebot eines Immobilienentwicklers vor. Eine Kaufsumme von wohl zirka 40 Millionen Euro ist aufgerufen, wie aus einem Dringlichkeitsantrag der Ausschussgemeinschaft hervorgeht. Die Stadt muss sich nun entscheiden, ob sie bereit ist, etwa diesen Betrag für den Kauf des 120.000 Quadratmeter großen Grundstücks in die Hand zu nehmen, um selbst die Entwicklung des Areals zu betreiben – oder eben die Wohnbebauung einem Frankfurter Investor überlässt.

Da laut Finanzreferentin Eva Weber im Haushalt der Stadt kein Spielraum für diese Summe vorhanden sei, hat sie bei der Regierung von Schwaben angefragt, ob sie der Stadt einen Kredit in dieser Höhe genehmigen würde. Die Antwort war abschlägig: Im Gegensatz zur Schulsanierung, sei die Entwicklung von Grundstücken keine Pflichtaufgabe, es bestehe keine Verpflichtung zum Erwerb des Areals. Es müsse vielmehr mit Blick auf die kommenden Generationen ein geordneter Schuldenabbau erfolgen, um die finanzielle Leistungsfähigkeit der Stadt zu erhalten. Außerdem führt die Regierung von Schwaben ins Feld, dass eine Refinanzierung nur vage einschätzbar sei, da mit Bodenbelastungen zu rechnen sei, also mit Folgekosten, die nicht zu kalkulieren sind.

Auf dem Gelände der ehemaligen Weltfirma Osram sollen Wohnungen gebaut werden © DAZ

Die Stadt folgt der Argumentation der Regierung von Schwaben mit einer Begründung, deren Eingangssatz der Regierung nach dem Mund spricht: “Für die Ausübung des Vorkaufsrechtes besteht, unbeschadet der fehlenden finanziellen Mittel, keine Notwendigkeit.” Begründet wird die “Nichtnotwendigkeit” damit, dass die Planungshoheit weiter über Bebauungspläne und planungsrechtliche Nutzungsverordnungen und städtebauliche Verträge gesichert sei.

Die abschlägige Antwort der Regierung von Schwaben und die Begründung der Stadt, dass der Erwerb des Grundstückes nicht notwendig sei, hat die sechsköpfige Ausschussgemeinschaft heute veranlasst, einen Dringlichkeitsantrag zu stellen, der im morgigen Stadtrat zu behandeln ist: “Wir stellen den Dringlichkeitsantrag, vom Vorkaufsrecht für das Ledvance-Gelände Gebrauch zu machen.” 

Begründet wird der Antrag folgendermaßen: Der zur Stadtratssitzung vorgelegte Bericht beinhalte die überraschende Aussage, dass die Altlastenbeseitigung der Verkäufer zu tragen habe, “womit das Kaufpreisrisiko und damit die bisherige Einschätzung einer „blackbox“ entfällt”, ein Kostenrisiko würde somit ebenfalls entfallen. Außerdem sei der Kaufpreis im Vergleich zur derzeitigen Marktsituation günstig. “Die Käufer beabsichtigen das Areal gemeinsam mit der Stadt zu entwickeln, um damit eine profitable Wertsteigerung zu erreichen, die beim Weiterverkauf gute Spekulationsgewinne sichert. Damit werden die Preise auf dem Wohnungsmarkt in die Höhe getrieben,” so die Stadträte Schafitel, Süßmair, Hutter, Pettinger, Stuber-Schneider und Nowak.

Außerdem hätte die Stadt, so die Ausschussgemeinschaft weiter, mit dem Kauf des Geländes die Möglichkeit, den Wohnungsmarkt zu stabilisieren und das Areal eigenständig zu entwickeln.



SCHAUSPIEL

Staatstheater: Uraufführung von „freiheit.pro” – Eine eindringliche Inszenierung der hemmungslosen Mediengeilheit

Das Staatstheater Augsburg zeigt auf beklemmende Weise die Hemmungslosigkeit im weltweiten Netz

von Halrun Reinholz

“freiheit.pro” © Jan-Pieter Fuhr

Es geht um Medien. Eine rasante Entwicklung hat dazu geführt, dass „digital natives“ in jeder Lebenslage mit dem „WWW“ verbunden sind. Dass sie Realität nur noch durch diesen Filter sehen. Hansjörg Thurn, Jahrgang 1960 und definitiv kein wirklicher „native“ der neuen Medien, gelingt mit diesem Stück eine sehr eindringliche Analyse des Verhaltens einer Generation ohne jede ethischen Bedenken: Leben ist längst keine Privatsache mehr, sondern Subjekt der Teilhabe im Netz. Leo Schneider (bestechend empathielos: Julius Kuhn) ist 17 und eine der Hauptfiguren des Stücks. Er sieht das Leben nur durch die Linse der Webcam, die immer einsatzbereit zur Verfügung steht. 

In der gegenüberliegenden Wohnung beobachtet Leo mit professionellem Interesse ein Mädchen im Rollstuhl, das sich offenbar das Leben nehmen möchte und dabei mehrfach erfolglos ist. Damit wird sie der von Leo kreierte Medienstar „Kitty Diabolo“. Leo nimmt in der realen Welt Kontakt zu dem Mädchen Emmy Olitzki (großartig: Marlene Hoffmann) auf und drängt sie zu einem Deal: Der Selbstmord, so er als freie Entscheidung jemals zustande kommt, soll im Netz stattfinden, vor aller Augen. Die Klick-Zahlen steigen rasant, schon angesichts der Ankündigung Leos. 

Mehmet, sein  unreflektierter Gefährte und Erfüllungsgehilfe (erschreckend lebensecht: Baris Kirat) treibt mit seiner fieberhaften Jagd nach sensationsgeilen Followern die Handlung voran: „Das Netz brennt“. 

Achim Conrad gelingt eine eindringliche Inszenierung der hemmungslosen Mediengeilheit auf der Brechtbühne. Lebensnah die Charaktere, Täter und Opfer zugleich. Auch „Kitty Diabolo“ macht das Spiel mit, gefällt sich in der Inszenierung mit der letzten Konsequenz. Die Erwachsenen, Leos Eltern – eine Stadträtin (Anne Lebinsky) und ein Psychotherapeut (Sebastian Müller-Stahl)  – und  Emmys Vater (Kai Windhövel), kommen nur in der Rückblende des Verhörs zu Wort. Sie können nicht eingreifen, weil ihnen „Freiheit“ ein hohes Gut ist. Die Handlungsfreiheit der Jugendlichen steht über dem Machtwort der Eltern und führt zwangsläufig zu deren (Selbst-)Zerstörung. 

In nur 80 Minuten Aufführungsdauer führt „freiheit.pro“ die Perversion eben jener Freiheit vor Augen, die keine ethischen Grenzen kennt. Raissa Kankelfitz verpasst der Handlung das passende Bühnenbild: Ein Haus, das Stück für Stück in sich zusammenfällt, bis nur die Badewanne mit den Kerzen übrigbleibt, die sich „Kitty“ als Szenerie des Abschieds im Netz gewünscht hat. Alles Inszenierung, alles Schein.  Dicht und erschreckend, daher nur für Jugendliche ab 16 empfohlen.



FCA: Gregoritsch entschuldigt sich und ist wieder dabei

Nach seinen vereinsschädigenden Äußerungen und der darauffolgenden Suspendierung hat sich Michael Gregoritsch entschuldigt und darf wieder am Mannschaftstraining des FC Augsburg teilnehmen.

Reue bringt Michael Gregoritsch bringt wieder zurück ins Team © Siegfried Kerpf

Die Vereinsführung des FCA hat sich mit Michael Gregoritsch gütlich geeinigt und das Thema mit “guten Gesprächen” ad acta gelegt. Gregoritsch kann ab Mittwoch wieder am Training des FCA teilnehmen und ist somit wieder vollwertiges Mitglied im Kader. Bereits am Samstag könnte der österreichische Nationalspieler in Köln zum Einsatz kommen.

„Ich möchte mich beim FCA, der Mannschaft und auch den Fans entschuldigen für meine Äußerungen und vor allem für die Art und Weise, wie ich vorgegangen bin“, so Gregoritsch in einer Pressemitteilung des FCA. „Ich hätte meinem Ärger über meine persönliche Situation nicht über die Öffentlichkeit Luft verschaffen dürfen, sondern hätte dies intern ansprechen müssen. Das bedauere ich sehr, zumal ich schon im Sommer sehr gute Gespräche mit der FCA-Vereinsführung hatte, in denen sich der FCA immer sauber und korrekt verhalten hat.”

Sportgeschäftsführer Stefan Reuter hatte vor dem Gespräch deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Ersatzspieler beim FCA ihre Rolle öffentlich klaglos hinzunehmen hätten. „Die Gespräche mit Michael Gregoritsch waren offen und ehrlich. Wir sind zur Überzeugung gelangt, dass Michael sein Vorgehen bereut. Er hat sich dafür entschuldigt, so dass wir keinen Grund sehen, ihn nicht wieder ins Team aufzunehmen”, so Reuter, der hervorhob, dass Gregoritsch die erwartete Einsichtsfähigkeit zeigte, also eingesehen habe, dass sein Verhalten in einem Mannschaftssport nicht richtig gewesen sei. “Daher werden wir ihm die Chance geben, eine sportliche Antwort auf dem Rasen zu geben.“



STAATSTHEATER

Die rote Zora: Das Meer gehört niemandem

Märchenstück des Theaters plädiert für mehr Gerechtigkeit

Von Halrun Reinholz

Katharina Rehn als Rote Zora © Jan-Pieter Fuhr

Kurt Helds Roman „Die rote Zora und ihre Bande“ schildert eine Welt, in der Kinder am Rand der Gesellschaft stehen und sich Gerechtigkeit verschaffen. Ein stets aktuelles Thema, das das Augsburger Staatstheater in seiner diesjährigen Inszenierung für Kinder und Familien in den Mittelpunkt stellt. Zora, wegen ihres roten Haarschopfes „Die rote Zora“ genannt (in der Titelrolle: Katharina Rehn – statt des Haarschopfs mit einer Kopfbedeckung versehen, die sich später als Tintenfisch entpuppt), steht als Außenseiterin an der Spitze einer Kinderbande, die sich das holt, was ihr die Gesellschaft verwehrt, nämlich Nahrung. 

Der erfahrene Jugendtheater-Regisseur Simon Windisch aus Graz hat die Geschichte im Martinipark umgesetzt. Die Kinder sind bei ihm Möwen, die auf die Brosamen (oder Fischreste) angewiesen sind, die man ihnen zuwirft. Der schüchterne Branko (wunderbar: Anatol Käbisch), dessen Mutter gerade gestorben ist, weshalb er auf der Straße und wegen eines vermeintlichen Diebstahls sogar im Gefängnis landet, stößt zu Zoras Bande dazu und gerät in den Sog der Abenteuer um Gerechtigkeit, Gleichgültigkeit, Ausbeutung und Hartherzigkeit. 

Gemeinsam helfen die Kinder dem Fischer Goran (Andrej Kaminsky), der als einziger ihre Geschichten kennt und ein Herz für sie hat, sich gegen den nimmersatten Ausbeuter Karaman (mit bösem Zynismus: Sebastian Baumgart) zu wehren, der den Fischfang mit fiesen Tricks monopolisieren will. Der umfangreiche und komplexe Roman ist als dramaturgische Vorlage nur bedingt geeignet, die Szenen werden deshalb immer wieder durch erzählerische Passagen verbunden. Das ist bei Kinderstücken nicht ungewöhnlich, hier aber durch die Vielfalt an Personen und Rollenwechseln zunächst etwas verwirrend. 

Im ersten Teil kommt die Handlung auf der Bühne deshalb kaum in Fahrt. Hilfreich ist da auch das Bühnenbild nicht, das in der Art von „Hafencontainern“ mobile Elemente enthält, die sich zwar zweckgebunden verschieben lassen, aber keinen kindergerechten Anreiz für das Auge bieten. Was die Personenführung betrifft, kann man Kindern abstrakte Rollenspiele zwar sehr wohl zumuten, doch lässt sich diesen auf der Bühne nur schwer folgen, wenn Charaktere wie im Puppenspiel durch sprechende Müllsäcke verkörpert werden, die ihre Rollen blitzschnell wechseln. 

Die Möwen-Parabel ist dabei noch zusätzlich verwirrend, denn im Text ist immer von Kindern die Rede, während die Gestalten auf der Bühne alberne Vogel-Laute ausstoßen und mit den segelartigen Flügeln (Kostüme: Rosa Wallbrecher) wackeln. Auch die Musik von Robert Lepernik, die das Geschehen immer wieder begleitet, ist leider für Kinder kaum eingängig. Die hintergründige Inszenierung hat insgesamt eher reifere Jugendliche im Auge.  

Erst nach der Pause lässt das Spiel eine sich steigernde dramatische Linie erkennen, was die Reaktionen des jungen Publikums auf einmal deutlich verändert. Der Kampf gegen Karaman wird offensiv und emotional, die Kinder verlangen zum Schluss sogar eine „Zugabe“ der Schauspieler. Simon Windisch hat dadurch gerade noch „die Kurve gekriegt“ und den immerhin doch sehr jungen Kindern, die Zielgruppe des Familienstücks sind,  letztlich noch eine Identifikationsmöglichkeit bei diesem hoch aktuellen Thema geboten.  

Das Spiel der (insgesamt nur sieben) Schauspieler überzeugt dagegen durchgehend – Zusammenhalt und Eifersüchtelei, Gerechtigkeitssinn und Grausamkeit, aber auch Hilfsbereitschaft von manchmal unerwarteter Seite (etwa der Tochter des Bürgermeisters),  werden zwar bewusst plakativ, manchmal etwas zu manieriert, aber unmissverständlich  zelebriert. Und zuletzt siegt, wie kann es anders sein, die Gerechtigkeit. Am Ende also doch noch alles gut im Märchenstück.



MEINUNG

Kommentar: “Mohr” ist eine Bezeichnung, die Menschen verletzt

Das Hotel Drei Mohren in der Augsburger Maximilianstraße soll seinen Namen und sein Logo ändern, beides sei rassistisch, so die Augsburger Jugendorganisationen von Amnesty und der SPD. Die Hotel-Leitung sieht das anders, auch viele Augsburger scheinen an dem Namen “Drei Mohren” zu hängen. Das ist zu bedauern. Aufklärung und Sprachkritik brauchen Zeit – wie nicht nur das langsame Sterben des “Sarotti-Mohrs” lehrt.

Kommentar von Siegfried Zagler

Es soll kein Zweifel daran bestehen, dass weder die Geschäftsführung noch die Besitzer des Drei Mohren rassistisch ambitioniert sind, auch wenn sie an dem historischen Namen “3M” festhalten wollen. Auch den vielen DAZ-Lesern, die sich in Leserbriefen (die Leserbriefspalte der DAZ befindet sich auf Facebook) für die Beibehaltung des kolonialen Namens einsetzen, sollte man nicht mehr unterstellen, als eben den Wunsch, dass das Drei Mohren weiterhin Drei Mohren heißen soll. Die Argumente derjenigen, die weiterhin auf den Namen bestehen, sind allerdings dünn, ihre Argumentation oft bleiern und teilweise herablassend.

Zuerst wird festgestellt, dass das Thema bezüglich Rassismus und bezüglich anderer Probleme irrelevant sei. Zweitens wird behauptet, dass der Name auf realen Ereignissen der Vergangenheit fuße, und deshalb unverfänglich sei. Und drittens, so die Umbenennungsgegner, wären, wäre die Typologisierung “Mohr” rassistisch, bestimmte Stellen in der deutschen Literatur, oder in Kinderbüchern und Comics zu streichen. Außerdem gebe es Ortschaften, Wappen, Straßen, Sammlungen, Biere, Apotheken, die den Namen “Mohr” führten, selbst Familiennamen müssten geändert werden.

Offensichtlich sind mit dem Haus in der Maximilianstraße Heimatgefühle verbunden. Das Drei Mohren ist ein Stück Augsburger Identität, eine historisch verankerte Instanz wie der Perlach, der Dom oder das Große Haus am Kennedyplatz, das seit kurzem “Staatstheater” heißt. Das Hotel-Management kann stolz darauf sein, dass das Augsburger Drei Mohren mehr ist als ein Hotel mit gutem Ruf. Genau deshalb ist es ja zur Zielscheibe von Protesten geworden. Niemand käme ernsthaft auf den Gedanken, gegen den “Mohrenkönig” in der Sulzerstraße einen Feldzug zu führen. Würde sich das Drei Mohren umbenennen, wäre das ein großer Schub in die richtige Richtung, dessen Sog vermutlich auch den Mohrenkönig mitreißen würde.

Die erhöhte Anzahl schwarzafrikanischer Einwanderer und Asylbewerber in jüngerer Zeit, ihr Bemühen um Integration und Bleiberecht haben das bisher eher theoretisch verhandelte Thema “Rassismus gegenüber Schwarzen” in eine neue gesellschaftliche Relevanz geführt, die emotionale Diskussionen auslöst, die es in Deutschland in dieser Heftigkeit noch nicht gab. Von jenen, die gegen eine liberale Zuwanderungspolitik eintreten, wird dabei unermüdlich auf das kleinteilige System der Political Correctness verwiesen, das sie als ein Mittel “vorstaatlicher Zensur und Propaganda” begreifen. Political Correctness sei ein System der Unterdrückung, das sich auf die Eliminierung kultureller Werte, milieubedingter Gewohnheiten und kulturell abgesicherter Metaphern spezialisiert zu haben scheint. Ein System, das man zu ignorieren habe, weil es einen albernen Angriff auf die Sprache führe.

Fangen wir also genau damit an, was die Verteidiger des Identitären den Vertretern der Political Correctness absprechen, nämlich die Ernsthaftigkeit. Und wie so oft hilft ein Blick in die Geistesgeschichte, besser ins Drama. In Friedrich Schillers „Verschwörung des Fiesco zu Genua“, dritter Akt, vierter Auftritt: Muley Hassan hat soeben dem Fiesco, Grafen von Lavagna, etliche Intrigen enthüllt und Spitzeldienste geleistet und hofft jetzt auf Belohnung. Doch Fiesco lässt ihn abblitzen: „Kerl, du verdientest einen eigenen Galgen, wo noch kein Sohn Adams gezappelt hat. Geh ins Vorzimmer, bis ich läute.“ Darauf grummelt Muley Hassan: „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“

Ein gutes Beispiel dafür, dass auch die berühmtesten Zitate im deutschen Sprachgebrauch im Lauf der Jahrhunderte ein Eigenleben entwickeln: Bei Schiller war nicht von “Schuldigkeit” die Rede. Schillers Mohr hat gearbeitet. Das hat wenig mit Schuld, sondern vielmehr mit Arbeit zu tun, Lohnarbeit, die zu bezahlen ist. Der “Mohr Hassan” wird um seinen Lohn geprellt, er beklagt sich darüber und führt dabei fatalistisch den “Mohr” ins Feld, der er zu sein scheint, und mit dem man eben so umgehen könne. Schillers Muley Hassan ist nicht zufällig schwarz. Sein Part steht für die vorgeschobene, also verlogene höfische Toleranz und Weltläufigkeit. Hier muss nichts verändert werden. Das Gleiche gilt für Shakespeare, Mark Twain und viele mehr. Ihre Werke sind Dokumente, die Zeitgeist reflektieren. Huck Finn, der einen Sklaven befreit und mit ihm auf einem Floß flieht, sagt in diesem Zusammenhang achselzuckend zu sich selbst, als sich sein Freund (“der Sklave Jim”) gegen ihn durchsetzt: “Gibst du einem Neger den kleinen Finger nimmt er die ganze Hand.”

Wer nun meint, Literatur, Kinderbücher oder gar Familiennamen verändern zu müssen, weil man in Augsburg an einem prominenten Ort ein prominentes Hotel umbenennen will, hat sich weder ernsthaft mit Literatur noch mit dem Phänomen der Konnotation befasst. Es spielt nämlich keine Rolle, ob “Neger” von negro/negra hergeleitet wurde, oder ob diese rassistische Typologisierung geografischen Ursprung hat, da die ersten Sklaven aus dem westafrikanischem Niger bzw. aus der Gegend des Flusses “Niger” gefangen und deportiert worden sein sollen. Nicht die Denotation eines Begriffes ist von Bedeutung, sondern seine Konnotation, also der kontextuelle Gebrauch in der Sprache: “Nigger” ist eindeutig als Herablassung, als Schimpfwort konnotiert. Das Gleiche gilt für die europäische Variante “Neger”. Keine Frage also, dass man sich in einer urbanen und globalisierten Welt von diesen herablassenden Typologisierungen zu verabschieden hat. Das gilt auch für den “Mohren”, der im deutschen Sprachgebrauch weniger drastisch konnotiert wurde, aber insgesamt deutlich unter der Flagge der Kolonialisierung segelt.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Name “Drei Mohren” eine dunkle Phase der Zivilsationsgeschichte konnotiert, eine Phase, die nie ganz zu Ende gegangen ist und deren matter Spiegel allzu oft in die Gegenwart scheint. Naiv wirkt dagegen die Herkunftserklärung der Steigenberger Geschäftsführung, die sich auf den Heiligen Mauritius beruft, einen Kirchenmann, der dunkelhäutig gewesen sein soll und im Besitz der Heiligen Lanze – und deshalb im Mittelalter zum Schutzpatron der Kirchenheere avancierte.

Ob in Frankfurt Eschersheim, wo es um eine Apotheke geht oder die “Mohrenstraße” in Berlin, die ebenfalls ins Feuer der Kritik geriet, oder bei “Pippi Langstrumpf”, wo der “Negerkönig” zum “Südseekönig” wurde sowie in der “Kleinen Hexe” die “Negerlein” aus dem Buch gestrichen wurden: Es ist immer das gleiche Prozedere. Die Verteidiger und Inhaber der Namensrechte müssen sich weniger Kritik gefallen lassen als diejenigen, die gegen diese rassistische Sprachhülsen vorgehen. Dabei wirkt Rassismus-Kritik in den meisten Fällen, wenn auch langsam: Das Verschwinden des “Mohrenkopfes” ist bekannt. Er wurde als “Schaumkuss” wiedergeboren. Mindestens ein Vierteljahrhundert hat sich ein großer Schokoladenwarenhersteller gegen die Kritik an seinem “Mohren-Labeling” gewehrt. Nun heißt der “Sarotti-Mohr” “Magier der Sinne”.

Das Wort “Mohr” ist eine stereotype Bezeichnung. Dahinter stehen Menschen, die, wenn sie so bezeichnet werden, verletzt werden. Das ist ernst zu nehmen. Ernster als der Einwand, dass man sich gegen den Entzug der eigenen Sprache, der eigenen Welt zu wehren habe.

Foto: Eine der drei Mohrendarstellungen an der Fassade des Steigenberger Hotels © DAZ